Fliegende Grenzschützer Wenn Engel Rotoren bekommen
Perleberg - Ein orientalischer Basar ist ein Ort der Ruhe gegen den Sportplatz mitten in Perleberg, auf dem Tag und Nacht die Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes starten und landen. BGS-Pilot Volker Krause, 39, hat dreizehn Jahre Flugerfahrung, ebenso wie sein gleichaltriger Copilot Christian Büttner. Beim Oder-Hochwasser war Krause dabei, "aber das war nichts im Vergleich hierzu", sagt er. "Ich hätte mir nie vorstellen können, welche Zerstörungskraft ein so friedlicher Fluss entfachen kann." Einstürzende Brücken, zusammenbrechende Häuser, ertrinkende Tiere - Krause ist anzumerken, dass die Bilder der vergangenen Tage an ihm nagen. "So etwas prägt", gesteht der Flieger.
Erhabene Position über den Fluten
Erst im Hubschrauber, wenn die Sicht frei ist auf große Teile der überschwemmten Gebiete, wird das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Rund um das brandenburgische Wittenberge gleicht die Elbe weniger einem Fluss als vielmehr einer Seenlandschaft, hier und da durchbrochen von überschwemmten Alleen und Höfen, die auf kleinen Inseln aus den Fluten ragen. Wer hier vom Wasser eingeschlossen wird, kann nur noch auf Hilfe von oben hoffen.
Ihre erhabene Position, weit über den schwitzenden, Sandsäcke schleppenden Helfern am Boden, hat den BGS-Fliegern offenbar ein Stück Anerkennung gekostet. "Ständig ist davon die Rede, was die Bundeswehr, die Hilfsorganisationen und die Freiwilligen leisten", ärgert sich ein Grenzschützer. "Von uns redet dagegen kaum jemand."
Warnung vor dem Deichbruch
Dabei seien die Flieger eminent wichtig: Leistungsstarke Hubschrauber vom Typ SA-330 "Puma" schleppen Netze mit tonnenschweren Sandsack-Lasten vom Hinterland zu den Deichen, leichtere Maschinen der Typen EC-155 und EC-135 jagen mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über die Flutgebiete zu Rettungs- und Aufklärungseinsätzen. Hinzu kommen Überwachungsflüge an den Deichen. "Wir können mit Wärmebildkameras ungefähre Vorhersagen treffen, wann ein Damm brechen wird", sagt Copilot Büttner. "Manche Hubschrauber können die Deiche mit speziellen Geräten röntgen."
Zum Beweis ihres Stellenwerts zückt Fliegerstaffel-Chef Klaus-Jürgen Jess, 41, eine lange Liste von Leistungen: 600 Flugstunden, von denen jede mit zwei- bis dreitausend Euro zu Buche schlägt, haben die BGS-Flieger absolviert, seit die Flutwelle von Tschechien nach Deutschland kam. 25 Hubschrauber sind rund um die Uhr im Einsatz, haben bisher rund 17.500 Tonnen Trinkwasser, zwanzig Tonnen leere und 30.000 gefüllte Sandsäcke transportiert, dazu Schlauchboote, Betonplatten und Sprengstoffe für aufgegebene Deiche. Besatzungen seien zum Teil aus dem Urlaub geholt worden.
Über 2000 Menschen aus der Flut gezogen
Seine wichtigste Zahl spart sich Jess bis zum Schluss des Statistik-Exkurses auf: "2064 Menschen haben wir mit Seilwinden aus der Flut gezogen. Manchmal mussten wir die Leute mit Gewalt aus den Dachfenstern ihrer Häuser holen." Für die Piloten sei das Millimeterarbeit unter hoher psychischer Belastung: "Die Ausbildung hat die Piloten auf solche Situationen vorbereitet", erklärt der Flieger-Chef, "aber wenn es ernst wird, steigt der Druck."
Der ruhigen Hand seiner Leute, glaubt Jess, verdanken viele der über 2000 Geretteten alles: "Mindestens Zweihundert von ihnen wären ohne uns wohl nicht mehr am Leben."