SEXUALITÄT Das große Knistern
Der Pornoverkäufer am Messestand trägt tatsächlich ein Goldkettchen um den Hals und die Haare im Nacken eine Spur zu lang. Eines seiner Videos trägt den Markennamen »Frivol«. Die Frau auf der Bühne trägt nichts. Nicht mehr jedenfalls. »Respect Yourself«, fordern die Staple Singers aus riesigen Lautsprechern. Die Besucher der »Erotik-Messe« in Halle klatschen lahmen Beifall. Die Stripperin verteilt Küsse an die Luft. Dann tritt sie ab.
Acht Minuten hat sie gebraucht. Beim Laien dauert einmal Ausziehen 30 Sekunden. »Erotik«, sagt Heidi Wittwer hinter der Bühne, streckt die Brust raus und schnappt sich ihr T-Shirt, »Erotik ist auch eine Frage der Langsamkeit. Das ist nicht nur sich nackisch machen.«
Wittwer, 38, strippt nur noch selten. Sie ist jetzt - »knallhart, aber gerecht« - die Chefin und hat sich, es klingt nach Kaderwelsch, auch eine Berufsbezeichnung gegeben: »Erste professionelle Pädagogin für erotischen Tanz in den neuen und alten Bundesländern«. Wer zu ihr kommt, will das Ausziehen erlernen, tänzelnd, lockend, verführerisch. Für 39 Mark pro Stunde, zehn Stunden müssen es mindestens sein, danach gibt''s Strippen für Fortgeschrittene - und wenn die Chefin einen Strippendiaten für geeignet hält, darf der mit auf der Bühne auftreten.
Bei privaten Geburtstagen oder der Weihnachtsfeier einer Firma für Abflußrohrtechnik, bei der Eröffnungsgala einer Opel-Filiale oder dem Dorffest im Erzgebirge sind die Nackten einen Abend lang die Stars der kleinen Leute. Tiffany nennen sie sich, Emmanuelle oder, wie die Chefin selbst, Yasmyna. Sie treten an, Begierden zu wecken, vor allem im Osten, wo die Erotik-Messen boomen: in Jena, Prenzlau, Bischofswerda - jede Woche woanders, heute in Halle.
»Plenarsaal« steht über dem Eingang zum Showroom im ehemaligen SED-Bezirksgebäude. Holzvertäfelung bis unter die Decke, ein schmuddelig brauner Teppich, rote Schummerbeleuchtung. Auf schwarz verhängten Tapeziertischen liegen Plastik-Dildos, Busen aus Marzipan und Lacklederdessous. Vor der Bühne sind Bistrotische aus Plastik aufgereiht. Dort kann man, für 4,50 Mark, Soljanka essen.
Und Yasmyna zuschauen: wie sie von einer Hexe zur Nackischen wird, ihren schwarzen Umhang abstreift, dann den Minirock, den BH, die Strapse. Acht lange Minuten eben, und immer dröhnt die Musik. Drei Titel, das ist wichtig für die Choreographie der Entkleidung: Yasmyna schwingt zu Soft-Pop die Hüften, wirbelt - nun ertönt Samba - die wasserstoffblonden Haare durch die Luft und leckt - es tost das Funk-Finale - mit der Zunge an der Kuppe ihres rechten Zeigefingers. Dann liegt auch der Slip auf dem Plenarsaalteppich. »Das ist erotisch«, sagt sie und grinst.
Hinter der Bühne lacht sie viel, reißt die blauen Kulleraugen auf, verzieht den rosageschminkten Kinderschmollmund. Manchmal klebt das Grinsen auf dem Gesicht, zehn, zwanzig Sekunden lang, und hinterher sieht Heidi Wittwer sehr erschöpft aus.
Lustig war immer ihre Nummer, bevor sie auf den mystischen Hexenstrip kam: »Ich hab'' mir eine Helmut-Kohl-Maske aufgesetzt oder bin als Alm-Heidi aufgetreten«, erzählt sie, »mit Melkschemel und aufgemalter Zahnlücke.«
Zuletzt ist es in einem Altenheim so lustig zugegangen. Die Opis hatten die Hände vor den Augen und lugten immer durch die Ritzen zwischen den Fingern. Und wie groß der Jubel aus den brüchigen Kehlen war, als Heidi schließlich nichts mehr anhatte! »Getobt haben die - und wollten mich hinterher unbedingt mal anfassen, nur so am Arm.« Inzwischen waren RTL, Sat 1, Pro Sieben bei Heidi Wittwer. Publicity bringt Kundschaft, und je potenter die ist, um so besser. Wittwer versteht sich als vorbildliche Kleinunternehmerin Ost, wuselig, ein Kind der Beschaffungs- und Bastelkultur der DDR. Jede Paillette klebt sie eigenhändig auf die selbstgenähten Kostüme, in England holt sie grün phosphorisierende Kontaktlinsen, und wenn der Motor streikt, legt sie sich unter ihren amerikanischen Chevy Van.
Zu DDR-Zeiten stand die sexy Sächsin im HO-Geschäft, »Fachverkäuferin für Rundfunk und Fernsehen war ich, mußte ständig ,ham wa nischt'' sagen und den Menschen trotzdem ins Gesicht gucken«. Da habe sie das Flirten gelernt und ihre Scheu vor peinlichen Situationen verloren.
Aber strippen? »Ich wußte gar nicht, was das war.« Und das »Magazin«, die einzige DDR-Zeitschrift mit Aktfotos, kannte sie nur vom Hörensagen.
1987, als die offiziell so sittenstrengen Parteioberen Sex längst als Sedativum fürs murrende Volk entdeckt hatten, entblätterte sich Heidi Wittwer zum erstenmal - als Nummerngirl bei einer FDGB-Kulturveranstaltung. Danach kam der Empfehlungskreislauf in Schwung, obwohl sich die staatliche Konzert- und Gastspiel-Agentur, die Programme und Honorare der Kulturschaffenden kontrollierte, quer stellte. »Da saßen dieselben alten Säcke, vor denen ich mich auf den Monopolkapitalistenpartys auszog, und verweigerten mir die Einstufung als Künstlerin.«
Das Geschäft mit der Nacktheit lief trotzdem. Zur Leipziger Messe 1988 trat Heidi Wittwer in einer Woche 42mal auf. »In der Zeit habe ich ein Auto verdient.«
Fortan faszinierten sie Geld, Glitter und Glamour. »Ich bin gierig nach Las Vegas!« Und überhaupt, Amerika. Hingeflogen ist sie noch nie. Dafür fährt sie jetzt ihren amerikanischen Chevy Van. Auf der Karosserie lächelt Yasmynas lockiges Airbrush-Konterfei, als sei sie Sharon Stone im Hollywood-Streifen »Casino«. Ein Auto und die große Sehnsucht.
Seit drei Jahren vermarktet Heidi Wittwer ihre Erfahrungen. 20 ehemalige Schüler, Männer und Frauen, keiner über 30, gehören zu ihrer semiprofessionellen Truppe; in den Stunden vor dem Strip arbeiten sie als Rechtsanwaltsgehilfinnen, Sekretärinnen, Mechaniker. »Meine Mäuse und Hüpferlinge« nennt die Chefin ihre Mitarbeiter, verteilt bei jeder Begrüßung Küßchen rechts und Küßchen links, bei Tränen Tempos, bei Kopfschmerz Aspirin.
Mutter der Kompanie - diese Rolle spielt sie mit Wonne. 1000 Mark Honorar zahlt sie ihren Leuten an manchen Wochenenden. Bei Vertragsverletzungen aber - Kundenkontakt nach dem Strip, Nacktfotos ohne Absprache - ist es aus mit Hüpferling und Gefühligkeit. Wer nicht spurt, muß gehen. »Ich stehe mit meinem Namen für ein sauberes Geschäft: Keiner meiner Leute soll in der Gosse landen. Und da liegt man schnell, wenn man sich auszieht.«
Mehr als 200 Schülern hat Heidi Wittwer gezeigt, wie die Hüllen erotisch korrekt fallen. Der älteste war ein Mann, 69, der seine Beziehung auffrischen wollte. Ein anderer suchte Sicherheit für den Fall der Fälle: wenn es mal zum Kuß komme, müsse er doch wissen, wie es weitergehe. Eine verheiratete Geschäftsfrau aus Köln trainierte die Kunst des Ablegens, um ihren Liebhaber zu fesseln, und ein Hamburger Bordell entsandte eine Hure zur beruflichen Weiterbildung. Doch die meisten Enthüllungssüchtigen wollen das Strippen für den Hausgebrauch
In den ersten drei Lektionen geht es dabei hausgebräuchlich ganz »jemitlich« zu: Gestrippt wird in Jogginghose - nicht aufs Ausziehen kommt es an, allein die Bewegungen zählen: Becken kreisen, Brust raus, Bauch rein. »Spiel mit deinem Körper!« wird Heidi Wittwer nicht müde zu betonen und »lächle, lächle, lächle! Wir wollen doch den anderen peppen!«
Die Küchenleiterin Jeannette Prochnow, 33, peppt verläßlich zweimal im Jahr, immer zu Weihnachten und zum Geburtstag ihres Mannes. Nach elf Jahren Beziehung überraschte sie ihn. Da stand sie, als Soulsängerin Marla Glen verkleidet, auf dem obersten Absatz der Wendeltreppe in ihrem Leipziger Appartement. Er hatte unten Platz genommen, auf dem türkisfarbenen Sofa, und als sie dann nackt vor ihm zu stehen kam, passierte es: »Wir haben eine Viertelstunde lang besprochen, was ich das nächste Mal besser machen könnte.«
Dabei hatte Jeannette nach dem Grundkurs täglich schon eine Stunde vor dem heimischen Spiegel geübt. Ihr Selbstbewußtsein, versichert die Frau, sei mit jedem Strip gewachsen. Und ihr Mann war begeistert. Damit es in der Beziehung wieder knistert, legte selbst ihre Mutter Hand an. Sie präparierte den Strip-Slip, zerschnitt ihn an den Hüften und brachte Druckknöpfe an: Mit einem Griff ist alles weg.
Es sieht so aus, als sei die unerbittlich unverklemmte FKK-Kultur der DDR einer deutschen Einheitserotik gewichen: Lust als Trickserei mit dem Druckknopf, Beziehungsprickeln nach Gebrauchsanweisung.
Die »erste professionelle Pädagogin für erotischen Tanz« sagt, ihr Lebensziel sei ein Landsitz mit großem Park in der Nähe von Leipzig. »Dort zieht meine Schule ein. Ich unterrichte, bis ich 80 bin, und mein Schatz macht die Lichttechnik.«
Zur Zeit fährt der Schatz noch Essen in der Uni-Klinik aus. »Aber bald«, sagt Wittwer, »sind wir soweit.«
* Aus dem Ausstellungskatalog »Die nackte Republik«. »MagazinSpezial« Nr. 1. »Das Magazin« Verlagsgesellschaft, Berlin 1993; 104Seiten; 19,80 Mark.