Daniel Deubelbeiss Reich in Miami
Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, warum jemand diesem Herrn irgendetwas anvertraut. Viel Geld etwa.
Ein Video aus dem Jahr 1997 zeigt, wie der Herr arbeitet: Daniel Deubelbeiss, den der Vorredner als "unseren Präsidenten, unseren Visionär, unseren Freund und unseren Leiter und Führer und Denker" angekündigt hat, trägt eine violett getönte Brille, ein Grunge-Bärtchen, einen Zopf bis unter die Schulterblätter; und er hat einen Körperumfang, als hätte er tatsächlich "200 Stimmen von Al Gore gefressen", wie Harald Schmidt über ihn sagt.
Dann predigt er: von Galileo Galilei, vor Jahrhunderten verkannt wie nun leider er selbst, von "100 Prozent Commitment", von "Glaube". Bald sind all diese Wörter gefallen, die zu jeder Sekte gehören: "Träume", "Motivation", "Network", "Team Spirit".
Bis zum Montag vergangener Woche kannten Deubelbeiss, 36, im Wesentlichen ein paar tausend Leute, die Ende der Neunziger viel Geld verloren haben. Dann sagte der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker im SPIEGEL-Gespräch (SPIEGEL 06/2001 ), ein "gewisser Daniel" sei der "psychologische Wegweiser" seiner Ex-Ehefrau Barbara. Die erklärte zwar, der Herr sei "ein Freund, auf den ich mich verlassen kann" aber Deubelbeiss hat eine ziemlich dubiose Vergangenheit.
Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen den Geschäftsmann, der inzwischen in Miami lebt, als wohlhabender Mann. Der Verdacht: Betrug. Mitte der neunziger Jahre betrieb Deubelbeiss in München ein Projekt namens "Treasure Facts" nach dem Schneeballsystem. Das eingesammelte Geld soll er, so die Erkenntnisse der Fahnder, investiert haben, ohne die Anleger zu informieren.
Der Coup aber folgte noch: Am Nikolaustag 1995 hatte Deubelbeiss einen Psycho-Konzern namens "Vanilla" gegründet. Seit er 1999, schwerreich, ausstieg, trauern viele Geldgeber um ihr Erspartes.
Vanilla sollte "die Bewegung des neuen Jahrtausends" werden. Die Ideologen hatten ein bisschen von Scientology abgekupfert und ein wenig aus dem Philosophiegrundkurs. "Wir versorgen erst uns selbst, damit die anderen versorgt werden können", verkündete Deubelbeiss. Geschäftlich gab es nicht viel mehr als die Idee, E-Commerce mit Hemdchen und Höschen zu betreiben. Aber es gab eine "Vanilla Community", eine virtuelle "Vanilla City" und die "Dream Factory" fürs Soziale. Die "Vanillisten", die "unsterbliche Körper" hätten, so Deubelbeiss, seien auserwählt: "Wir gegen den Rest der Welt."
"Ich gegen euch" wäre wohl ehrlicher gewesen. Vanilla versprach die Gründung einer Vanilla-Bank und flog 200 Interessenten nach Thailand. Jeden kostete die Reise 2500 Mark, doch die wurden erstattet wenn man für 20.000 Mark Anteile an der Bank kaufte. Das machten viele, die Bank aber gibt es bis heute nicht.
Nasdaq wartet auf Vanilla
Vanilla versprach auch den Gang an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Hübsche Zertifikate mit prallem Siegel wurden ausgegeben doch auch die Nasdaq muss noch immer auf Vanilla warten.
"Gold-Akkumulation" hieß die dritte Geldquelle, und die funktionierte wie die Kettenbriefe der Achtziger: Interessenten konnten Goldmünzen erwerben und sich die Bezahlung ersparen indem sie 14 neue Kunden heranschafften. "Bin ich in dieser Woche mit meiner eigenen Leistung zufrieden?", stand auf mitgelieferten Fragebögen.
Vanilla soll etwa 45.000 Kunden und Gläubige gehabt haben, viele davon in Polen und Slowenien. Deubelbeiss bezeichnete seine Aktivitäten jetzt als "Ausflug", der nicht besonders erfolgreich verlaufen sei. "Ich habe einen Job als CEO (Vorstandsvorsitzender Red.) für einen Börsengang übernommen, das war alles", sagt er in einem Interview von SPIEGEL ONLINE. Mit Finanzen habe er nie etwas zu tun gehabt. Andere, die dabei waren, sagen: Vanilla war Deubelbeiss.
"Ich war schon immer ein Tingler"
Daniel Christian Deubelbeiss stammt aus dem Schweizer Örtchen Sempach. Auf einem Internat schaffte er es bis zur mittleren Reife; danach ließ er sich zum Hotelkaufmann ausbilden. Später zog es den Schweizer nach London. "Ich war schon immer ein Tingler", sagt Deubelbeiss. "Er redet, als habe er alles schon gesehen", sagt Becker. Die Beckers lernten den Sportfan beim Basketball kennen und wurden Gäste in seiner Loge.
"Denker und Philosoph" nannte er sich bei Vanilla. "Das war ein Marketinggag, um Kunden zu pitchen", gesteht er heute. Zu Ende war die Vanilla-Geschichte 1999. Kaum einer wollte noch Gold; also verkaufte Deubelbeiss das Unternehmen an holländische Investoren, darunter die Spedition Lambers, die sich nun selbst als Geschädigte bezeichnet. Die Anleger wurden nie ausbezahlt und Deubelbeiss will "mit der Firma nichts mehr zu tun" haben.
Er bezeichnet sich jetzt als Medienberater und führt die Firma Vincenti and Lampert an Miamis San Remo Avenue. Und in München amtiert er als Geschäftsführer von Firmen wie TV Company's Verwaltungs- und Beteiligungs-GmbH oder Eldan-Lavi Holding GmbH. In Amerika wollte Deubelbeiss, so Boris Becker, "mit mir eine Firma gründen, die Prominente gegen Honorar als High-Profile-Lobbyisten vermittelt". Dazu kam es nicht mehr.
Natürlich könnte es sein, dass Deubelbeiss nur als Freund für Barbara Becker tätig ist. Es könnte aber auch anders sein, denn es geht wieder um viele Millionen. Ob ihr Anwalt Heinz Stolzki im Ernstfall eine Hilfe wäre? Der Münchner Stolzki arbeitet schon mal für Deubelbeiss und war Direktor bei Vanilla auch gegen ihn ermitteln Münchner Staatsanwälte wegen des Verdachts auf Betrug.
KLAUS BRINKBÄUMER, MATTHIAS GEBAUER, CONNY NEUMANN