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Der Büßer

Ortstermin: Wie ein EU-Beamter im bayerischen Regensburg die Folgen Brüsseler Vorschriften kennenlernen soll
• aus DER SPIEGEL 1/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Körper und Schuhe muss er mit Plastik verhüllen, und für die Augen, das ist so Vorschrift, liegt eine Schutzbrille bereit. Ein Formular ist auszufüllen, mit dem der Besucher bescheinigt, nichts unerlaubt anfassen zu wollen, nicht immunschwach und nicht schwanger zu sein. Jenseits der Sicherheitstür steht Mikael Garellick, eigentlich EU-Beamter in Brüssel, zwischen Spritzen, Brennern, Pipetten, Kühl- und Brutschränken, der Bürokrat findet sich wieder im Labor der Firma Profos AG, im wirklichen Leben, in einer fremden Welt.

Der Abgesandte aus Brüssel ist angekommen in der bayerischen Provinz, in Regensburg, mittelalterlich und bischofstreu; die fremde Welt aber, in der Garellick sich zurechtfinden soll, liegt abseits, in kühler Zukunft, am Rande der Stadt.

Mikael Garellick, Jahrgang 1964, Master of Business Administration, Abteilung ENTR.R.5 in der Generaldirektion für Unternehmen und Industrie, ist der Stimme seines Kommissars, Günter Verheugen, gefolgt, der vom deutschen Handwerksgeneralsekretär Hanns-Eberhard Schleyer lernen musste, wie fremd, wie unbegreiflich sich die beiden Welten sind. Die EU und die Wirtschaft, für die man in Brüssel seine Gesetze gebiert.

Und nun tauchen die Entdecker aus Brüssel - was für eine schöne Idee - halb zur Strafe, halb zur Erbauung in die Wirklichkeit, die sie seit Jahrzehnten, so der Vorwurf der Handwerker und Unternehmer, komplizierter machen, als sie sein muss.

Nun werden 300 höhere Beamte aus der Generaldirektion Unternehmen und Industrie durch kleine und mittlere Unternehmen ziehen. »Enterprise Experience Programme« heißt das Konzept und steht für eine bußfertige, für eine lernwillige EU.

Mikael Garellick, einer der ersten Forschungsreisenden aus Brüssel, findet sich wieder im Labor der Firma Profos, in Sicherheitsstufe eins. Hier sind Bakterien bei der Arbeit, man lässt sie spezielle Proteine produzieren, die unerwünschte Mikroben vernichten können. An diesem Tag arbeitet Escherichia coli, gentechnisch verändert, im Fermenter und produziert ein Eiweiß, das Listeriabakterien killen kann, auf Räucherlachs oder Camembert.

»Look. This is the virus. This is the bakterium.« Es spricht, in stark regional gefärbtem Englisch, Wolfgang Mutter, Vorstandschef der Profos AG, vor einem Schaubild, das sein Werk erklärt.

Das Virus sieht aus wie eine Zitronenpresse, ein keulenförmiger Kopf auf Spindelbeinen. Mikael Garellick, schmal und dunkel, sieht nicht aus wie ein Schwede, ist aber einer. Wolfgang Mutter sieht aus wie ein Vorstandsvorsitzender, Chef von 43 Mitarbeitern, der vom Leben erwartet, dass es ihn nicht unnötig mit Regeln bremst.

Er hat diesen EU-Mann ins Haus gelassen, ein Anschauungsexemplar aus dieser Brüsseler Parallelwelt, der man nachsagt, dass sie sich mit den sonderbarsten Dingen befasst, mit Bananenkrümmung oder Feuerzeugbrennstoffnormen.

Sie bestaunen einander, zwei Männer, zwei Welten, so, als ob sie zum ersten Mal erkennen, wie fremd sie einander sind.

In Brüssel brüten sie Wörter aus, die zu Verordnungen werden, und wieder neue Wörter, die wieder neue Verordnungen gebären. Garellick, Praktikant im wirklichen Leben, ist in Regensburg, gesandt aus der Hochburg der Vorschriften, um Wolfgang Mutter zu fragen: »Are you happy with our regulations? Are they too complex?«

Monströse Wörter, unbrauchbare Gesetze, Mutter ist nicht happy mit vielem aus Brüssel; den Förderrichtlinien zum Beispiel, ständig soll man mit anderen Ländern zusammenarbeiten, um Fördermittel zu bekommen, mit Holland, Frankreich, mit Griechenland. »Entschuldigen Sie! Griechenland! Ausgerechnet Griechenland!«

Garellick hüstelt kurz und trocken. Seine Frau ist aus Griechenland. Sie arbeitet auch bei der EU.

Garellick kommt in freundlicher Absicht, er will keinen Streit. Zwölf Jahre ist er jetzt bei der EU, Chemikaliengesetze, Rinderwahn, mit solchen Sachen hat er sich beschäftigt, jetzt kommt er als Botschafter aus der Welt der Paragrafen. Er tut, was ihm gesagt wird, beugt sich über den Fermenter und darf eine Probe ziehen, vorsichtig, gemäß der Sicherheitsverordnung, gemäß der Biostoffverordnung, es gibt gute Verordnungen und schlechte, und überflüssige gibt es auch.

Monströse Wörter, überflüssige Gesetze, man müsste Abwehrstoffe haben wie Mutters Proteine, die die überflüssigen finden und zerstören und nur jene übrig lassen, die man wirklich braucht. Und darum geht es ja bei dieser Forschungsreise des Beamten aus Brüssel: herauszufinden, wie viele Vorschriften man wirklich braucht in der Wirklichkeit. Eine gute Idee, sie kommt nur, man fragt sich, warum, ein bisschen spät.

Es ist Mittag jetzt, Zeit, die Plastikkleidung abzustreifen, Mutter hat noch Dinge vor, er muss zu einer Tagung, den EU-Mann nimmt er mit.

In der Nähe von München, am Nachmittag, trifft sich die Deutsche Gesellschaft für Proteomforschung e. V. Mutter sitzt dort im Verwaltungsrat. Er wird die Gelegenheit nutzen, den EU-Mann vorzustellen. Für eine neue Selbsterfahrung, für neue Kontakte, für die Einführung in ein neues Stückchen Wirklichkeit.

Fachkräfte werden dort sitzen, die sich mit Proteomik auskennen, das ist die Erforschung der Gesamtheit der Proteine, und Mikael Garellick, Praktikant im wirklichen Leben, wird von einer Parallelwelt in die nächste gewechselt sein, wo wieder die Wörter schwirren und sich vermehren, Hochdurchsatz-Proteinaufreinigungssysteme, teratogene Substanzen, monströse Wörter, die für Garellick so seltsam sind wie für Mutter die Wörter aus Brüssel.

Sie ist sehr schwer zu verstehen, diese wirkliche Welt. BARBARA SUPP

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