Der erste Jahrestag: Tag der Angst, Tag der Wut - DER SPIEGEL
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Der erste Jahrestag Tag der Angst, Tag der Wut

Ein Jahr danach. Amerika hält den Atem an. Kampfflugzeuge sichern den Himmel über Washington und New York. Vizepräsident Cheney befindet sich an einem geheimen Ort. Die Stimmung in New York: Eine Melange aus Trauer, Wut und Angst.
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Washington - Die Furcht vor neuen Terrorangriffen ist überall in den Vereinigten Staaten spürbar. Präsident George W. Bush rief Alarmstufe Orange aus, nachdem er von einer deutlichen Steigerung der Kommunikation unter Terroristen und Sympathisanten auf der ganzen Welt erfahren habe. Osama Bin Ladens Terror-Netzwerk al-Qaida soll für einen großen Teil des registrierten Informationsaustauschs verantwortlich sein.

Das FBI informierte Banken, militärische Einrichtungen und Botschaften der USA über zahlreiche Terrorwarnungen. Unter anderem sei von Autobomben, Selbstmordanschlägen und anderen Attentaten im Zusammenhang mit dem Jahrestag die Rede gewesen.

Neun Auslandsvertretungen der USA wurden vorübergehend geschlossen. Auch europäische Regierungen verstärkten ihre Sicherheitsvorkehrungen. Die große Zahl der Warnungen bezeichnetet Ari Fleischer, der Sprecher der US-Regierung, als "Besorgnis erregend". Jahrestage könnten "eine Gelegenheit für eine erhöhte terroristische Aktivität sein", sagte Fleischer.

Das Warnsystem der US-Behörden hat fünf Stufen: Von Grün über Blau, Gelb und Orange bis hin zu Rot. Jede Stufe löst bestimmte Reaktionen der Sicherheitsbehörden auf nationaler, bundesstaatlicher und lokaler Ebene aus. Bei Alarmstufe Orange, die erstmals seit März wieder ausgerufen wurde, ergreifen die Behörden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bei öffentlichen Veranstaltungen, bereiten sich auf schnelle Ortswechsel vor und koordinieren ihre Maßnahmen mit Militäreinheiten und der Polizei und verschärfen die Kontrollen an den Flughäfen.

Wegen "konkreter und glaubhafter Drohungen" wurde am Vortag des 11. September US-Botschaft in der indonesischen Hauptstadt Jakarta geschlossen, ebenso wie das Konsulat in Surabaya. Außerdem gab es offenbar eine Drohung gegen die US-Botschaften in Manila und Kuala Lumpur. Die Botschaft in der malaysischen Hauptstadt soll von Mittwoch an für unbestimmte Zeit geschlossen werden.

Die Terrordrohungen veranlassten US-Vizepräsident Dick Cheney offenbar, schon am Montagabend an einem sicheren Ort außerhalb Washingtons Zuflucht zu suchen. In Regierungskreisen hieß es, dass es zwar keinen konkreten Hinweis für einen direkten Anschlag auf Bush oder Cheney gebe, doch entspreche die Trennung des Regierungschefs und seines Stellvertreters den Routine-Sicherheitsmaßnahmen. Für den Todesfall des Präsidenten sieht die US-Verfassung vor, dass sein Stellvertreter die Staatsgeschäfte übernimmt. Ob Cheney zusammen mit Bush an den Veranstaltungen zum 11. September teilnimmt, gilt noch als offen.

Das US-Militär hat unterdessen an strategischen Stellen in und um Washington ein neues Raketenabwehrsystem installiert. Es handele sich um eine seit langem geplante Übung, die nicht auf konkrete Terrorbedrohungen zurückzuführen sei, hieß es am Dienstag im Pentagon. Bei den Tests werde keine scharfe Munition verwendet. Nach Informationen von CNN werde diese Möglichkeit allerdings erwogen.

Mit der Übung "Klarer Himmel 2" werde getestet, ob die Bodensysteme optimal mit F-16-Kampfjets zusammenarbeiten, die Washington aus der Luft schützen sollen. Unter anderem seien am Montag am Pentagon und auf mehreren Militärstützpunkten in der Hauptstadt Avenger-Systeme zum Abfeuern von Stinger-Raketen stationiert worden.

Bush wird am Jahrestag die Schauplätze der Terroranschläge besuchen. Die zentrale Gedenkfeier für die Opfer der Terroranschläge wird am Ground Zero in New York stattfinden, wo bis vor einem Jahr noch die Zwillingstürme des World Trade Centers in den Himmel ragten. Weitere Gedenkkundgebungen sind am Pentagon in Washington und in Pennsylvania geplant, wo zwei weitere der insgesamt vier von Terroristen gelenkten Passagierflugzeuge abstürzten. An der Gedenkveranstaltung in New York nimmt auch Bundesaußenminister Joschka Fischer teil.

Gedenkveranstaltungen sind am 11. September auch in Deutschland geplant. Als zentrale Feier soll um 12 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst im Berliner Dom stattfinden. Dort werden Bundespräsident Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sowie der amerikanische Botschafter Daniel Coats erwartet.