Energie-Engpass California unplugged
San Francisco - Auf den ersten Blick ist Stromausfall ganz was Lustiges, fanden die Kalifornier, als Anfang des Jahres die ersten flächendeckenden Blackouts sie heimsuchten: Das Ballett der orangegewandeten Verkehrspolizisten auf 40 ampellosen Kreuzungen in San Francisco amüsierte zumindest den, der nicht schnellstens zu einem wichtigen Meeting musste. Die Mitarbeiterin eines Computerspiel-Erfinders im nahen Silicon Valley empfand sich gar als Hauptfigur in einem der Produkte ihrer Firma, als sie sich geschickt durch die Staus schlängelte und Auswege erforschte - der Blackout als virtuelle Realität. Die jungen Beschäftigten der Internet-Start-ups in der Gegend um die Bucht von San Francisco lassen sich ohnehin nur schwer ihren Spaß austreiben, "having fun" ist immer noch Dauerzustand im Gemütsrepertoire. Aber es nervt schon, in der Arbeitspause auf den geliebten Café Latte, gesprochen "Kaafey Laatey", den Milchkaffee, verzichten zu müssen, weil die Espressomaschine im Eckcafé keinen Saft mehr hat. Fröhlich verkündeten Nachrichtensprecher im Radio während der Alarmstufe drei die Stromsituation wie die Wettervorhersage und den Straßenzustandsbericht.
So richtig schlimm war es nicht: Keine Stadt machte dicht, kein Mensch kam um, gelitten unter dem ersten Blackout-Schub im Januar hatten eigentlich nur die Tropenfische und die Gorillas im Zoo von San Francisco. Die einen, weil ihr Wasser plötzlich abkühlte und sie umgesiedelt werden mussten, die anderen, weil ihre elektrisch betriebenen Käfigtüren zum Freilaufgehege sich nicht pünktlich öffneten. Und manch ein Zahnarzt traute sich nicht, den Bohrer anzusetzen, aus Angst, die Behandlung nicht beenden zu können. Die Blackouts, hier wegen politischer Korrektheit gegenüber den schwarzen Mitbürgern Brownouts genannt, sind Kinkerlitzchen für den Kalifornier, der Erdbeben kennt, Dürre, Feuer und Schlammlawinen.
Aber diese spezielle Katastrophe ist haus- und nicht naturgemacht, und daher müssen die Bewohner des Golden State jetzt Spott ertragen. Das ist schwierig für die, die sich daran gewöhnt hatten, ihren Staat als sechstgrößte Ökonomie der Welt und als Wirtschaftsmotor der USA gefeiert zu sehen - immerhin lieferte der Golden State bisher 13 Prozent des Bruttoinlandproduktes und machte im vorigen Jahr ein Viertel des Zuwachses an Arbeitsplätzen aus. Selbst der ansonsten eher ernsthafte öffentliche Radiosender NPR parodierte freudig den Energiemangel in der Filmindustrie: Ein Sprecher berichtete in Wochenschaumanier von rührenden Hilfsaktionen in allen Staaten, unter anderem von Kindern in New Jersey, die in der Nachbarschaft Batterien sammeln gingen, "weil die Filmstars in Hollywood nicht mehr genug Strom für ihre Föhns haben".
Ein Ende ist nicht abzusehen - im Sommer, wenn Hunderttausende von Klimaanlagen das Energienetz leersaugen werden, drohen weitere, schlimmere, länger anhaltende Totalausfälle. Inzwischen hat PG&E, einer der beiden großen kalifornischen Energieversorger, Bankrott erklärt. Die Elektrizitätsrechnungen sind mittlerweile so hoch, dass viele minder begüterte Kalifornier sie nicht mehr bezahlen können - Experten haben ausgerechnet, dass die im März um 40 Prozent gestiegenen Tarife zusätzlich zu dem höheren Gaspreis zusätzliche 750 Dollar im Jahr aus der Kasse einer durchschnittlichen kalifornischen Familie saugen.
Es fühle sich an wie "das Ende aller Tage", findet Ed Zander, Präsident der Silicon-Valley-Firma Sun Microsystems.+ "Wir haben keinen Strom, die Wirtschaft implodiert, die Dot.com-Ära ist vorbei - das war's wohl mit Kalifornien", scherzt er in seinem lässigen Brooklyn-Akzent. "Zeit für mich, zurück in den Osten zu ziehen."
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In Wahrheit ist die Stromkrise ernst - vor allem fürs Silicon Valley, die Wiege der New Economy. Ohnehin geht es hier abwärts, seit im Frühjahr 2000 die Internet-Aktien ins Bodenlose stürzten. Zwar ist die Arbeitslosenquote verglichen mit Deutschland immer noch niedrig, aber sie ist in der Gemeinde San Jose, im Südosten des Silicon Valley, von 1,8 Prozent im letzten Dezember auf 2,2 Prozent im März gestiegen. Und allein im ersten Quartal diesen Jahres kündigten die hiesigen Firmen mehr Entlassungen an als im gesamten Jahr 2000.