Babyleichenfund in Thüringen "Sie war so ein freundliches Mädchen"
Thörey - Die Einwohner der kleinen thüringischen Gemeinde Thörey sind fassungslos und schockiert. Schon wieder wurden in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zwei Babyleichen entdeckt. Bereits vor einer Woche war auf demselben Grundstück in der Pfarrgasse die Leiche eines Säuglings in einer Mülltüte gefunden worden. "Es geht einem so nah", sagt heute die Nachbarin Inge Lenz.
Das braune, zweiflügelige Tor zu dem Grundstück ist leicht schief, von der Hauswand blättert der Putz ab. Nur einen Spalt breit ist die Toreinfahrt offen. Dahinter stapeln sich unzählige Müllsäcke. Kerzen, Plüschtiere oder Blumen als Zeichen der Anteilnahme gibt es vor dem Grundstück nicht.
Vor der Tür steht ein Abwasserentsorgungswagen, um die Klärgrube leer zu pumpen. Auch dort soll vorsorglich nach Leichenteilen gesucht werden. Auf dem Areal sind Polizisten mit Leichenspürhunden und Kriminaltechniker im Einsatz.
Nachbarin Lenz kann das alles nicht begreifen. "Sie war so ein freundliches Mädchen, die Kleine", sagt Lenz mit Blick auf die heute 21-jährige Tochter der früheren Hauseigentümer. Die junge Frau hatte nach dem Fund der ersten Babyleiche in der vergangenen Woche gestanden, im April 2005 in Erfurt ein Kind geboren und dessen Leiche in der Garage des früheren Elternhauses versteckt zu haben.
Vor fünf, vier und zwei Jahren schwanger
Unterdessen stellte sich heraus, dass die 21-Jährige auch die Mutter der beiden Babys ist, deren Leichen gestern der neue Hauseigentümer bei Aufräumarbeiten in der Garage in zwei Pappkartons gefunden hat. Laut Staatsanwaltschaft räumte sie in der Vernehmung ein, das erste Kind, einen Jungen, zur Welt gebracht zu haben, als sie 16 Jahre alt war. Das zweite Kind, ein Mädchen, sei ein Jahr später geboren worden.
Wie die Kinder zu Tode kamen, ist unklar. Die junge Frau wurde wegen Verdachts des Totschlags festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt. Sie kommt jedoch nicht in Untersuchungshaft, da das Gericht zwar Haftbefehl erließ, ihn aber gegen Auflagen außer Vollzug setzte.
Im Gegensatz zu den anderen Nachbarn habe das blonde, zierliche Mädchen immer gegrüßt und sich auch nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, sagt die Nachbarin über die heute 21-Jährige. Oft sei sie in Begleitung eines Freundes gewesen, wenn sie durch Thörey lief. Dass die junge Frau vor rund zwei Jahren schwanger gewesen sei, habe man ganz deutlich gesehen. Schließlich sei sie zuvor ganz schlank gewesen. Deshalb kann sich Lenz auch nicht vorstellen, dass ihre Mutter, die von Beruf Krankenschwester ist, nichts mitbekommen habe.
Zwölf Jahre habe die fünfköpfige Familie in dem Haus gewohnt, erzählt die Nachbarin. Bis April 2005 hat die Familie auf dem Anwesen in Thörey gelebt. Da der Vater wegen einer Erkrankung seine Selbstständigkeit aufgeben musste, bezog die Familie eine Wohnung in Erfurt.
Die alte Dame ist fassungslos. Erst vor einem Jahr sei die Schülerin zu ihrem früheren Elternhaus zurückgekehrt. Sie wolle es sich noch einmal anschauen, habe die junge Frau damals gesagt. Das Grundstück hatte bis vor kurzem keinen Besitzer, es wurde erst Mitte Januar bei einer Zwangsversteigerung veräußert.
Jana Hildebrandt, ddp