HUMOR Aufgewärmte Slips
Kein Witz ist so schlecht, daß man ihn nicht ein zweites Mal erzählen könnte. So dachte Rudi Carrell schon vor genau zehn Jahren und zeigte - geschickt geschnitten - in seiner damaligen Comedy-Serie »Rudis Tagesshow« Ajatollah Chomeini, den weibliche Fans mit BH und Slips bewerfen. Daß der Witz alt war und Carrell ihn aus dem amerikanischen Fernsehen geklaut hatte, bewahrte weder ihn vor Anfeindungen noch das Auswärtige Amt vor schweren diplomatischen Verwicklungen mit Teheran: Iranische Konsulate wurden geschlossen, deutsche Diplomaten ausgewiesen, und religiöse Fanatiker drohten mit Anschlägen. Carrell, damals unter Personenschutz, entschuldigte sich schließlich via »Tagesthemen« beim Revolutionsführer.
Heute ist Carrell nur mehr ein Nebenkasper unter deutschen TV-Witzbolden. Weil inzwischen jeder Sender, der etwas auf sich hält, gleich mehrere Comedy-Shows im Programm führt, ist die Nachfrage auf dem Markt der Pointen explodiert. Keiner merkt das deutlicher als Martin Keß, 33, der als Chefautor und Gesellschafter der Kölner Produktionsfirma Brainpool täglich Harald Schmidt mit neuen Witzen versorgen muß. Deswegen hat er in den vergangenen Jahren das, so Keß, »größte Gag-Archiv Deutschlands« aufgebaut.
Die Sammlung umfaßt mehr als 1000 Videobänder, Hunderte von Tonbandkassetten und stapelweise Drehbücher, außerdem jede Menge Sketche in Skriptform und Humor-Lexika. Der Fun-Fundus, der neben der »Harald Schmidt Show« auch andere Brainpool-Partner bedient, bietet nebenbei schönes Anschauungsmaterial für Humor-Historiker.
Wer in die Gag-Datenbank Stichwörter wie »Kohl«, »Flugzeug« und »Fallschirm« eingibt, bekommt einen Schatz gut abgehangener Scherze geliefert. »Kostengünstige Unterhaltung braucht die Wiederverwertung«, behauptet Keß, »ein guter Witz bleibt immer gut.« So übernimmt Schmidt des öfteren Gags der amerikanischen Komiker-Legende Milton Berle. Daß die teilweise 50 Jahre alt sind, macht sie nicht schlechter. Als er jüngst einen Themenabend Italien in seiner »Late-Night-Show« bestritt, gab er gleich zwei Witz-Oldies zum besten: »Wann hat der Italiener beide Hände in der Luft? Im Krieg.« Und: »Warum tragen Italienerinnen Slips? Um sich die Fußgelenke zu wärmen.«
Im vom Spaßmacher-Boom heimgesuchten deutschen Fernsehgewerbe kupfert längst jeder von jedem ab. Die Brainpool-Leute machen es systematisch - und legal, indem sie vorzugsweise im angloamerikanischen Ausland auf Einkaufstour gehen. So erwirbt die Mannschaft von Brainpool-Chef Jörg Grabosch, 35, einzelne Fernsehgags zum Minutenpreis von 600 bis 1000 Mark. Zur Verfolgung möglicher Pointen-Klauer allerdings, so Grabosch, »fehlt uns die Zeit, alle Sendungen der Konkurrenz zu überprüfen«.
Um sich vor Selbstüberschätzung zu schützen, blättern Keß und seine GagSchreiber des öfteren im Standardwerk »Der unanständige Witz - Theorie und Praxis«, einem 856-Seiten-Werk über die Geschichte der Zote, verfaßt vom kalifornischen Privatdozenten Gershon Legman. »Manchmal denke ich, ein Gag sei wirklich super originell«, berichtet Keß, »und dann entdecke ich ihn in einer Sechziger-Jahre-Show wieder.«