White, Brown und Pink Noise YouTube gegen die Schlaflosigkeit
Es brummt leise, gern mal zehn Stunden lang. Für manche ist es auch ein Summen, ein Rauschen oder ein sanftes Pfeifen. Mal wird der Klang als weiß beschrieben, mal als braun oder pink. Die Videos haben schlichte Titel, kommen auf den ersten Blick bedeutungslos daher. Doch ihre Tonspur zeigt offenbar Wirkung. Vielen Nutzerinnen und Nutzer von YouTube bieten Clips wie »Deep Layered Brown Noise« oder »White Noise Black Screen« angeblich Erlösung, einen Ausweg aus der flirrenden Nervosität des Alltags. »Es hat mein Leben verändert«, heißt es in einem der vielen euphorischen Kommentare. »Ich kann endlich schlafen.«
Auf YouTube finden sich allerlei Videos, die Menschen beim Einschlafen helfen sollen, vom Kaminfeuer über den Regenschauer bis zum Meeresrauschen. Es sind Klangkulissen, die andere Geräusche übertönen und so für eine tiefe Entspannung sorgen sollen. Doch so breit und spezifisch das Angebot ist: Auch jene Videos mit dem schwer zu definierenden Klang sammeln Millionen Klicks – und Tausende Kommentare darunter drehen sich um den Traum vom Schlaf in Zeiten der Reizüberflutung durchs Smartphone.
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Die diffusen Töne sollen auch helfen, sich zu fokussieren oder beim Lernen zu konzentrieren. Und sogar zum Beruhigen von Babys werden sie eingesetzt. Das Besondere an ihnen ist, dass sie schier alles sein können. Eine Reise etwa. »Erinnert an lange Autofahrten, Schlafen auf dem Rücksitz mitten in der Nacht, während jemand anderes fährt. Straßenlaternen, die über dich hinwegfegen und deine Augenlider erhellen«, schreibt ein Kommentator unter einem der Clips. »Das klingt, als wenn du unter der Dusche stehst und dein Kopf direkt unter der Brause ist und du mit deinen Händen deine Ohren bedeckst«, kommentiert jemand anderes.
Viele Menschen haben Schlafstörungen
Die Videos sind wie auditive Rorschachtests, viele der kommentierenden User erinnern sie an Momente des Wohlbefindens. Nächte in einem Flugzeug etwa kommen jemandem in den Sinn – alle schlafen, nur man selbst ist wach. Ein entfernter Regenschauer oder leise rieselnder Schnee am Morgen. Die Kommentare sind geprägt von Sehnsüchten: Die Videos werden so zu Stellvertretern für Orte und Situationen, an und in denen die Welt in Ordnung wirkte.
Genauso zeugen viele der kurzen Kommentare von Schlaflosigkeit. Von Panikattacken ist da viel die Rede, von nervösen Zuständen, tiefer Unruhe, Tinnitus. Nutzerinnen und Nutzer beschreiben, dass sie seit Wochen keinen erholsamen Schlaf mehr hatten. Wegen Stress in der Schule, Stress auf der Arbeit, Stress durch die Pandemie.
Eine Studie des Deutschen Ärzteblatts aus dem letzten Jahr ergab , dass ein Achtel der 12- bis 17-Jährigen unter chronischem Schlafmangel leidet. Die DAK wiederum fand 2019 heraus, dass etwa ein Drittel deutscher Schülerinnen und Schüler unter Schlafstörungen leidet. Als möglicher Grund wird in beiden Arbeiten auch das Smartphone genannt. Spätabends blicken viele noch auf ihre Bildschirme, scrollen durch Timelines – lassen sich zusätzlich stressen. Einige von ihnen finden schließlich ihren Weg zu YouTube und klicken dort auf ein Video mit dem für sie angenehmen Rauschen.
»Wir verlernen oft, uns zu entpflichten«
»Solche Videos haben keine magische Wirkung«, sagt Hans-Günter Weeß. Er ist psychologischer Psychotherapeut und Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster. Es seien keine Tonwellen, die direkt ins Gehirn eindringen und es zum Schlafen zwingen würden. Vielmehr handele es sich um beruhigende Berieselung – eine von vielen Möglichkeiten, um bei stressbedingtem Schlafmangel zur Ruhe zu kommen. »Es geht nicht um das Geräusch selbst, sondern darum, was ich damit anfange«, sagt Weeß. Wichtig sind also die Assoziationen, die diese Klänge hervorrufen.
Auch Hans-Günter Weeß berichtet, dass Schlafstörungen gerade unter Jugendlichen zugenommen haben. »Wir verlernen oft, uns zu entpflichten. Dann sind wir die ganze Nacht online, immer erreichbar«, sagt er. Diese Non-Stop-Gesellschaft könne Stress hervorrufen. Und Stress ist der größte Feind des Schlafs.
Hans-Günter Weeß betont, dass es nicht das eine richtige Mittel gegen Schlaflosigkeit gebe. Entspannungsübungen, auf Fantasiereisen gehen, Beruhigungsmittel – verschiedene Ansätze können Menschen helfen, in den Schlaf zu finden. Warum also nicht auch einmal probieren, dem Rauschen zu lauschen? Weeß sagt, er würde empfehlen, die Videos herunterzuladen, »damit sie auch offline gehört werden können«. Ein empfangsbereites Smartphone im Bett sei seiner Erfahrung nach keine gute Idee.
Helfen die Videos jemandem tatsächlich zu entspannen, hat das Smartphone eine bemerkenswerte Doppelrolle: Es befeuert womöglich die Schlaflosigkeit – liefert bei bewusster Nutzung dann aber auch die Inhalte, die jene Person in den Schlaf führen.
Neben dem Ton haben die Videos womöglich eine weitere entspannende Ebene. »Wenn du mal drüber nachdenkst, wir schlafen alle zusammen – wie bei einer Übernachtungsparty«, schreibt ein Kommentator und macht diese Ebenso so greifbar. Ein Clip wie »Deep Layered Brown Noise« wird durch all die Kommentare zu einer gemeinsamen Erfahrung, zu einer gemeinsamen Bewältigung der Schlaflosigkeit. Wer populäre Videos wie »White Noise Black Screen« ansteuert, weiß, dass er nicht der Erste und nicht der Letzte sein wird, der sich dafür entscheidet.
Die meisten Nutzerinnen und Nutzer verbindet offenbar, dass es die Geräusche der Großstadt sind, die übertönt werden sollen: laute Nachbarn, Straßenverkehr. In dem sphärischen Rauschen finden Menschen Schlaf oder zumindest interessante Gedanken. In einem Kommentar heißt es: »Es muss ziemlich entspannend sein auf dem Todesstern.«