Bad Reichenhall: Eine Stadt unter Schock - DER SPIEGEL
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Bad Reichenhall Eine Stadt unter Schock

Während noch immer Leichen aus den Trümmern der Eishalle gezogen werden, ist Bad Reichenhall wie gelähmt. Volkszorn gegen die Hallenbetreiber bleibt aus, die Einheimischen halten sich mit Schuldzuweisungen zurück. Doch Unklarheiten bleiben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bad Reichenhall - Die Taxifahrerin ist gereizt: Erst muss sie sich an den weiträumigen Straßensperren mit der Polizei Wortscharmützel liefern, dann fragt der Fahrgast auch noch, warum sie denn nun quer durch die Reichenhaller Fußgängerzone fahre. "Ja, wissen Sie denn nicht, was hier in der Stadt passiert ist?", entfuhr es ihr wütend. Als ob dieses Verkehrsdelikt mit dem großen Unglück, das über die Stadt gekommen ist, vergleichbar wäre.

Die Bevölkerung von Bad Reichenhall ist geschockt und gereizt. Alle auf der Straße fragen sich, wie "das mit der Eishalle" bloß geschehen konnte. Elf Tote wurden aus den Trümmern geborgen, für die vermutlich noch vier Verschütteten sinken die Überlebenschancen mit jeder verstreichenden Stunde.

Insbesondere können sich die Reichenhaller nicht erklären, warum gestern das abends anstehende Training der Eishockeymannschaften um 15.30 Uhr vom Sportamt der Stadt wegen der Schneelast auf dem Hallendach abgesagt wurde, während das öffentliche Eislaufen noch bis 16 Uhr weiterging. "Zehn Minuten hätten Leben retten können", sagen die Menschen, die heute im Schneeregen vor der Hallenruine stehen.

Zornig oder wütend aber sind sie nicht. Klare Schuldzuweisungen gibt es keine. "Wer ist da schon verantwortlich?", heißt es. Solange die Rettungskräfte noch am Werk sind, solange noch die geringste Hoffnung auf Überlebende da ist, dominiert in der Stadt der Schock über das Geschehene und das Warten auf Nachrichten - seien sie gut oder schlecht. Selbst der bereits ermittelnde Staatsanwalt Helmut Vordermayer sagt: "Heute ist nicht der Tag der Ermittlungen, heute ist der Tag der Trauer."

"Das ist doch alles politischer Hickhack"

An den Absperrungen vor dem Unglücksort stehen vornehmlich Feriengäste oder Zugereiste: "Das ist schrecklich", sagt ein junges Paar, das aus Brandenburg stammt, die Leute im Ort hätten "immer mal wieder diskutiert, dass die Halle morsch ist". Als sie die Nachricht bekamen, "haben wir unsere Bekannten hier angerufen und gefragt, ob bei ihnen alles okay ist". Ein vor 30 Jahren aus dem Rheinland Zugereister will von Schuldzuweisungen nichts wissen: "Das ist doch alles politischer Hickhack, es geht hier um die Rettung von Menschen."

Immer wieder nähern sich Schaulustige den Polizeiabsperrungen, meist Kurgäste: "Ich muss zur Massage", sagt eine Rentnerin. Die Polizistin wehrt erst lange ab, lässt sie dann aber doch passieren: "Mei, die wollen sich hier alle nach vorn drücken", sagt sie. Schon Stunden ist sie im Einsatz, aus der Umgebung herbeordert: "In Bad Reichenhall gibt's ja nicht so viel Polizei." Nähert man sich den Ruinen der Halle, steigt Dieselgeruch in die Nase. Dutzende Aggregate versorgen die Rettungs- und Kranwägen mit Strom. Im Schnee liegen Gestrüpp und Sägespäne von gefällten Bäumen. Die Retter benötigen Platz für Zelte und Gerät.  

Weiter hinten, bei den Einheimischen, steht der 13-jährige Lukas mit seinem Vater. Sie schauen geschockt, der Vater ist froh, dass er den Sohn an seiner Seite hat: "Am Sonntag noch war er hier zwei Stunden Schlittschuhlaufen." Ein Freund ging gestern wieder in die Eishalle. "Zum Glück hatte ich keine Lust", sagt Lukas. Von seinem Freund hat er seither nichts mehr gehört.

Am vergangenen Sonntag und auch bei mehreren früheren Besuchen hat der Junge vom Dach der Eislaufhalle tropfendes Wasser bemerkt: "Auf einer ganzen Bahnlänge tropfte es, da haben sich kleine Hügelchen auf dem Eis gebildet", sagt Lukas. Von Wassertropfen in der Eislaufhalle berichten auch andere Besucher. Die Ursache aber müsse nicht unbedingt ein Leck sein, sagen sie, es wäre sei auch möglich, dass Kondenswasser vom Blechdach heruntergetropft sei.

Geschockte Regierungsvertreter 

Seit gestern ist der bayerische Innenstaatssekretär Georg Schmid als Regierungsvertreter in Bad Reichenhall,  heute folgte eine Politikerdelegation um Ministerpräsident Edmund Stoiber. Nach einem Aufenthalt und Gesprächen im Betreuungsbereich für die Angehörigen der Opfer und Vermissten wirkte Stoiber geschockt und zermürbt. In eine schwarze Allwetterjacke gekleidet und ohne Krawatte bedankte er sich bei den Helfern aus Deutschland und Österreich. Dem Berchtesgadener Landrat Georg Grabner und der bayerischen Justizministerin Beate Merk stiegen die Tränen in die Augen.


Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, den die Berliner Regierung an den Ort des Schreckens gesandt hatte, sagte: "Welch Unglück ist über diese schöne Region hereingebrochen." Er mache mit der Familie oft Urlaub im Berchtesgadener Land, seine Kinder seien auch schon in dieser Eishalle gewesen.

Rund 200 Meter entfernt vom Unglücksort steht die Alpenklinik. Davor einige fassungslose Patienten in Trainingsanzügen oder dicken Pullovern. Sie sind die einzigen, die heute wirklich wütend wirken: "Eine Schweinerei ist das, wenn die Stadt von der Gefahr vorher gewusst, die Halle aber nicht evakuiert hat." Viele Patienten "bekommen hier Schwimmen verordnet - für die Gesundheit". Sie erzählen von einem, der gestern die Eislauf- und Schwimmhalle verlassen habe, "dann ist hinter ihm alles zusammengebrochen".

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