HAUPTSTADT Fixer Rentner
Wie Raver der ersten Stunde saßen sie da: Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) machte auf jugendlich, mit Schirmmütze und Trillerpfeife. Kultursenator Peter Radunski (CDU) trank auf die Techno-Jünger als »die sympathischste Jugend, die ich je erlebt habe«. Und selbst die spröde Finanzsenatorin Anette Fugmann-Heesing (SPD) pries den schrillen Umzug als Wirtschaftsfaktor.
Die damalige Berliner Polit-Prominenz feierte auf einer VIP-Party im Tiergarten die Love Parade - wenn auch in sicherer Schallweite zu den Techno-Trucks. Nach jahrelangem Streit um Müllberge und die Zerstörung des Tiergartens schien sie parteiübergreifend die Fronten gewechselt zu haben. Imagegewinn und Millioneneinnahmen durch die Love Parade hatten die verknöcherten Repräsentanten scheinbar zu Berufsjugendlichen gemacht.
Das war 1998.
Drei Jahre später wird in Berlin wieder gestritten und bundesweit über die Hauptstadt gespottet: Die für den 14. Juli geplante Mega-Party fällt womöglich aus - in der Heimat des behäbigen Behördengangs haben es alle Beteiligten schlicht verschlafen, dem Großereignis angemessene Strukturen zu verpassen. »Ein provinzielles Possenspiel«, urteilte der grüne Fraktionschef im Bundestag, Rezzo Schlauch, vergangenen Donnerstag mit einer Inbrunst, als zähle auch er zu den spät berufenen Ravern. Auch FDP-Überall Guido Westerwelle, zweimal Mit-Demonstrant, will »den Kult Love Parade gegen überkritische Bedenkenträger« verteidigen.
Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU), eher der Klassik zugetan, hält sich dagegen mit klammheimlicher Freude einfach penibel an das Gesetz. Weil bereits im September 2000 eine Bürgerinitiative für den 14. Juli eine Demonstration im Tiergarten angemeldet habe, so seine Innenverwaltung, könne die Love Parade nicht wie geplant genehmigt werden. Pikant: Die Konkurrenzveranstaltung steht unter dem Motto »Der Tiergarten gehört allen Berlinern«.
Die von dem Rentner Hans-Heiner Steffenhagen, 62, angeführte Initiative will den Marsch der Techno-Millionen aus dem Tiergarten fern halten, weil die Flora leidet. Der fixe alte Herr schlug die Raver, die noch immer als politische Demonstranten gelten, mit deren Mitteln. Er meldete seine Demonstration an, als die Love-Parade-Macher offenbar noch bei der Bilanz waren. Auch andere Sonnabende wurden durch ähnliche Aktionen blockiert.
In diesem Jahr also »nix Bum Bum«, wie der »Berliner Kurier« fürchtet?
Das Verhältnis zur Stadt, klagt Love-Parade-Sprecher Enric Nitzsche, sei »schwierig und ambivalent«. Die Techno-Organisatoren fühlen sich unverstanden. Paraden-Mitbegründer Ralf Regitz beklagt seit Jahren die »unglaubliche Regulierungswut« der Berliner Verwaltung.
Nachdem Ableger der Love Parade erstmals auch international in Wien, Tel Aviv, Kapstadt und Leeds stattfanden, wähnten sich die Organisatoren offenbar ihrer Sache sicher. Die Firma Planetcom, die hinter der Love Parade steht, reichte ihre Unterlagen erst im Oktober ein. Als die Polizei vergangene Woche die Demonstrationen in zeitlicher Reihenfolge der Anmeldung berücksichtigte, waren die Techno-Freaks konsterniert. Nitzsche: »Wir hatten nicht einmal eine mündliche Andeutung.«
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist Werthebach nicht mehr bereit, der Love Parade Sonderrechte einzuräumen. »Die sind davon ausgegangen, dass sie so wichtig für Berlin sind, dass sie nicht darauf achten müssen, dass die Versammlungsbehörde Recht und Gesetz zu befolgen hat«, beschied er kühl aufgeregte Kritiker. Berlins Tourismuschef Hanns Peter Nerger glaubt: »Den Love-Parade-Leuten ist der Erfolg zu Kopf gestiegen. Die haben den Bodenkontakt verloren.«
Doch die Love Parade ist auch zu einem gewaltigen Wirtschaftsfaktor geworden. Bis zu 250 Millionen Mark bringen die Techno-Anhänger nach Schätzungen mit in die Stadt, die zusätzlichen Steuereinnahmen betragen etwa 10 Millionen. Allein die Bahn stellt Sonderzüge für mehr als 150 000 Menschen bereit. Auch als Medienereignis gewinnt die Love Parade an Format: Im vergangenen Jahr zahlten die Sender rund 1,8 Millionen Mark für Übertragungsrechte und Produktionskosten.
Für die Macher lohnt sich die Veranstaltung vor allem, weil sie als politische Demonstration gilt. Vorteil: Die Stadt muss für Polizeieinsatz (eine Million Mark), Müllbeseitigung (500 000 Mark) und Tiergartensanierung (eine Million) aufkommen, Einnahmen kassieren überwiegend die Organisatoren. SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit moniert deshalb: »Die Love Parade ist eine kommerzielle Veranstaltung.«
Werthebach hat den Ravern den 21. Juli als Ausweichtermin angeboten. Da wollen zwar Fahrradfahrer demonstrieren. Weil die Veranstaltung aber keinen Bezug zum Tiergarten hat, würde der Senator sie daraus verbannen. Eine Terminverschiebung brächte die Love Parade allerdings in arge Bedrängnis: Für den 21. Juli steht bereits der nächste Umzug in Newcastle an.
Als sei nichts geschehen, mobilisiert deshalb die Love-Parade-Firma im Internet für den »14. Juli, 14 Uhr«. Notfalls will Planetcom klagen oder die Route ändern.
»Wir haben Jahre an unserem Image gearbeitet«, stöhnt Tourismuschef Nerger. »Und jetzt lacht die ganze Welt über uns.« HOLGER STARK