Bootsflüchtlinge: "Jeder betet, dass wir sicher ankommen"
Bootsflüchtlinge im Indischen Ozean Riskante Suche nach einem besseren Leben
Hamburg - Muhammed Salman rief seinen Cousin an, als er auf dem Flüchtlingsboot angekommen war. Und wenige Stunden später noch einmal, als er um sein Leben fürchtete. Das Schiff sei überfüllt, und die Menschen hätten Angst, sagte der junge Mann, der mit mehr als 200 weiteren Flüchtlingen auf einem Boot von Indonesien nach Australien fahren wollte. "Jeder betet laut, dass wir sicher ankommen", soll Salman seinem in Australien lebendenden Cousin einem Bericht von "The Australien" zufolge noch gesagt haben.
Das war am Montag vor einer Woche. Drei Tage später wurde das Boot mit dem Kiel nach oben im Indischen Ozean gefunden, rund 22 Kilometer nördlich der zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel. Dutzende Menschen hielten sich an dem Rumpf fest, 90 weitere wurden vermisst. Nach drei Tagen brachen die Helfer die Suche nach den Vermissten ab. Es gebe "keine weiteren Überlebenden", teilte das Amt für Seesicherheit (AMSA) mit.
"The Australian" hat mit Angehörigen gesprochen und erste Fotos bekommen. Es sind Passbilder und Privataufnahmen, die überwiegend junge Männer zeigen. Einer von ihnen ist Muhammed Salman. Während die Angehörigen dieser Vermissten noch auf Lebenszeichen hoffen, ist das nächste Flüchtlingsboot gesunken. Es war ebenfalls auf dem Weg nach Australien und wurde rund 200 Kilometer nördlich der Weihnachtsinsel entdeckt. An Bord waren rund 130 Menschen, 123 von ihnen konnten gerettet werden.
Opposition will Flüchtlinge internieren
Die beiden Vorfälle haben in Australien die Diskussion über den Umgang mit Flüchtlingen neu angestoßen. Vor allem Premierministerin Julia Gillard steht unter Druck. Schon seit längerem versucht sie, eine Lösung zu finden, doch die starke Opposition und eine Entscheidung des höchsten Gerichts verhinderten bisher, dass sie ihre Linie durchziehen kann. Am Mittwoch wurde das Thema im Parlament diskutiert.
In den vergangenen Jahren endeten zahlreiche Überfahrten tödlich. Südöstlich von Java war im vergangenen Dezember ein Schiff mit 250 Flüchtlingen gesunken. Es gab keine Überlebenden. Ein Jahr davor zerschellte vor der Weihnachtsinsel ein Flüchtlingsboot im Sturm. Dabei kamen mindestens 50 Menschen um.
Um das Thema in den Griff zu bekommen, schlossen Gillard und ihre Labor-Partei im vergangenen Juli mit Malaysia ein Abkommen über eine Art Austausch. Dieses sah vor, dass Australien 800 Bootsflüchtlinge nach Malaysia abschiebt. Im Gegenzug sollte es 4000 Menschen aufnehmen, die von Malaysia eindeutig als "echte" Flüchtlinge identifiziert wurden. Das Ganze sollte medienwirksam inszeniert werden, um weitere Flüchtlinge abzuschrecken. Das höchste Gericht Australiens erklärte das Abkommen mit Malaysia jedoch Ende August 2011 für illegal.
Die Opposition kritisiert, man dürfe Flüchtlinge nicht in Länder abschieben, die nicht die Uno-Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben. Dazu gehören Malaysia und Indonesien. Der konservative Oppositionsführer Tony Abbott will die Flüchtlinge während des Asylverfahrens auf der kleinen abgelegenen Pazifikinsel Nauru internieren und restriktive temporäre Visa für Flüchtlinge einführen.
Derzeit debattieren Parlament und Senat eine Gesetzesvorlage, die einen Kompromiss vorsieht: die Malaysia-Lösung und eine Internierung auf Nauru. Am Mittwoch warb Gillard um Zustimmung: "Wir sind an der Schwelle, endlich die Gesetze zu bekommen, die wir brauchen."
Allein 2012 schon 4000 Bootsflüchtlinge
Flüchtlingspolitik und Grenzschutz sind hochsensible Themen in Australien - obwohl die Zahl der Menschen, die dort Asyl suchen, im Vergleich zu anderen Regionen der Welt sehr niedrig ist. Der Uno-Flüchtlingskommission zufolge wurden in Australien im Jahr 2011 ungefähr 11.800 Asylanträge gestellt. Weltweit waren es 441.000, von denen allein 327.000 in Europa gestellt wurden.
Der australischen Regierung bereitet vor allem die hohe Zahl der Bootsflüchtlinge Probleme. Tausende Menschen versuchen jedes Jahr, über See illegal nach Australien zu gelangen. Allein in diesem Jahr registrierten die Behörden mehr als 50 Boote mit insgesamt gut 4000 Flüchtlingen.
Viele der Flüchtlinge kommen aus Iran, Irak oder Afghanistan. Menschenschmuggler bringen sie zunächst nach Indonesien, Malaysia und in jüngster Zeit auch nach Sri Lanka, wo sie an Bord gehen. Die Schiffe sind oft nur notdürftig ausgerüstet, teils kaum seetüchtig.
Anwältin Pamela Curr, die sich für die Interessen der Flüchtlinge einsetzt, berichtete laut "The Australian" von schrecklichen Bedingungen an Bord des Schiffs, das in der vergangenen Woche gesunken war. Die Menschen seien krank gewesen, Essen sei über Bord gespült worden. Ihr sei berichtet worden, dass zwei der vier indonesischen Crewmitglieder das Flüchtlingsboot verließen, als man in internationale Gewässer kam. Die beiden seien mit einem anderen Boot wieder nach Indonesien zurückgefahren, so Curr.