California unplugged Fortsetzung 1
Schon feixen jene Ökonomen, die nie an ein himmelstürmendes Wachstum in der Internet-Wirtschaft geglaubt hatten. Den kalifornischen Energie-Notstand sehen sie als Beweis dafür, dass die Old Economy in Gestalt rostiger Pipelines und schrottreifer Kraftwerke am Ende eben doch triumphiert habe über die Netz-Spinner im Silicon Valley. Beziehungsweise über die Investoren, die viel zu viel Geld in deren Ideen gepumpt hatten. "Das Jahr 2000 war das Jahr", analysiert Paul Krugman, Ökonom an der Princeton University, "in dem die Realität von Ölreserven und Elektrizitätsnetzen ihre Rache nahm."
Hämisch rechnet Krugman vor, dass eine Aktie von Healtheon, einer Internetfirma, deren Gründer Jim Clarke unter den New-Economy-Jüngern geradezu als gottgleich verehrt und in einem Bestseller ("The Next Big Thing") porträtiert worden ist, vor einem Jahr noch 1,5 Megawattstunden kalifornischen Stroms zum Großhandelspreis wert gewesen sei. Heute aber müsse Clarke 75 Aktien der Firma, die später in WebMD umbenannt wurde, verticken, um eine einzige Megawattstunde zu kaufen. Auch die Internetbranche selbst wird nervös. "Ohne genügend Elektrizität wird die gesamte digitale Ökonomie zusammenbrechen", prophezeite die Web-Zeitung "e-Commerce Times". Und: "Wenn die Strompreise zu hoch steigen, macht sich irgendwann die Konkurrenz über dein Mittagessen her." Paul Guardino, Präsident der Silicon Valley Manufacturing Group (SVMG), einem Zusammenschluss von 190 Valley-Firmen, hält den Stromnotstand für "die größte Herausforderung, der wir hier im Silicon Valley in Jahrzehnten begegnet sind".
Allein die direkt messbaren Verluste durch die jüngsten Stromausfälle haben laut Guardino bei seinen Mitgliedsfirmen "mehrere zehn Millionen Dollar" betragen. Manchen Kalkulationen zufolge haben allein vier Stromausfälle Anfang des Jahres die Wirtschaft im Staat eine Milliarde Dollar an verlorener Produktion gekostet. Zwar schützen sich die Hersteller sensibler Hightech-Geräte sowie die Hüter kostbarer Datenzentren wie Fort Knox: Viel Gerät, multiple Stromkreisläufe und Dieselgeneratoren bewahren vor Erdbeben und anderen Katastrophen. Aber solche Sicherheitssysteme kosten, ebenso wie die Elektrizität selber, sehr viel Geld. Jetzt schon ist für viele Valley-Firmen die Summe auf der Elektrizitätsrechnung die höchste aller Ausgaben.
Zudem schreckt die Unsicherheit ab - wo soll der Strom in Zukunft herkommen? Wie lange funktionieren Generatoren bei einem plötzlichen Total-Crash des Stromnetzes? "Wir brauchen vor allem zuverlässige Energie", sagt Ellen Hancock, die Chefin von Exodus, einem Datenzentrum, dessen Großrechner zum Beispiel die Websites von Yahoo und eBay beherbergen. Hancock lässt jetzt ein eigenes kleines Kraftwerk für ihre Firma errichten.
Schon lange waren die Mieten zu hoch - der teuerste Immobilienmarkt überhaupt in den Staaten -, das Leben zu unerschwinglich im Land der Jungmillionäre, die Highways zu verstopft und guter Nachwuchs kaum zu kriegen - ganz zu schweigen von den Kapitalverlusten an der Börse. Aber jetzt scheint der Niedriganzeiger auf den Stromzählern zum Zünglein an der Waage geworden zu sein und die standesgemäße Adresse in Silicon Valley plötzlich für einige Firmen die Standort-Nachteile nicht mehr wettmachen zu können.
Entsprechend basteln die Chefs vieler Hightech-Hersteller bereits an Plänen, die Produktion aus Kalifornien herauszuverlagern. "Sie wollen bleiben, aber wenn die Stromversorgung nicht zuverlässig ist, werden sie gezwungen sein, woanders hinzugehen", droht Guardino. Der Chiphersteller Intel hat angekündigt, die nächste Halbleiterfabrik woanders zu errichten. Die Online-Bank E*Trade hat beschlossen, ein wichtiges Technologiezentrum in Atlanta statt im Sonnenstaat zu errichten.
Internetzeitungen beschwören einen Exodus nach Texas oder New Jersey herauf und fragen, was überhaupt noch irgend jemanden im Valley hielte, erst recht all die Leute, die dort gerade die "Pink Slip Party" feierten. Gemeint sind jene 40 000 Möchtegernmillionäre, die inzwischen per pinkfarbenem Kündigungszettel aus den havarierten Dot.coms herausgeschnitten worden sind. Gerade die fänden schließlich auch woanders Jobs, wo die Lebenshaltungskosten einen Bruchteil der Preise im Hightech-Tal ausmachen.
Die Valley-Gemeinde ist aber nicht nur bedauernswertes Opfer des kalifornischen Energiedesasters. Gleichzeitig sind die Internet-Unternehmen und Computerhersteller als unersättlichste aller Stromvielfraße Kaliforniens mit verantwortlich für das Problem. Der Energiebedarf stieg im Silicon Valley im vorigen Jahr um fünf Prozent - dreimal so viel wie im Rest des Staates. Und geht weiter in die Höhe: Von 1994 bis 2004, rechnen Experten, saugt die Gemeine Santa Clara im Süden des Tals 1050 Megawatt mehr aus dem Netz. Das würde reichen, mehr als eine Million Haushalte zu versorgen.
Eine Etage in einem Datenzentrum, vollgestellt mit den üblichen schrankgroßen Servern, kann bis zu vier Megawatt verbrauchen, so viel wie ein Ort mit 4000 Haushalten. Sie können das Zwanzigfache selbst dessen verschlingen, was gewöhnliche Büros an Strom benötigen.
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Trotz des immensen Bedarfs kriechen gerade mal 200 Megawatt aus kleinen Kraftwerken von Universitäten und Unternehmen im Silicon Valley selber - dabei verbrauchen die Firmen und Menschen mehr als 2900 Megawatt an Spitzentagen. Durchschnittlich müssen sie 80 bis 90 Prozent ihrer Energie importieren. Nicht, dass es keine Pläne für neue Kraftwerke gäbe - tatsächlich existiert sogar ein konkretes Projekt für ein Erdgaswerk im Süden des Tals. Nur will es der Zufall oder auch die Raumnot in der engbesiedelten Region, dass genau dort, im noch weitgehend unerschlossenen Coyote Valley bei San Jose, der Hightech-Konzern Cisco sein neues, schickes Quartier für 20.000 Beschäftigte hochziehen möchte. Jetzt setzt die Firma Himmel, Hölle und ihren Status als mächtiger Steuerzahler in der Gemeinde in Bewegung, auf dass der Kraftwerksklotz niemals über das Planungsstadium hinauswachse.