EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Bum!
Es ist ein wolkenloser Sommertag, Gottes Schweißbrenner hängt hoch am Himmel, und Nicolai Künzner, genannt Nick, könnte jetzt in einem Biergarten sitzen und Frauen gucken. Nick ist 26 Jahre alt, er ist gesund, er sieht gut aus, und niemand würde ihm einen Vorwurf machen, wenn er diese Backsteingruft, in die nie die Sonne dringt, hinter sich lassen würde, um ein bisschen zu leben.
Stattdessen hastet er durch die Gänge, das Hemd hängt ihm aus der Hose, und er schwitzt wie ein Boxer in der 12. Runde. Am Ende des Flures biegt Nick nach rechts ab, dann nach links, und dann sitzt er in einem Büro, das so persönlich möbliert ist wie eine Gefängniszelle.
An der Wand kleben ein paar Baumarktregale, auf dem Boden stehen zwei Stühle, zwei Schreibtische, und dann pfeifen da noch die Lüfter von zwei Computern.
Nick lässt sich in einen Stuhl fallen und wischt sich den Schweiß aus den Augen. Er ist ein schmaler Kerl, bleich wie eine frisch gespachtelte Wand, und eine gute Zeit hat er, wenn er mit einem halben Dutzend Lasern, mit mannshohen Kältekammern und Supermagneten herumhantiert.
All das bietet ihm das physikalische Institut der Technischen Universität München, an dem er seine Tage als wissenschaftlicher Mitarbeiter verbringt. Er forscht an den Grundlagen für Computer, die Daten als Licht verschicken.
Bis vor kurzem war das eine relativ geruhsame Angelegenheit, aber seit Anfang des Monats hat sich Nicks Leben beschleunigt. Und das Leben von Egon Gross, Nicks Kollegen und Kumpel, auch. Anfang des Monats veröffentlichten die beiden in einer angesehenen Fachzeitschrift einen Artikel über ein Experiment und seine seltsamen Folgen.
Nick und Egon standen in ihrem Labor und untersuchten ein kleines Stück poröses Silizium. Sie steckten es in eine Kältekammer, sogen die Luft aus der Kammer und kühlten das Silizium runter auf minus 190 Grad. Dann wollten sie es untersuchen, aber es war spurlos verschwunden. Interessant, dachten die beiden, untersuchten die Kammer, erkannten, dass durch ein Leck Luft eingeströmt war, und vergaßen die Sache.
Ein gutes Jahr später legten sie wieder ein Stück poröses Silizium in die Kammer, sogen die Luft ab, dann floss flüssiger Sauerstoff in die Kammer. Er umschloss die Probe, und plötzlich explodierte der Inhalt der Kammer. Das war unerwartet. Eigentlich hätte nur das Licht anders schwingen sollen. Dann erinnerten sich Nick und Egon an das Experiment, bei dem das Silizium verschwunden war, und sie verstanden: Der Siliziumsplitter war nicht verschwunden, er war unbemerkt explodiert. Sie hatten Sprengstoff erfunden.
Und, wie sie in den folgenden Wochen herausfanden, nicht irgendeinen Sprengstoff, sondern ein Zeug, das stärker ist als TNT, und dessen Bestandteile es überall zu kaufen gibt. Natürlich gab es gleich Leute, die sagten, sie hätten etwas Fürchterliches entwickelt, was die Welt nicht brauche. Nick hatte eher an eine industrielle Nutzung gedacht. Er war verwirrt.
Mittlerweile hat er seine Gedanken sortiert, und fragt man ihn heute, ob das Ganze nicht gefährlich werden könne, antwortet er: »Unser poröses Silizium macht im Prinzip nichts anderes als andere Sprengstoffe. Wegen des flüssigen Sauerstoffs ist es umständlich zu handhaben und auch unberechenbar.« Um zu beweisen, wie unberechenbar ihr Sprengstoff ist, gießt Nick flüssigen Sauerstoff in einen Teflontopf. Dann setzten sich beide Schutzbrillen auf, Egon drückt sich Lärmschutzstopfen in die Ohren und greift sich eine Regalstange. Auf das Ende legt er ein Stück poröses Silizium. Er lässt das Silizium in den Topf fallen. Nick steckt sich die Finger in die Ohren. Egon geht ein Stück zurück.
Nichts passiert.
Nick geht weiter zurück. Egon auch. Nick beginnt zu schwitzen. Egon verzieht sich hinter einen Metalltisch. Endlich ein Blitz, es knallt, Teflonsplitter fliegen durch die Gegend, über dem Topf hängt eine Wolke, die an Hiroschima erinnert.
Beim zweiten Versuch explodiert der Inhalt des Topfes schon in der Sekunde, in der das Silizium in den Sauerstoff eintaucht. »Ist jetzt klar, was ich mit unberechenbar meine?«, fragt Nick nervös. Er blickt auf den Rauch, der im Labor hängt. Während eines Versuchs benutzen sie statt eines Teflontopfes einen Styroporbecher. Der fing Feuer, der Rauchmelder sprang an, und plötzlich standen Feuerwehrmänner im Labor.
Vor ein paar Tagen waren Ingenieure hier und fragten, ob das Silizium-Sauerstoff-Gemisch als Zünder für Airbags tauge. Nick und Egon ließen es knallen, einer der Besucher sagte: »Das ist so ein trockenes 'Patsch', das können wir nicht gebrauchen.« Der Mann wollte ein langes »Wumm«. Das entsteht bei einer trägen Explosion, die nötig ist, um Airbags mit der richtigen Verzögerung zu zünden. Das trockene »Patsch« ist das Resultat einer schnellen Explosion.
Wenn sich der Sprengstoff wirklich nicht für Airbags eignen sollte, hofft Nick, dass man mit ihm mikromechanische Bauteile formen kann: »Die Explosionen sind sehr zielgerichtet.«
Mitarbeiter eines Munitionsherstellers wollen auch mal vorbeischauen.
UWE BUSE