Ausländer Fester Brauch
Sie kommen aus Kreuzberg und Moabit, dem Wedding oder Schöneberg. Sie kommen mit Campingmöbeln und Kühlboxen, mit Oma, Onkel und Urenkel, und ihr Treiben erscheint wie ein schönes Bild aus einer Fibel für Völkerverständigung.
Jedes Sommerwochenende haben Berliner Ausländer einen festen Treffpunkt: die Wiesen am Nordrand des Tiergartens, des schönsten Parks der Hauptstadt.
An geschichtsträchtigem Ort, zwischen dem Reichstag und dem Schloß Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten, zelebrieren dann zumeist türkische, aber auch bosnische, polnische und deutsche Familien ihr gesellschaftliches Leben im Grünen, ein Massenpicknick.
Der Auftrieb rund um den Standort des zukünftigen Kanzleramts läßt nicht nur Touristen staunen. Er sei vielmehr »seit Jahren ein Kulturereignis ersten Ranges«, meint ein SPD-Parlamentarier. Selbst der konservative Tagesspiegel befand, hier habe die Hauptstadt ihr »multikulturelles Aushängeschild«.
Doch jetzt haben Gefolgsleute des CDU-Bürgermeisters Eberhard Diepgen entdeckt, daß die wöchentliche Tiergarten-Party bei ordentlichen Berlinern vom rechten Rand nicht beliebt ist. Und im Oktober findet in Berlin die Wahl zum Abgeordnetenhaus statt.
Fünf Monate vor den Parlamentswahlen erklärten daher zahlreiche CDU-Politiker zu ihrer Herzensangelegenheit, was bislang eher den Republikanern zur Stimmungsmache diente: Vehement kämpfen nun Christdemokraten für den Schutz der Grünanlagen vor »völkerwanderungsähnlichen Invasionen«, wie etwa die Abgeordnete Marion Kittelmann intonierte.
Während die Reps seit langem gegen »die große Sauerei im Tiergarten« trommelten, erschauern nun auch die CDU-Wahlkämpfer angesichts vermeintlicher Umweltgefahren. Nicht nur, daß jede Menge Müll anfalle. Zudem betrieben die Massen auch noch Hunderte von Grillstellen, manche Familien brutzelten gar ganze Hammel über der Glut.
Zwar beansprucht das Picknick-Spektakel allenfalls ein Zehntel des über 200 Hektar großen Parks. Aber wer seine Kinder in diesem Grillrauch spazieren führe, »betreibt im Grunde Kindesmißhandlung«, ereifert sich Kurt Lauke, CDU-Fraktionsvorsitzender im Bezirk Tiergarten.
Volker Liepelt, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, hat gegen die »Monokultur des Mißbrauchs« sogar ein neues Grünanlagenschutzgesetz entworfen. Danach soll das »wilde Grillen« mit Bußgeldern bis zu 5000 Mark belegt werden können.
Mangels Unterstützung durch den Koalitionspartner SPD hat Liepelts Vorhaben im Abgeordnetenhaus freilich kaum eine Chance. Das Abfallproblem sei auch mit Aufklärungsspots im türkischen Fernsehen Berlins, mit ein paar Parkpflegern mehr und zusätzlichen Müllcontainern in den Griff zu kriegen, versichert Horst Porath (SPD), zuständiger Baustadtrat des Bezirksamtes Tiergarten.
Weil aber der Niedergang der Reps, die in Berlin kaum noch eine Chance haben ins Abgeordnetenhaus einzuziehen, rund 100 000 verwaiste Wähler hinterläßt, agitieren Liepelt und seine Anhänger unverdrossen für Ordnung im Park.
Dabei seien ihre Umweltargumente kaum mehr als »unerträgliche Heuchelei«, ärgert sich etwa der Grünen-Politiker Hartwig Berger. Schließlich profiliert sich die Christenunion seit Jahren als radikale Autopartei. Sie erzwang etwa, daß ab Herbst ausgerechnet unter dem Tiergarten ein vierspuriger Straßentunnel gegraben wird, der die Grundwasserströme umlenken und die alten Bäume gefährden wird.
So steckt hinter dem »Würstchenkrieg der CDU« (Berger) letztlich nur der Appell an die Fremdenängste verunsicherter Bürger - in der Vielvölkerstadt Berlin ein riskantes Kalkül.
Daß er Geister ruft, die er vielleicht nicht wieder los wird, daß womöglich Skinheads und Neonazis das Reizthema für sich entdecken, bereitet Liepelt jedoch »keine Sorgen«. Wenn »andere das zu einem Ausländerthema hochspielen, ist das ja nicht unsere Schuld«, rechtfertigt sich der grünflächenpolitische Vordenker. Das Grillen solle Deutschen schließlich ebenso verboten werden, Ausländer sollten nur »kein Ausnahmerecht genießen«.
Viele Türken verstehen die Kampagne gleichwohl als Provokation. Die Versammlung um das Kochfeuer im Freien sei bei ihnen ein so fester Brauch wie bei Deutschen der gemeinsame Bier- und Weingenuß, meint der Berliner Ethnologe und Türkei-Experte Werner Schiffauer. Eine solche Tradition lasse sich nicht wegverordnen. Auch CDU-Politiker, empört sich Schiffauer, sollten »inzwischen kapiert haben, wie gefährlich das demagogische Zündeln mit kulturellen Differenzen ist«.
Türken und andere Minderheiten, die oft mit engen und dunklen Wohnungen auskommen müssen, haben zudem wenig andere Möglichkeiten, sich im Freien zu erholen. Für Öztas Huseyin etwa, einen vierfachen Vater und dreifachen Großvater aus Moabit, gehört das Grill-Wochenende im Tiergarten schon seit zehn Jahren zum Leben.
Er trifft hier Freunde und Verwandte, hier werden Hochzeiten arrangiert und Jobs vermittelt. »Warum sollen wir jetzt plötzlich weg, und wohin sollen wir denn sonst gehen?« fragt Zimmermann Huseyin, 61, der schon sein halbes Leben lang in Berlin lebt. »Die Deutschen haben Gärten, oder sie fahren mit dem Auto raus, das können wir nicht bezahlen.«
Bei Kenan Kolat, Geschäftsführer des Verbands der türkischen Einwanderer in Berlin, entlädt sich der Unmut seiner Landsleute. »Diese Kampagne«, schimpft er, »heizt die rassistische Diskussion an und soll ein Stück unserer Einwandererkultur kaputtmachen.«
Trotzdem werde der Kampf um die Wiesen nicht nur schlechte Folgen haben, glaubt Kolat. Durch die rüden Politikerworte könnten mehr und mehr türkischstämmige Bürger begreifen, wie wichtig Parlamentswahlen auch für sie sind.
Berlin wendet seit 1991 eine Sonderegelung des Ausländerrechts an. Mit der dadurch möglichen doppelten Staatsbürgerschaft erwerben Tausende von Kolats Landsleuten jetzt nicht nur einen deutschen Paß, sondern auch das Wahlrecht.
Bis zum Wahltag, schätzt Kolat, werde es in der Hauptstadt darum schon rund 15 000 deutsche Türken mit Stimmrecht geben. Vier Jahre später »muß dann auch die CDU damit rechnen, daß über 100 000 von uns gegen sie stimmen«. Y
Viele Türken empfinden die Kampagne als Provokation