BUNDESWEHR Angst vor dem Rätsel Frau
Hauptfeldwebel Anton Hastreiter aus Bogen in Bayern ist Soldat aus Leidenschaft. Zurzeit dient der gelernte Panzergrenadier im Auslandseinsatz in der Task Force Prizren im Kosovo. Das Gelände sichern, bedrohte Bürger schützen, versteckte Waffenlager aufspüren - das ist seine Welt.
Was da auf jeden Fall nicht dazugehört, sind Frauen, die dasselbe machen wie er, schon gar nicht, wenn sie ihm Befehle erteilen. »Ein weiblicher Kompaniechef, der mich anpfeift, damit hätte ich schon ein gewaltiges Problem«, sagt Hastreiter, 45.
Der Panzergrenadier muss sich womöglich bald schon umgewöhnen. Ab 2001 werden Frauen in der Bundeswehr auch an der Waffe dienen, in allen militärischen Laufbahnen, auch in jenen, die bisher als ureigenste Männerdomänen galten wie Kampfjetpilot, Fallschirmjäger und Kampfschwimmer. Schon nächstes Jahr könnte die erste Kämpferin im Kosovo stehen.
»Wir haben nichts gegen Frauen«, erklärt ein bayerischer Oberstarzt, »nur sagen lassen wollen wir uns von denen nix.«
Panzergrenadier Rainer Heusch, 33, aus Frankfurt fürchtet um die Kampfkraft, wenn Frauen bei der Truppe dienen. »Zu viel Irritation bei einem Job, wo es ums Töten und Getötetwerden geht«, erklärt der Hauptmann. »Man sieht doch als Erstes die schöne Frau, den Geschlechtspartner, nicht den Kameraden, da kommt sofort mein Kavaliersinstinkt durch.«
Heuschs Kollege Swen Möser, 29, fürchtet die drohende »Konkurrenz«, wenn sich Frauen durch ihren Charme bei Vorgesetzten Vorteile verschaffen. Außerdem hat er Angst vor »falschen Beschuldigungen wegen sexueller Belästigung": »Wem glaubt man wohl?«, fragt sich der Oberfeldwebel.
Mike Bobart, 26, Feldwebel beim Wachbataillon des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin, stört sich nicht grundsätzlich daran, dass es bewaffnete Soldatinnen geben soll, nur in seiner Einheit will er sie nicht haben: »Laut Exerzierordnung müssen wir den Karabiner dicht an die Brust pressen. Wie sieht das denn aus: alle in einer Reihe, und bei den Frauen steht das Gewehr schief?«
Grundausbilder Sebastian Bischoff, 24, vom Fallschirmjägerbataillon 373 im brandenburgischen Doberlug-Kirchhain ist ernsthaft schockiert darüber, dass in seine Reihen demnächst weibliche Soldaten einrücken könnten. Die Disziplin, die Kameradschaft, der Zusammenhalt seien gefährdet. »Katastrophe! Die Jungs drehen ja so schon durch, wenn sie zwei, drei Wochen nicht aus der Kaserne dürfen«, sagt Bischoff: »Das geht voll daneben.«
Zu den Vorzügen der traditionellen »Männergesellschaft« bekennt sich auch
Oberstleutnant Michael Uhrig, 44, Kommandeur des Jägerbataillons im sächsischen Marienberg: »Ein weiblicher Kampfoberst wäre das Letzte, was mir fehlt.«
Die Vorbehalte in der Truppe gelten neuerdings als nicht mehr ganz zeitgemäß und werden deshalb von den Oberen, politisch korrekt, als Meinung Einzelner gewertet. Denn spätestens seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg vom Januar, mit dem sich die inzwischen 23-jährige Elektronikerin Tanja Kreil die Möglichkeit zum Dienst mit der Waffe in der Bundeswehr erklagte, ist es offizielle Linie, die Armee für Frauen so attraktiv wie möglich zu machen.
Die Organisation hat ihre Chance erkannt, mit der sich verändernden Gesetzeslage dramatische Personalengpässe auszugleichen, vor allem in den Bereichen Technik, Logistik und Fernmeldewesen - derzeit fehlen rund 7000 Unteroffiziere und 2000 Zeitoffiziere. Seit für die Auslandseinsätze immer mehr Freiwillige benötigt werden, mangelt es an geeigneten Bewerbern. »Die Nerven liegen blank«, erklärt Oberst Klaus Schneider, 56, der als Leiter der Offizierbewerber-Prüfzentrale in Köln den Nachwuchs sortiert: »Manchmal fragen wir uns, wie wir die Probleme in Zukunft lösen sollen: Lücke oder Krücke?«
So verspricht Marineinspekteur Hans Lüssow, 58, neuerdings, den Soldatinnen »alle Türen« offen zu halten - selbst die ins U-Boot. Generalinspekteur Harald Kujat, 58, betont, Vorbehalte gegenüber Frauen seien passé: »Sie dürfen alles dürfen, wenn sie alles können - also auch Tornado fliegen oder Panzer fahren. Das ist nicht nur so dahingesagt, das meinen wir auch so.«
Allen voran preist SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping - dem Spitzenmilitärs anfangs noch geraten hatten, Soldatinnen aus den Elite-Einheiten fern zu halten - die neue Freizügigkeit beim Militär, wenn auch noch etwas hölzern: »Der Bereich, der über das militärische Können hinausweist, den man mit Empathie beschreibt, könnte eine Verstärkung durch Frauen in Führungspositionen erfahren. Das ist wünschenswert.«
Pessimisten wie die Frauenbeauftragte im Verteidigungsministerium, Rita Scholz-Villard, glauben zwar, es handle sich dabei nur um Lippenbekenntnisse: »In Wahrheit stehen die Männer nicht dahinter.« Beim Bund träfen »Frauen von heute auf Männer von gestern«.
So zeigte es Ende der neunziger Jahre auch, dekorativ inszeniert, der Film »Die Akte Jane« mit Demi Moore. Darin boxt sie sich als Leutnant Jordan O''Neil in der US-Militärhierarchie verbissen gegen die Vorurteile der männlichen Kameraden hoch.
Bei der deutschen Armee ist in Sachen Gleichberechtigung nun immerhin der größtmögliche Ernstfall eingetreten. Der Gesetzentwurf des Bundeskabinetts muss noch Bundestag und Bundesrat passieren, auch die Soldatenlaufbahnverordnung muss angepasst werden. In den Kasernen herrscht jedoch bereits erhöhte Alarmbereitschaft, und die Führung bereitet sich akribisch auf die neue Lage vor.
Die Integration von Frauen werde das »gemeinhin übliche soldatische Verständnis eines männlich kodierten Kämpfers in seinen Grundfesten erschüttern«, warnt das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in einer Studie. Seien Sanitäterinnen und Musikerinnen beim Militär, darunter sogar eine Generalärztin, bislang mit dem Vorurteil »Halbsoldaten« belegt gewesen, werde nun das »Bild des Mannes als Krieger und Beschützer tangiert«, fürchtet Institutsvize Paul Klein, 59.
Das Zentrum für Innere Führung in Koblenz hat sich bereits gerüstet. Im Herbst sollen Kompaniechefs und Kommandeure an »Gender-trainings« (zu deutsch Geschlechterschulungen) teilnehmen, um »Verhaltenssicherheit« im Umgang mit Frauen zu gewinnen.
In einem 60-seitigen Arbeitspapier wird das Rätsel Frau umfänglich entschlüsselt. Vermittelt werden physische Unterschiede ("geringere Arm- und Fingerkraft, größere Wendigkeit, bessere Balance"), psychische Eigenarten ("Stressresistenz höher, höherer Leistungswille, in Gefahr gleich gut") und Motivationstrategien: »Frauen lassen sich eher durch Freundlichkeit und Zuspruch als durch Lautstärke und Befehl anspornen.« Sie wollten »mehr Dialog und stellen mehr Warum-Fragen.«
Kein Thema, das da unerforscht bleibt: Neben einem historischen Exkurs und einem Resümee über Frauen in anderen Streitkräften befassen sich die Autoren vor allem mit der missverständlichen Kommunikation zwischen den Geschlechtern und der Entlarvung falscher Mythen. So hält sich hartnäckig ein Gerücht über israelische Erfahrungen, die angeblich belegen, dass Männer einen »Beschützerinstinkt« gegenüber Frauen entwickelten, wenn diese in Gefahr gerieten. Um sie vor Folter oder Vergewaltigung zu bewahren und zu retten, würden die männlichen Soldaten Befehle nicht mehr befolgen. Die britischen Streitkräfte schließen bis heute Frauen mit dieser Begründung von bestimmten Kampfeinheiten aus.
Die rund 800 Frauen, die sich bislang für den Dienst an der Waffe beworben haben, machen sich über derlei Probleme offenbar wenig Gedanken. »Die sind sehr entschlossen«, sagt Bundeswehr-Personalberater Herbert Weidelich, 47. Im Vergleich mit männlichen Kandidaten seien sie meist eloquenter und hätten bessere Kenntnisse über Bundeswehr und Politik. »Ein ganz anderer Schlag als die Sanitäterinnen, die vor allem helfen wollen«, sagt Weidelich.
Mandy Hartmann, 17, aus Nordhausen in Thüringen will gleich nach dem Abitur zu den Panzergrenadieren, Ziel: Berufsoffizier. Sie spielt begeistert Fußball in der 4. Liga und hat bislang keine Schwierigkeiten damit, sich durchzusetzen: »Ich will eine Führungsposition, ich weiß, wie man sich mit Fleiß und guter Leistung hocharbeitet.« Julia Bade, 19, aus Hamburg bewirbt sich für die Ausbildung zur Hubschrauberpilotin, weil »Technik« sie fasziniert.
Die »elitäre Männerbastion« der Fallschirmjäger reizte die 18-jährige Denise Orschel aus Küllstedt in Thüringen zur Bewerbung: »Ich will die Herausforderung.« Orschel hat keine Bedenken, bei den Kameraden gut aufgenommen zu werden: »Das wird doch alles bald ganz normal sein.«
Zumindest der Start könnte für die Soldatinnen gut laufen. »Sie werden sich hoher Aufmerksamkeit, hoher Toleranz und Akzeptanz erfreuen. Die ersten Einheiten werden gut vorbereitet, die Ausbilder der Frauen handverlesen und ihre Aufgabe optimal sein«, heißt es in einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr. Die »eigentlichen Problemlagen«, prophezeien die Forscher, ergäben sich erst längerfristig, wenn es um die »Akzeptanz von Frauen durch Männer in Konkurrenzsituationen« gehe. »Dann droht der Rückschlag«, sagt Psychologe Klein vom Bundeswehr-Institut.
Die Zahl weiblicher Soldaten wird sich, rechnen Experten, ähnlich wie in anderen europäischen Ländern, von heute 4500 mittelfristig auf etwa 15 000, rund acht Prozent des gesamten militärischen Personals, erhöhen. Ihr Anteil in der Kampftruppe könnte jedoch - so zeigt der Vergleich mit Norwegen, Österreich, Schweden, Spanien und Ungarn, wo es ebenfalls keine Zugangsbeschränkungen für Frauen gibt - marginal bleiben. Entweder erfüllen die weiblichen Soldaten die Leistungsanforderungen nicht, oder es mangelt an Interesse.
Wieweit die Frauen in der Armee Karriere machen, steht dahin. Frauen verfügten über einen »biologisch-genetischen Aufstiegsstopp«, glaubt Psychologe Werner Birke, 60, bei der Bundeswehr für die Entwicklung der Eignungstests zuständig. Sie hätten nicht die notwendige »Einseitigkeit, Engstirnigkeit, den Fanatismus«, um ein Karriereziel »auf Deubl komm raus, um jeden Preis, zu verfolgen«. Birke: »Es fehlt der letzte Biss.«
Das »diffuse Unbehagen«, das Männer nun beschleiche, die sich von den Frauen in ihr letztes Refugium »verfolgt« fühlten, tröstet Birke seine Geschlechtsgenossen, sei zumindest, was die reale Bedrohungslage angehe, kaum begründet. Weibliche Kampfoberste werde es in der deutschen Armee noch länger nicht geben, schon gar nicht in großer Zahl. SUSANNE KOELBL
* Für die Presse gestelltes Foto beim Bundeswehr-Eignungstestfür Frauen im August in Berlin.* Bei Dreharbeiten für den Militärstreifen »Die Akte Jane« (USA1997).