EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Doktor Qualle
Die Narbe am rechten Unterarm ist so groß wie ein Daumennagel. Gut zehn Jahre ist es her, sie drehten gerade einen Lehrfilm in Australien, als Gerhard Jarms sich übers Aquarium beugte und dabei übersah, dass an der Scheibe ein Stück Tentakel von der Seewespe klebte, einer Quallenart, deren Gift tödlich sein kann. Jarms hatte das Gefühl, als bohre sich ein glühendes Schwert ins Fleisch. Er kippte Essig auf die Wunde, pulte das Stückchen Qualle mit einer Pinzette ab und wartete, dass der Schmerz nachließ. Dann filmten sie weiter.
Gerhard Jarms, 53, trägt die Narbe wie eine Auszeichnung. Jarms ist Quallenforscher, am Zoologischen Institut Hamburg nennen sie ihn respektvoll »Doktor Qualle«. Ohne anständige Narbe kann man auf diesem Gebiet vermutlich einpacken.
»Schauen Sie durchs Mikroskop«, ruft Jarms und wirft ein paar Kleinkrebse als Futter in die Glasschale, die unter dem Objektiv steht. An der Schalenwand sitzt jenes Tier, das Jarms vor dreieinhalb Jahren zufällig in einem Aquarium des Hamburger Tierparks Hagenbeck entdeckt hat: ein Polyp, aus dem sich irgendwann Kronenquallen entwickeln.
Mit dem Leiter des Tropariums hatte Jarms damals vor dem Becken mit dem tropischen Riff gestanden, als ihm plötzlich ein gelblich brauner Polyp auffiel. Jarms ahnte sofort, dass es sich hier um eine Art handelte, die vor ihm noch kein Mensch gesehen hat - ein Fund, »so wahrscheinlich wie ein Lotto-Gewinn«.
Zwei Jahre lang hatte das Tier im Aquarium bei Hagenbeck gesessen, unbemerkt von Jarms und den übrigen Besuchern. Die kommen, um den Pinzettfisch und einen tropischen Röhrenwurm zu bestaunen; den kleinen Polypen hielten sie wohl für ein Stück Koralle - wenn sie ihn überhaupt bemerkten. Menschen gehen in den Zoo, um Tiere zu sehen, die sie kennen. Niemand käme auf die Idee, eine unbekannte Art in einem Zoo zu suchen, der einmal im Jahr alle Tiere in einer Inventur erfasst.
Jarms ist fasziniert von Quallen. Er bewundert ihre filigrane Struktur, ihre Symmetrie und ihre harmonischen Bewegungen. Wahrscheinlich hat er diese Sätze schon hundertmal gesagt. Ein Mann, der sein Büro mit Aquarien und Kulturschalen voll gestellt hat, steht unter einem ähnlichen Rechtfertigungszwang wie jemand, der Stechmücken züchtet.
Einige hundert Quallenarten sind bisher beschrieben, ständig kommen neue hinzu. Es sind »lebende Fossilien«. Ihr Leben ist ein ewiger Kreislauf: Aus den Polypen wachsen Medusen, aus deren Larven sich wiederum Polypen entwickeln.
Bei einigen Formen haben sich Körperbau und Struktur in den vergangenen 600 Millionen Jahren kaum verändert. Durchs Mikroskop blickt man gewissermaßen direkt ins Präkambrium, in die Ur-Zeit des Lebens. Polypen kennen keinen Alterungsprozess. Ihr Zellpotenzial erneuert sich mit jeder Vermehrung. Wenn sie nicht gefressen werden, können sie Tausende Jahre alt werden.
Alterslosigkeit. Ewiges Leben. Auf dem kleinen Polypen unter Jarms' Mikroskop lasteten auch die großen Fragen der Menschheit.
Er begann zu forschen, zählte die Tentakel des Polypen, der nun in einer Puddingschale gefüllt mit Nordseewasser lebte. Er beschrieb ihren hellgrünen Schimmer und studierte die einzigartige Lippenbildung am Mund des Polypen. Er stellte fest, dass der Polyp etwa einen Zentimeter im Jahr wächst und am liebsten die Mitteldarmdrüsen der Miesmuschel isst. Nach einem knappen Jahr hatte der Polyp etwa 250 Medusen gebildet. Erst da konnte Jarms sich sicher sein, dass er wirklich eine neue Tierart entdeckt hatte.
Jarms gab dem Polypen den Namen Nausithoë hagenbecki. Den Leuten vom Tierpark gefiel das: Nausithoë hagenbecki ist die erste Tierart, die in dem Zoo entdeckt wurde. Vermutlich war der Polyp im nördlichen Chinesischen Meer zu Hause gewesen. Mit einer Lieferung lebender Steine kam er nach Hamburg, fand Jarms heraus, verpackt in einen Styroporkarton, zugedeckt mit feuchtem Seetang, importiert von einem Großhändler für Zoo-Bedarf.
Mittlerweile ist das Tier in Jarms' Büro drei Zentimeter lang. Es scheint ihm gut zu gehen. Wenn nichts dazwischenkommt, wird er wachsen und Medusen abschnüren und weiterwachsen. Und warten. Auf die nächste Ladung Kleinkrebse, auf ein besonders leckeres Stück Miesmuscheldarm und auf ein Männchen. Der Polyp selbst mag zwar ewig leben, aber um sich fortzupflanzen, brauchen weibliche Polypen immer noch das männliche Geschlecht. Würde Jarms ein Männchen finden, könnte er endlich den kompletten Lebenszyklus beschreiben. Aber das wären zwei Sechser im Lotto hintereinander.
Vielleicht kann der Mensch von den Polypen lernen, wie man die Zeitläufte überlebt. Vielleicht offenbaren die Quallen eines Tages sogar das Geheimnis des ewigen Lebens. Vielleicht auch nicht. Möglicherweise besteht das Geheimnis ihrer Millionen Jahre alten Existenz darin, dass sie keins haben.
Vor ein paar Jahren hat Gerhard Jarms im Urlaub zum ersten Mal in seinem Leben Quallen gegessen. Es war am Golf von Siam, und er probierte sie gebraten, mit einer scharfen Sauce, und süß-sauer, mit Litchis, zum Nachtisch. Es schmeckte gar nicht schlecht. HAUKE GOOS