TODESURSACHEN Detektive am Seziertisch
Als kerngesunder Mann galt der Bosch-Techniker Erwin W., 49, aus dem niedersächsischen Neuenhaus. Doch eines Morgens war er tot. Der Arzt bescheinigte Herzversagen. Die Witwe weinte pflichtgemäß und beerdigte ihren Mann. Dann verkaufte sie das gemeinsame Eigenheim und zog mit den vier Kindern fort.
Gerüchte, dass die Ehefrau schuld am Tod ihres Mannes sei, verstummten nie. Anfang dieses Jahres ließ ein engagierter Staatsanwalt den Leichnam exhumieren. Gerichtsmediziner diagnostizierten: Erwin W. wurde vergiftet, er starb an der Überdosis eines starken Herzmittels. Im Verhör gestand die Tochter, die Mutter habe das Mittel unters Essen gemischt. Die mutmaßliche Mörderin kam in Untersuchungshaft.
Wie viele solcher Fälle es Jahr für Jahr gibt, wie viele Mörder noch frei herumlaufen, weiß niemand. Rechtsmediziner vermuten seit Jahren, dass die Zahl der vollendeten Tötungsdelikte mindestens doppelt so hoch ist wie von der offiziellen Polizeistatistik ausgewiesen, und das waren 1999 immerhin 1005. Zwar wurden knapp 95 Prozent der Fälle aufgeklärt, doch die Quote, auf welche die Polizei besonders stolz ist, bezieht sich nur auf die erkannten Taten.
Aus Nachlässigkeit oder falsch verstandener Pietät verzichten niedergelassene Ärzte vielfach auf eine präzise Leichenschau. Nur in Zweifelsfällen oder bei konkreten Hinweisen auf Fremdverschulden kann die Staatsanwaltschaft eine Obduktion veranlassen.
Die droht künftig immer seltener stattzufinden - aus Kostengründen. Um zu sparen, kürzen die Bundesländer den Rechtsmedizinischen Instituten, an denen Leichen seziert werden, die Gelder oder machen sie ganz dicht.
Das Institut für Rechtsmedizin in Marburg wurde bereits geschlossen, Schleswig-Holstein legte die Institute Kiel und Lübeck zusammen; im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sollen vier von sechs Instituten aufgelöst werden.
Dabei ist die Arbeit der Detektive am Seziertisch für die Aufklärung von Todesfällen nach wie vor wichtig, weil viele Ärzte beim Feststellen der Todesursache befangen sind - und weil eine entsprechende Ausbildung der Polizisten immer schlechter wird.
Kinder und Alte sind die größten Risikogruppen. Denn oft besteht die Leichenschau nur aus einem raschen Blick. Zwar gehört sie zur Grundausbildung aller Ärzte, doch vielen fehlt die Erfahrung - oder die nötige Distanz. So entdeckten Hamburger Gerichtsmediziner im Rahmen einer bundesweiten Studie zum plötzlichen Kindstod seit Anfang 1999 fünf Kinder, die durch Gewalteinwirkung ums Leben gekommen waren. Sie wurden von ihren Eltern buchstäblich zu Tode geschüttelt und starben an Gehirnblutungen, dem so genannten Schütteltrauma.
Im sächsischen Städtchen Weißwasser wurden vor wenigen Wochen drei 15-Jährige verurteilt, die einen Obdachlosen totgetreten hatten. Ein Arzt hatte zunächst natürlichen Tod attestiert. Erst als die örtliche Zeitung den Fall meldete, offenbarten sich zwei Mädchen der Polizei, die Zeuginnen des Überfalles geworden waren. Das Motiv der Täter: Sie wollten Geld für ein Moped.
Die Gründe, warum ein Tod durch fremde Hand nicht erkannt wird, sind vielfältig.
Ein niedergelassener Frauenheilkundler, der nur selten als Notarzt arbeitet, übersieht vielleicht Anzeichen einer Tötung. Mancher scheut sich auch davor, den Leichnam im Hause der Angehörigen zu entkleiden, umzudrehen und - wie vorgeschrieben - jede Körperöffnung zu untersuchen.
Der Hausarzt hingegen kennt oft sowohl Krankengeschichte als auch Familie des Toten gut. »Da fällt es schwer, einen plötzlich des Mordes zu verdächtigen«, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, Bernd Brinkmann (siehe Interview Seite 129).
Auch Polizisten sind zunehmend überfordert. Viele Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, haben die Ausbildung ihrer Beamten vereinheitlicht, jeder Ordnungshüter soll möglichst ein Alleskönner sein. »Dadurch sinkt das Niveau«, klagt Eike Bleibtreu vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Für das Fach Todesermittlung beispielsweise blieben bei der Schulung nur 16 Unterrichtsstunden.
»Gerade im ländlichen Raum sind mir Fälle bekannt«, sagt der münsterische Rechtsmediziner Alfred Du Chesne, »in denen total überforderte Polizisten zum ersten Mal eine Leiche sahen. Da hatte der Arzt mehr mit der Betreuung des Beamten als mit der Leichenschau zu tun.« Zu Du Chesnes Beispielen zählt der Fall einer 33-jährigen Mutter aus dem Raum Osnabrück, die angeblich an einem Herzinfarkt gestorben war. Ein Staatsanwalt wurde wegen des Alters der Frau misstrauisch. In der Gerichtsmedizin entdeckten die Ärzte Würgemale am Hals der Toten.
Der Not gehorchend, brachte der BDK unlängst ein Heftchen im Brusttaschenformat heraus: »Pocket Tipps Todesermittlung« heißt der Ratgeber für die Kollegen. CHRISTINE KOISCHWITZ, ANDREAS ULRICH
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Nur jeder 50. Tote wird in Deutschland auf gerichtliche Anordnung seziert. Nach Ansicht von Rechtsmedizinern müssten es viel mehr sein. 1005 Tötungsdelikte weist die Polizeistatistik für 1999 aus. Die wahre Zahl der Mordopfer wird doppelt so hoch geschätzt.
* In der Berliner Charité.