Englisches Desaster: "Ich halte das nicht mehr aus" - DER SPIEGEL
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Fan-Feiern: Deutsche jubeln, Engländer trauern

Foto: Markus Schreiber/ AP

Englisches Desaster "Ich halte das nicht mehr aus"

Es ist schlimm. Viel schlimmer als gedacht. Nie hätte England erwartet, dass es bei dieser WM seine bisher größte Niederlage gegen Deutschland kassiert. Jetzt wenden sich die Fans von ihrer Elf ab - und von Superstar Wayne Rooney, der alle enttäuscht hat. Szenen aus einem besiegten Land.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Fuck it", sagen immer wieder Fans, die scharenweise die bierverklebte Treppe des "Sports Cafe" in London herunterströmen. Es kommt aus tiefstem Herzen.

Noch sind mehr als 20 Minuten im WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und England zu spielen, doch die Zuschauer haben schon genug. "Ich halte das nicht mehr aus", sagt einer tief frustriert.

Soeben hat Thomas Müller das 3:1 für Deutschland geschossen, und in der Sportbar nahe des Trafalgar Square geben die englischen Anhänger die Hoffnung auf. Wieder einmal sind sie aus ihren WM-Träumen jäh herausgerissen worden, wieder einmal von den Deutschen. Am Ausgang steht eine Kamera des ZDF. Die Deutschen filmen den Exodus der geschlagenen Engländer. Was für ein Tag.

Lange hatten sie sich eingeredet, ihre Mannschaft könnte es schaffen - auch gegen den Angstgegner Deutschland. Nur dieser, Argentinien und Spanien stünden noch im Weg, hatten die Zeitungen geschrieben. Das Selbstbewusstsein sei in die englische Elf zurückgekehrt. Die drei Löwen brüllten wieder. Rooney sei hundertprozentig fit, um die Deutschen zu schlagen. So lauteten die Schlagzeilen, und viele haben sie geglaubt.

"Was uns nicht umbringt, macht uns stärker"

Unmittelbar vor Spielbeginn lässt die BBC die Geschichte des englischen WM-Frusts gegen die Deutschen kurz Revue passieren. Die Bilder werden mit hoffnungsvollen Zitaten unterlegt - unter anderem Nietzsches "Was uns nicht umbringt, macht uns stärker". Es soll Mut machen. Aus den Lautsprechern der Bar läuft "We will rock you". Die Fans grölen mit.

Dann beginnt das Spiel, und bald wird es totenstill.

20. Minute - Klose macht das 1:0.
32. Minute - Podolski erhöht auf 2:0.

1966

Die Gesichtszüge der Zuschauer erstarren, fassungslos gucken sie sich an. Sollte sich die Geschichte etwa schon wieder wiederholen? Der BBC-Moderator merkt trocken an, dass die Three Lions noch nie ein WM-Spiel gewonnen hätten, bei dem sie hinten lagen - bis auf das eine Mal, .

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Nicht gegebenes Lampard-Tor: "Die Rache für Wembley"

Foto: DYLAN MARTINEZ/ REUTERS

Erst beim Anschlusstreffer finden die Fans ihre Sprache wieder. Als Frank Lampard dann auch noch eine Art Wembley-Tor schießt, scheint die Wende da. Zumindest für einige Sekunden, bis ihnen dämmert, dass der Schiedsrichter das Tor gar nicht gegeben hat.

Unglauben. Kopfschütteln. Die Fußballgötter scheinen sich gegen sie verschworen zu haben.

"Wenn dieses Tor gezählt hätte..."

Nach dem Spiel werden einige diese Minute zum Moment der Entscheidung ernennen. "Wenn das Tor gezählt hätte, wäre das Spiel anders verlaufen", sagt der 19-jährige Sean voller Überzeugung. "Ich sage nicht, dass wir dann gewonnen hätten, aber es wäre anders gelaufen."

Auch die Zeitungen werden am Montag mit dem Tor aufmachen - das neueste Kapitel der ewigen Wembley-Saga. Es war eine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters, doch ob sie wirklich spielentscheidend war, darüber gehen auch in England die Meinungen auseinander.

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Triumph über England: Klose im Glück - Müller völlig losgelöst

Foto: JEWEL SAMAD/ AFP

Ex-Nationalstürmer und BBC-Experte Alan Shearer knurrt in der Halbzeitpause, es sei ein "Wunder", dass die Engländer nicht noch weiter hinten lägen. Tatsächlich wirbeln die deutschen Spieler ein ums andere Mal durch die englische Abwehr, als gäbe es da keinen John Terry. Mühelos sieht das aus. In der letzten Viertelstunde spielt nur noch eine Mannschaft. Am Ende steht es 4:1.

Der höchste Sieg einer deutschen Elf gegen England überhaupt.

Von einem "Debakel" der Engländer spricht der BBC-Moderator und erklärt, Deutschland habe "völlig verdient" gewonnen. Die Kritik an der eigenen Elf fällt beißend aus. Nur gegen Slowenien, "das kleinste Land auf dem Kontinent", hätten die Superstars eine ausreichende Leistung gezeigt.

Rooney ist kein Messi, das ist jetzt allen klar

Wayne Rooney

Auch die Fans vor dem "Sports Cafe" sagen nach dem Spiel, der Sieg gehe schon in Ordnung. Die größte Enttäuschung des Turniers war, da sind sie sich einig, Torjäger . Tausende Engländer liefen in den vergangenen Wochen mit der Nummer zehn auf dem Rücken herum, auch die Barfrauen im "Sports Cafe". Doch der vermeintliche Superstar der WM, der mit dem Argentinier Lionel Messi um den Titel als bester Spieler konkurrieren sollte, wurde dem Hype in keinem Spiel gerecht. Er sei nicht fit und habe keine Leidenschaft gezeigt, schimpft der 34-jährige Ganesh.

Jeder geht mit der Niederlage auf seine Weise um. Ein Dutzend betrunkener Fans zieht zum Trafalgar Square. Mit nacktem Oberkörper stellen sie sich auf den Brunnen und grölen den Schlachtgesang: "Zehn deutsche Bomber waren in der Luft, dann kam die englische RAF und schoss einen ab. Neun deutsche Bomber..."

Die Touristen knipsen belustigt, das ZDF filmt. Anderen englischen Fans ist der Auftritt peinlich. "Sie sollten das jetzt nicht singen", sagt der 20-jährige Marc. Er will bei der WM nun Ghana unterstützen. Er komme aus dem Südlondoner Stadtteil Croydon, da lebten viele Ghanaer, sagt er. Außerdem seien die nun der Außenseiter.

"Wir Engländer sind immer für den Underdog."