Der Antichrist - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Antichrist

Warum ein Muslim seine Heimat Italien bekehren will
• aus DER SPIEGEL 41/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf den ersten Blick ist Adel Smith, 44, ein gemütlicher Italiener mit Bart und Bauch und großen, zupackenden Händen. Er sitzt im Garten seines Hauses am Rande des Bergdorfes Ofena in den Abruzzen, grillt Lachsforellen am offenen Feuer und schaut seinen Söhnen Adam, 7 Jahre, Chalid, 5, und David, 2, beim Spielen zu. Seine Frau schenkt Cola nach, sie ist Albanerin und muslimischen Glaubens wie ihr Mann, ein Kopftuch trägt sie selten.

Man kann einiges von Adel Smith lernen, über Rosenzucht, die Berge, den Koran. Bei gewissen Themen jedoch - der Bibel, dem Papst, dem 11. September 2001 - wird er laut und unangenehm, und seine Anwälte sitzen neben ihm und blicken schweigend zu Boden.

Nach ein paar Minuten, wenn Smith seine Hasstiraden beendet hat, erzählt er seine Geschichte. Es ist eine Geschichte, die Italien erzürnt und die Gerichte beschäftigt bis heute. Sie spielt in Smiths 600-Seelen-Dorf, wo sie mit einer Bitte begann und mit Einsamkeit endet.

Vor einem Jahr sprach Smith in Ofenas einziger Dorfschule vor. Sein erstgeborener Sohn Adam sei nun eingeschult, und als gläubiger Vater bitte er darum, neben dem kleinen, elfenbeinfarbenen Kruzifix über der Tafel im Klassenzimmer auch ein Symbol seiner Religion aufhängen zu dürfen.

Smith hatte eine Farbkopie der 112. Koransure mitgebracht. Die Lehrer konnten die bunte Kalligrafie nicht lesen, sie waren einverstanden. Smith schlug sie mit einem Nagel an die Wand gegenüber der Tafel: »Im Namen Allahs / des Erbarmers, des Barmherzigen! / Sprich: Er ist der eine Gott, / Der ewige Gott; / Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt, / Und keiner ist ihm gleich.«

Wenige Tage später zog die Schule das Angebot zurück, die Koransure hängten sie wieder ab. Smith nahm Adam vorübergehend von der Schule und klagte vor dem Gericht in L'Aquila auf Entfernung des Kruzifixes - entweder diverse religiöse Symbole oder keines.

Smith ist ein in Alexandria geborener Sohn eines italienischen Architekten und einer Ägypterin, seinen Nachnamen vererbten ihm schottische Vorfahren.

Seine Kindheit, sagt Smith, bereite ihm bis heute Alpträume. Zu Weihnachten hätten ihn katholische Nonnen zu einer Jesus-Statue pilgern lassen, dort hätten die Zöglinge, einer nach dem anderen, die kalten, steinernen Füße des Heilands küssen müssen. So eine Kindheit, sagt Smith, könne er seinen Söhnen nicht zumuten.

Mit 24 Jahren zog Smith in die Heimat seines Vaters, in Rom konvertierte er zum Islam und gründete die Muslimische Union Italiens, heute sei er ein besserer Mensch. Smiths Mission seitdem: seine italienischen Landsleute bekehren, aufrütteln und provozieren, ein persönlicher Kreuzzug für den Islam.

Im Oktober 2003 entschied ein Richter in L'Aquila: Binnen 30 Tagen müsse das Kruzifix aus Ofenas Schule verschwinden, schließlich sei der Katholizismus als Staatsreligion 1984 in Italien aufgehoben worden. Ein Sturm der Entrüstung brauste auf: In Ofena demonstrierten Eltern mit »Hände weg vom Kreuz!«-Transparenten, der Papst mischte sich ein, und selbst Italiens Politiker waren einig wie selten. Das Urteil wurde vorläufig ausgesetzt, inzwischen liegt der Fall beim Verfassungsgericht.

Weil sich Smith aber erst am Anfang seines Kreuzzuges wähnte, gab er keine Ruhe. Im Dezember 2003 warf er ein Kruzifix aus dem Fenster eines Krankenhauses, in das man seine Mutter eingeliefert hatte. Was wäre, wenn sie sterben würde, fragte Smith - unter einem Kruzifix? Diesem »Kadaver, dieser Miniatur einer Leiche, nackt an ein Stück Holz geschlagen«. Wer etwas anderes behaupte, müsse es beweisen.

Anfang dieses Jahres verklagte Smith »Herrn Karol Wojtyla, Bischof von Rom«, Kardinal Joseph Ratzinger und Geistliche aus der Emilia-Romagna.

Der Papst habe in seinem Buch »Die Schwelle der Hoffnung überschreiten« das Christentum als Offenbarung Gottes dargestellt, dem der Islam nichts entgegensetzen könne. Dem Kardinal wirft er die angebliche Beleidigung des Islam im Dokument »Dominus Jesus« vor. Und in der Kirche St. Petronio in Bologna sei ein Fresko zu sehen, das den Propheten Mohammed abbilde, wie er nackt in der Hölle schmore. Seine Klage, sagt Smith, sei ein symbolischer Akt, bis heute wartet er auf eine richterliche Entscheidung.

In Italien gilt Smith inzwischen als öffentliches Ärgernis, er prügelte sich mit rechten Politikern in einer Fernsehsendung, seine Union ist nur mehr eine belächelte Splittergruppe. Den meisten der 700 000 in Italien lebenden Muslime ist Smith peinlich. In Ofena nennen sie ihn den Antichristen.

Seit ein paar Wochen geht auch Adel Smiths jüngster Sohn David in den Kindergarten der Schule von Ofena, vor der jetzt ein großes, gusseisernes Kreuz steht - eine Warnung an den Antichristen? Auch David trägt jetzt die Koransure auf seiner Schuluniform, sein Vater hat sie großkopiert und auf die gelben Kittelschürzen seiner Söhne drucken lassen. Die armen Jungs, sagen sie im Dorf, geschlagen mit diesem Vater. Allah sei nur ein Vorwand, sagen sie, in Wahrheit gehe es Smith nur um einen: sich selbst.

»Eines Tages werden meine Kinder über mich richten«, sagt Smith. »Vielleicht werden sie sagen, Vater war 'un pazzo', ein Irrer. Vielleicht auch nicht.« Inschallah. FIONA EHLERS

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