Arbeit bei Frost Die Kältehelden
Ballonfahrer Voigt: "Ich mag's kalt"
Foto: SPIEGEL ONLINEDeutschland bibbert. Auf minus 26 Grad ist das Thermometer nachts im bayerischen Funtensee gefallen, in Ostdeutschland wurden Temperaturen von minus 25 Grad gemessen, in Nordrhein-Westfalen waren es stellenweise bis zu minus 22,5 Grad. Autos mit Dieselmotor bekommen Frostprobleme, der ADAC berichtet von dreimal so vielen Pannen wie an gewöhnlichen Wintertagen, die Binnenschifffahrt ist lahmgelegt.
Auf Friedhöfen können Gräber nur mit schwerem Gerät ausgehoben werden. "Im Moment ist der Boden etwa in einer Tiefe von 20 Zentimetern gefroren. Da kommen wir nur mit Bohrhammer und Kompressor durch", sagt der Betriebsleiter der Freiburger Friedhöfe, Bernhard Keller. Das Ausheben der Gräber dauere etwas länger, Verzögerungen bei den Beerdigungen gebe es allerdings nicht.
Michael Albrecht vom deutschen Friedhofsverwalterverband nennt noch eine andere Vorgehensweise: "In Berlin wird auf den neuen Gräbern Feuer gemacht, eine Haube über die Glut gestülpt und gewartet, bis der darunter liegende Boden schmilzt."
Kälte in Deutschland: Kurz aufatmen, dann weiterfrieren
Problematisch wird es laut Keller erst dann, wenn der Boden mehr als 40 Zentimeter tief gefroren sei. "Das ist im Moment aber nicht absehbar." Er könne sich nicht erinnern, dies in den vergangenen Jahren erlebt zu haben. "Und wir hatten wesentlich härtere Winter."
Tatsächlich werden neue Kälterekorde zurzeit nur in einigen Regionen Deutschlands erreicht - laut dem Wetterdienst meteomedia vor allem im Nordosten und im östlichen Bayern. Ansonsten seien die nächtlichen Temperaturen nicht ungewöhnlich niedrig gewesen, sagt Meteorologe Stefan Laps. Auch der absolute Kälterekord ist den Angaben zufolge noch weit entfernt: An Heiligabend 2001 wurden am Funtensee minus 45,9 Grad gemessen.
Nichtsdestotrotz: Viele Deutsche jammern über die Eiseskälte, nehmen lieber die U-Bahn oder den Bus ins Büro, verkriechen sich unter warmen Decken.
Doch wie geht es den Menschen, denen der Frost im Job zu schaffen macht? SPIEGEL ONLINE hat mit einigen von Ihnen gesprochen.
Ballonfahrer Joachim Voigt: "Ohne Sonne hält man es nicht aus"
Ballonfahrer Voigt: "Ich liebe den Winter"
Foto: SPIEGEL ONLINEJoachim Voigt, 48, schwebt in seinem Fesselballon 150 Meter hoch über Hamburg, die Luft ist klar, der Blick weit. Voigt hat die Hände in den Jackentaschen vergraben und sagt: "Ich mag's gern kalt." Die vereiste Elbe! Der Hafen! "Ich liebe den Winter!"
Am Morgen musste er den Ballon noch am Boden lassen, es war zu kalt, die Gastemperatur darf nicht unter minus zehn Grad fallen. Nun lassen die Bedingungen die Tour wieder zu.
Drei paar Socken, lange Unterhose, drei Pullover und dicke Winterjacke sorgen dafür, dass Voigt auch an diesem eiskalten Tag seinen Job machen kann. Handschuhe und Mütze seien bei diesen Temperaturen eigentlich Pflicht für die Gäste, sagt Voigt. Einige seien schon überrascht, dass es in der Höhe deutlich kälter ist: "Wenn der Wind ins Gesicht bläst, dann prickelt es ordentlich."
Voigt ist seit fast 20 Jahren Ballonfahrer. Im Winter steigt er normalerweise bis 20 Uhr auf. Doch in diesen Tagen ist das unmöglich, er muss früher Schluss machen. "Mit Sonnenuntergang ist Schicht", sagt er. "Ohne Sonne kann man es knicken, das hält man in der Höhe nicht aus."
Die meisten Fahrgäste, so erzählt Voigt schmunzelnd, hätten auch Nachmittags nach der Rückkehr auf den Boden nur einen Gedanken: "Schnell rein ins Warme."
Marktfrau Sabine Schliecker: "Ab 15 Grad minus bleiben wir Zuhause"
Äpfel im Wasserbad: Die Ware kann einiges ab
Foto: Bernd Wüstneck/ dpaDreimal die Woche setzt sich Sabine Schliecker morgens kurz nach 4 Uhr in ihren Verkaufswagen und fährt auf den Wochenmarkt nach Hamburg-Billstedt oder Winterhude. "Das ist kein Spaß bei der Kälte", sagt die Obstbäuerin aus dem Alten Land südlich von Hamburg.
Morgens heizt sie vor mit heißem Tee, trägt mehrere Kleidungsschichten übereinander. Ihre Ware kann einiges ab, den Äpfeln aus eigener Ernte macht die Kälte nicht viel aus, "aber die Südfrüchte müssen wir auf null Grad halten", sagt Schliecker.
Den gut isolierten Wagen heizt sie so gut es geht mit Wärmestrahlern, gießt sich über den Tag immer mal wieder heißen Tee nach, "aber ohne Schuss, Alkohol macht die Kälte noch schlimmer." In dieser Woche werden die Temperaturen wohl ihre persönliche Schmerzgrenze überschreiten, dann bleibt Sabine Schlieckers Wagen in der Garage stehen. "Ab 15 Grad minus fahr ich nicht los."
Kustos des Botanischen Gartens: "Bald kriegen wir ein Problem"
Auf seinem Weg zur Arbeit friert Stefan Rust wie alle Hamburger zurzeit. Wenn er aber die Tür zum Gewächshaus des Botanischen Gartens öffnet, schlägt ihm 25 Grad warmes Tropenwetter entgegen. Mitten in Hamburg wachsen hier auf 800 Quadratmetern Bananen, Kakaobohnen, Kaffee. Rust ist Kustos des Botanischen Gartens in Hamburg und nach dem Reinkommen muss er sich erst mal die beschlagene Brille trocken wischen.
Rust leidet nicht unter Kälte, kämpft aber mit Heizproblemen: Bei minus zehn Grad Außentemperatur schaffen die Heizungen des Gewächshauses an manchen Tagen auch unter Volllast nur 16 Grad. "Ein paar Tage lang halten die Pflanzen das aus, dann kriegen wir ein Problem", sagt er. Nur die Kaffeestauden überstehen Rust zufolge auch niedrigere Temperaturen.
Fahrradkurier Lars Pfannstiel: "Nicht zu tief einatmen"
Fahrradkurier: "Die gute Laune nicht verlieren"
Foto: Frank_Leonhardt/ picture-alliance / dpaDie meisten Menschen lassen im eisigen Winter das Fahrrad stehen, steigen um auf Autos oder öffentliche Verkehrsmittel. Für Lars Pfannstiehl ist das unmöglich - der 41-Jährige arbeitet als Fahrradkurier in Hamburg. Auch bei Minusgraden sitzt er täglich acht Stunden im Sattel.
"Man darf die gute Laune nicht verlieren", sagt Pfannstiehl. Er trägt zwei paar Socken, zwei Hosen, zwei Mützen, um der Kälte zu trotzen. Langsam losfahren, warm werden, dann Gas geben - so lautet sein Rezept gegen das eisige Wetter. Falls es glatt wird, hat er Spikes für seine Reifen parat.
Zwischendurch trinke er Kaffee oder Tee, erzählt Pfannstiehl. Mit manchen Kunden schnacke er gerne ein paar Minuten länger, um sich aufzuwärmen. Im Sattel versuche er, so viel wie möglich durch die Nase zu atmen, das sei aber auch immer nur kurz möglich. Und sonst? "Nicht zu tief einatmen", antwortet Pfannstiehl, sonst könnte es brennen in der Lunge.
Der "bombastische Blick" über die gefrorene Alster entschädige für die eisige Belastung. "Die Luft ist wunderschön klar, es sind weniger Autos unterwegs, die Radwege sind frei." Eigentlich, so Pfannstiehl, mache es im Winter sogar mehr Spaß als im Sommer.