Werbemüll: Das windige Geschäft mit der Spam-Wut - DER SPIEGEL
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Werbemüll Das windige Geschäft mit der Spam-Wut

Die Werbemüll-Flut findet immer neue Wellenreiter. Die neueste Masche: Selbsternannte Schutzengel versprechen dem genervten Internet-User, seine E-Mail-Adresse von den Listen der Spammer entfernen zu lassen - gegen eine kleine Gebühr natürlich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Vorschlag ist einfach: Warum schlecht funktionierende Spamfilter benutzen, wenn man das Übel bei der Wurzel packen kann? Wer erst gar nicht in den Datenbanken der Werbemüll-Verursacher registriert ist, kriegt auch keine unerwünschte Werbung. So etwa argumentiert eine neue Spezies von Dienstleistern, die ihren Kunden das Ende der Spam-Seuche verspricht. Man müsse sich dafür lediglich auf eine "Do Not Spam"-Liste setzen lassen.

Gratis geht das natürlich nicht. Remove.org etwa verlangt einen Jahres-Obolus von 9,95 Dollar für den Schutz vor Spam und Porno-Mails. Im Gegenzug muss das Mitglied nicht etwa nur seine E-Mail-Adresse, sondern auch Name, Anschrift, Telefon- und Faxnummer nennen. Bekommt einer der 50.000 Kunden, die das Unternehmen mittlerweile geworben haben will, unerwünschte Werbung, will Remove.org den Spammer bei dessen Provider anschwärzen oder gleich juristisch aktiv werden.

Mit der Jahresgebühr sollen immense Kosten gedeckt werden, denn immerhin behauptet Remove.org, mit Staatsanwälten und Justizbehörden zusammenzuarbeiten. Das suggeriert juristische Potenz, doch Anti-Spam-Gesetze gibt es in den USA nur hier und dort, ein Bundesgesetz dagegen nicht. Sitzt der Spammer noch dazu in Weißrussland, dürften ihn US-Gesetze ohnehin kaum kratzen.

Seltsame Allianz zwischen Spammern und Müllmännern

Andere Anti-Spam-Dienstleister arbeiten gar mit dem eigentlichen Gegner zusammen. Globalremove.com etwa erklärt, dass es im Interesse von Marketingfirmen liege, Kunden und Internet-Serviceprovider nicht mit unerwünschter Massenpost gegen sich aufzubringen. Deshalb seien die Spammer durchaus bereit, freiwillig die E-Mail-Adressen jener "Kunden" zu löschen, die keine Werbung wollten.

Dass das auf so ziemlich alle Spam-Empfänger zutreffen dürfte, ist nicht die einzige Merkwürdigkeit des Modells. Stutzig macht vor allem die enge Partnerschaft zwischen Spammern und Spam-Killern. Die Werbemüll-Verursacher dürfen sich etwa damit brüsten, mit Globalremove zu kooperieren. Für jeden Kunden, der sich daraufhin auf die Anti-Spam-Liste setzen lässt, zahlt Globalremove dem Spammer einen Dollar, kassiert vom Internet-Nutzer aber fünf Dollar - ein prächtiges Geschäft für Spammer und Spam-Killer; Globalremove spricht auf seiner Webseite von einer "Win-Win-Situation".

Offen ist, ob auch der Internet-Surfer ein Gewinner sein wird. Sollte dessen Postkasten trotz Listen-Gebühr immer noch verstopft sein, kann er nach Ansicht des amerikanischen Direktmarketing-Verbands (DMA) den Anti-Spam-Dienst kaum zur Rechenschaft ziehen. Schließlich ist die Benutzung von "Do Not Spam"-Listen für Spammer vollkommen freiwillig, und Spammer gibt es viele. "So weit ich weiß, sind diese privaten Dienste nichts als Betrug", schimpft Dave Brussin von der ePrivacy Group, die vom US-Kongress die gesetzliche Verankerung eines Anti-Spam-Verzeichnisses fordert.

Angst vor Missbrauch

Die Idee der "Do Not Spam"-Liste ist im Grunde nichts weiter als die Kopie der "Do Not Call"-Liste der US-Handelsbehörde FTC. Die Initiative, die im vergangenen Oktober startete, soll Bürger vor unerwünschten Anrufen durch Telefon-Marketingfirmen schützen.

Im Gegensatz zu Telemarketern aber agieren Spammer anonym. Experten der FTC mögen deshalb nicht so recht an den Erfolg privater Anti-Spam-Listen glauben. Im Gegenteil: Sie befürchten eine Verschärfung des Problems. Eine Liste mit zehntausenden, garantiert authentischen E-Mail-Adressen könne von Spammern, die scheinbar brav auf "Do Not Spam"-Listen eingehen, missbraucht werden - um unter anderem Namen ihren Werbemüll noch gezielter unters genervte Volk zu bringen.

Markus Becker