Neuauswertung der Pisa-Daten Mehrheit der Jugendlichen hält Lehrkräfte für digital inkompetent
Digitale Medien im Unterricht: Oft nicht einsatzfähig
Foto: Julian Stratenschulte / DPAEin Großteil der Jugendlichen in Deutschland bewegt sich unsicher im Netz. Das geht aus einer Sonderauswertung der jüngsten Pisa-Erhebung hervor, die dem SPIEGEL vorab vorlag. Im Rahmen der Pisa-Testung 2022 wurden die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler auch gefragt, wie sie ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen, digitale Informationen zu finden und zu beurteilen. Ein Team der Technischen Universität München hat diesen Teil der Studie nun gesondert ausgewertet.
Mehr als zwei Drittel der Jugendlichen gaben an, problemlos Informationen im Netz finden zu können. Allerdings sieht sich weniger als die Hälfte (47 Prozent) in der Lage, die Qualität dieser Informationen fundiert zu beurteilen. Im Durchschnitt der OECD-Staaten war dies bei 51 Prozent der befragten Jugendlichen der Fall.
Nur knapp 60 Prozent der Jugendlichen in Deutschland vergleichen demnach verschiedene Quellen. Im OECD-Durchschnitt trifft dies auf 72 Prozent zu. Zudem überprüft etwa ein Drittel der befragten Jugendlichen nicht, ob Onlineinformationen korrekt sind, bevor sie diese in den sozialen Medien teilen. Für die Pisa-Studie wurden deutschlandweit mehr als 6000 Schülerinnen und Schüler an 257 Schulen befragt.
»Vielen Schülerinnen und Schülern gelingt es leider nicht ausreichend, Fake News als solche zu identifizieren«, sagt der Leiter der Pisa-Studie in Deutschland, Samuel Greiff. »Sie haben einen erheblichen Nachholbedarf beim kritischen und reflektierten Umgang mit Informationen im Internet.« Das habe weitreichende Folgen, sagt Greiff. Jugendliche würden leichter Opfer von Desinformation. »Besonders in sensiblen Bereichen wie Finanzen oder Gesundheit kann das schwerwiegende persönliche Konsequenzen haben.« Daraus entstünden Stress, Unsicherheit und Ängste.
»Wenn Menschen nicht in der Lage sind, Informationen und deren Quellen zu überprüfen, wird es schwerer, fast unmöglich, einen gesellschaftlichen Konsens über wahr und unwahr herzustellen«, sagt Greiff weiter. Die Folge seien »Polarisierung und Spaltung. Das stellt letztlich auch unsere demokratischen Werte auf die Probe.«
Diese Befunde decken sich weitgehend mit den Ergebnissen der International Computer and Information Literacy Study (Icils), die im November veröffentlicht wurde. Demnach können 40 Prozent der Achtklässlerinnen und Achtklässler in Deutschland nur rudimentär mit digitalen Medien und Informationen umgehen. Sie können kaum prüfen, wie valide und seriös Quellen sind. Es fällt ihnen schwer, Fakten zu sortieren und grafisch darzustellen. Wie sicher ein Passwort ist, können viele nicht beurteilen. Diese Jugendlichen könnten nur »wischen und klicken«, so fasste Icils-Studienleiterin Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn den Befund seinerzeit zusammen.
Zweifel an den digitalen Fähigkeiten der Lehrkräfte
Nach Ansicht von Pisa-Leiter Greiff kommt der Schule hier eine Schlüsselrolle zu. Sie müsse »neben fachlichen Kompetenzen auch zu gesellschaftlicher Integration und Demokratiebildung beitragen.«
In der neuen Pisa-Befragung äußerte ein Großteil der Jugendlichen allerdings deutliche Kritik an den digitalen Kompetenzen ihrer Lehrerinnen und Lehrer. Nur knapp die Hälfte der Jugendlichen denkt, dass die Lehrerinnen und Lehrer über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, digitale Geräte im Unterricht zu nutzen. Damit liegt Deutschland deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 70 Prozent.
»Sowohl die digitale Kompetenz der Lehrkräfte als auch deren Offenheit gegenüber digitalen Medien kann die Entwicklung der digitalen Informationskompetenz von Schülerinnen und Schülern positiv beeinflussen«, sagt der Professor. Lehrkräfte stünden digitalen Medien und den Kompetenzen, die Jugendliche in einer digitalen Welt benötigen, auch »keineswegs ablehnend gegenüber«.
Warum es trotzdem oft nicht mit der Nutzung digitaler Medien im Unterricht klappe, liege auf der Hand: »Die vorhandenen Tools funktionieren häufig nicht, es fehlt an Zeit und Ressourcen, um digitale Medien sinnvoll und pädagogisch zielgerichtet in den Unterricht zu integrieren.« Fortbildungen, die den sinnvollen Einsatz digitaler Werkzeuge vermittelten, seien Mangelware. »Ohne Unterstützung bleibt das Potenzial digitaler Medien im Alltag der Schulen in Deutschland leider oft ungenutzt.«