Dutroux-Affäre Die verblassten Spuren
Brüssel - Auf dem Weg zu Gino Russo kann niemand der belgischen Vergangenheit entkommen. Hochofenkolosse, zerschlissen und staubübersät, tauchen hinter Straßenböschungen als Erinnerung einstiger Industriegröße auf. .
Im einstigen Kohlerevier in der Nähe von Lüttich hat Gino Russo in einer der Stahlmühlen geschafft. Er hätte mit seiner Frau Carine und seinen beiden Kindern das auskömmliche Leben führen können, das ein Spross sizilianischer Einwanderer in der zweiten Generation eben so führt; er hätte sich von den Kumpels weiterhin "Maccaroni" nennen lassen und wäre mit ihnen doch immer wieder auf Schicht gefahren.
Dutroux aber, der ihm seine achtjährige Tochter Melissa nahm, sie in sein Kellerverlies sperrte und dort verhungern ließ, hat ihn wider Willen zu etwas anderem gemacht, zu einem Volkshelden auf Zeit. Russo war Anführer des legendären "Weißen Marsches" der 300.000 in Brüssel.
Kein anderer als der Stahlkocher mit dem wehmütigen Blick und dem scharfen Sinn für Gerechtigkeit hätte besser zur Symbolfigur getaugt, zum Sinnbild für den ohnmächtigen kleinen Mann, den die belgische Staatsmacht nicht vor Verbrechern schützt. Zum Prozess gegen Dutroux, der 2002 beginnen soll, will er aber gar nicht mehr gehen. Zu viel Verfahrenspfusch hat er gesehen: "Es kommt doch nichts mehr dabei raus."
Die Genugtuung, dem mutmaßlichen Kindermörder in Gefangenschaft in die Augen zu sehen, braucht Russo nicht mehr. Er ist ihm bei einem Haftprüfungstermin in der Gefängnisbibliothek begegnet. Der gefesselte Häftling starrte auf den Boden, vor Scham. Russo bohrte seinen Blick in ihn. Russo hat diese Begegnung gebraucht für sich, als Test. Jetzt sagt er: "Ich halte das aus."
Auch nach fünfjährigen Kriminalermittlungen hat es die belgische Justiz nicht vermocht, den eindeutigen Beweis dafür zu liefern, ob es sich bei dem arbeitslosen Kinderfänger um einen perversen Einzeltäter handelt oder ob er die Mädchen auf Bestellung fing, kaltblütig, für andere Perverse. Sein Chef sei "reicher als ein Minister", hat Dutroux zu einer der Entführten gesagt. Doch später korrigierte er: Alles nur "vorgeschoben". Hintermänner nannte er nie. Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Aktenzeichen 86/96 füllen 400 Kartons mit 1200 Aktenordnern. Neun Personen gelten als Beschuldigte, neben dem schillernden früheren Partyimpresario Jean-Michel Nihoul, seiner Ex-Frau Annie Bouty auch der Grieche Michael Diakostavranos, der Dutroux auf Sextouren nach Tschechien und Slowakien begleitete.
Zweimal brachte Dutroux von dort junge Frauen mit. In seinem Haus bei Charleroi setzte er sie unter Drogen, dann vergewaltigte er die beiden Achtzehnjährigen, Eva und Yanka, vor laufender Sony-Kamera. Später ließ er sie wieder laufen.
Kontakte nach Deutschland
Der Grieche, der die beiden mit Dutroux bekannt gemacht hatte, verfügte nach SPIEGEL-Recherchen auch über zahlreiche Kontakte nach Deutschland, darunter auch zu einer ehemaligen Videoclub-Besitzerin in Bonn. Deren Bekannte waren einschlägig im Kinderpornohandel tätig. An die belgische Bekanntschaften will sich die Dame heute allerdings nicht mehr erinnern.
Inhaftiert sind lediglich noch die Hauptbeschuldigten: Dutroux und seine Frau Michelle Martin, die das Kellerloch für zwei gefangene Kinder sonnengelb anstrich und während eines Gefängnisaufenthaltes ihres Gatten die beiden Kleinen - Julie und Melissa - mit Nahrung versorgen sollte, aber das dann irgendwie vergaß: "Ich habe die Gegenwart der Mädchen verdrängt", gab sie im Verhör an. Dafür fütterte sie die beiden Schäferhunde im Haus.
Daneben sitzt auch noch der Dutroux-Kumpel Michel Lelièvre ein, ein Drogensüchtiger, der von Dutroux Heroin erhielt und dafür nach eigenen Eingeständnissen den Handlanger bei den Entführungen machte.
Mindestens sechs Mädchen soll Dutroux zwischen Juni 1995 und August 1996 in seinem Kellerloch gefangen gehalten und vergewaltigt haben. Doch er gibt nur die Entführung von vier Kindern zu: An und Eefje, die später ermordet auf einem seiner Grundstücke aufgefunden wurden, sowie die Entführung der 13- und 14-jährigen Sabine und Laetitia, die lebend geborgen werden konnten. Die beiden Kleinen, Melissa und Julie, habe "man" ihm gebracht. Lelièvre sei der Täter, sagt Dutroux. Der bestreitet das. Er habe Dutroux zu dieser Zeit noch gar nicht gekannt, was im Verfahren bewiesen werden konnte.
Doch bis heute haben die Ermittler nicht den Deut eines objektiven Gegenbeweises für Dutroux' Behauptungen. Aussagen stehen gegen Aussagen. Auch zu einer raschen Verurteilung in einem Vorprozess über die bereits gestandenen Taten - Entführung, Gefangennahme, Vergewaltigung, Mord - kann es nicht kommen. Das seit napoleonischen Zeiten unveränderte belgische Recht macht eine Verfahrensabtrennung nur sehr schwer möglich.
Einzeltäter oder Netzwerk?
Ohnehin lässt höheren Ortes derzeit der ermittelnde Staatsanwalt des Königs, Michel Bourlet, ein Anhänger der Netzwerktheorie, die Verfahrensführung des ermittelnden Untersuchungsrichters, Jacques Langlois, eines Verfechters der Einzeltäterthese, von Vorgesetzen untersuchen. Langlois möchte das Verfahren beenden, möchte "Türen schließen", wie er sagt. Bourlet aber will die abgekürzten Prozessschritte des Richters nicht hinnehmen.
Der Streit, die Verfahrensfechtereien, das alles dauert. Vor einem halben Jahr musste wegen eines Zwists auch schon Chefermittler Michel Demoulin abgelöst werden. Er hatte Dutroux die meisten Geständnisse entlockt.
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Zu viele Spuren sind inzwischen verwischt, zu zerstritten sind die Ermittlerteams, als dass es zu klaren Ergenissen kommen könnte. Von den ursprünglich 300 Beamten arbeiten heute noch knapp 50 an dem Fall. Sie wird gelöst werden, auf Belgisch: Es wird zu Urteilen über die bereits gestandenen Taten kommen, aber ewig nagende Vermutungen und bohrenden Zweifel über Ungelöstes werden bleiben. Sie taugen für Legendenbildungen und weiteren Hader, kurz, für das, was man die "belgische Krankheit" nennt, schlechte Lösungen also.
Gino Russo, der Vater, der mit seiner Frau Carine die Stiftung "Julie und Melissa. Gegen das Vergessen" gegründet hat, hat heute einen Job als Ausbilder für Sicherheitsfragen. In der Routine seiner Antworten liegt die Müdigkeit eines Justizexperten. Als Nebenkläger hat er sich das Recht auf Akteneinsicht erstritten. Er glaubt zwar nicht an ein Netzwerk mit Personen der höheren Gesellschaft, aber auch nicht an die Theorie vom "isolierten Perversen": "Es ist mir gleichgültig, ob es eine hochgestellte Persönlichkeit oder ein einfacher Mann war, der meine Tochter auf dem Gewissen hat", sagt er, "aber ich möchte wissen, wer es war". Dutroux leugnet auch die Vergewaltigung an Melissa. Doch der Obduktionsbefund zeugt von Spuren schwerster Schändung, möglicherweise von Sodomie.
Dass, anders als von Dutroux behauptet, die beiden kleinen Mädchen gar nicht ständig im Keller waren, sondern zeitweise anderswo und ausgeliehen, ist nicht ausgeschlossen. Die Eltern klammern sich an diese These. Um sie wird sich der kommende Prozess hauptsächlich drehen. Auch dass noch weitere Personen Zutritt zum Kellerversteck hatten und ihnen zu essen gaben - einige Indizien sprechen dafür. Der körperliche Gesamtzustand der beiden Kinderleichen, die der Fänger zuerst in einen Kühlschrank steckte und dann in einem Müllsack im Garten vergrub, war relativ gut.
Ständiges Kommen und Gehen bei Dutroux
Ständig fuhren am Dutroux-Haus Autos vor. Einmal kam ein Mann mit weißem Mercedes, um Mädchen zu begutachten und reiste wieder ab. Ein anderes Mal trug ein Dutroux-Kumpan am helllichten Tag ein mit Rohypnol-betäubtes, in eine Decke eingewickeltes Mädchen ins Haus. Die Nachbarn schauten zu. Es handelte sich um die später ermordete An.
Es gab und gibt Gründe dafür, an Hintermänner oder Bestellkunden zu denken. "Frisches Fleisch", damit brüstete sich Dutroux. Damit verdiene er gutes Geld. Bis zu 7500 Mark bringe ihm ein Mädchen ein. Gegenüber seinem Komplizen Lelièvre sprach Dutroux von "Bestellungen".
Vier Häuser hat der Sozialhilfeempfänger im wallonischen Kohlerevier erworben. Konten in Luxemburg haben sie bei ihm entdeckt. Nur Zufall, dass immer kurz nach den Entführungen höhere Bargeldbeträge in Belgien eingingen? "Börsenspekulationen" behauptet Dutroux, "Gelder aus den Diebstählen", meint seine Frau. Die Justiz fand auch keine bessere Erklärung.
Internationale Kontakte
Bei sieben Hausdurchsuchungen hat die Polizei in Adressbüchern und auf Telefonlisten nicht nur die Namen und Daten von notorischen Pädophilen gefunden. Nach SPIEGEL-Recherchen befinden sich auf den Listen der Staatsanwaltschaft auch über 250 ausländische Telefonnummern, die bei Dutroux und seinen Helfern gefunden wurden. Etliche deutsche Nummern sind darunter, viele aus Frankreich, Großbritannien, aber auch aus den USA. Privatschulen in Lausanne finden sich dort und eine Klinik in London.
Nach SPIEGEL-Recherchen rief Dutroux am 21. Juni 1996 von Deutschland aus in seinem Haus in Belgien an, er soll auf der Durchreise nach Tschechien gewesen sein. Kurz zuvor, als die 13-jährige Sabine Dardenne im Kellerverlies saß, hatte mindestens zweimal jemand aus dem Raum München telefonisch Kontakt mit dem Dutroux-Haus aufgenommen. Die Nummer eines Münchener Privatflughafens ist auf Belgacom-Listen registriert - ein Apparat im Kontrollturm des Flughafens mit einer Geheimnummer, von dem aus Piloten ihre Privatgespräche abwickeln können. Der Kreis der möglichen Benutzer war groß. Rund 50 Berufspiloten kamen seinerzeit monatlich auf den Flugplatz. Aber kein Polizeibeamter habe diese Verbindungen jemals überprüft, sagen die Flughafenverantwortlichen, nie sei eine Anfrage der Justiz gekommen. Auch verstrichen vier Jahre, bis die Belgier endlich ein Rechtshilfeersuchen nach Deutschland schickten. Im vergangenen Frühjahr befragte die Staatsanwaltschaft Bonn mehrere Zeugen über Kontakte zum Mitverdächtigen. Doch bei vielen verblasst das Gedächtnis, wenn die Fragen unangenehm sind, und die Zeit verstrich.
Eltern wie auch Fahnder klammern sich jetzt noch an eine letzte Analyse der im Keller auffindbaren Mikrospuren. 6000 Haare werden derzeit in über ganz Europa verstreuten Labors untersucht. Ein gutes Dutzend davon, so viel steht schon fest, gehören nicht den üblichen Verdächtigen. Aber was sagt das schon? Dutroux und Co. könnten sie an Schuhen oder Kleidern mit ins Haus geschleppt haben. Und falls nicht: Wo sollten die zu den Haaren gehörigen Köpfe gefunden werden, wenn der geringste Anhaltspunkt fehlt? Die Lösung klingt belgisch: Viele Fragen bleiben offen.