Friedman-Interview Teil zwei "Ich kann mit projizierten Oberflächlichkeiten nicht umgehen"
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SPIEGEL ONLINE:
Können Sie gegebenenfalls eingestehen, dass Sie im Unrecht sind?
Friedman: Streitkultur, wie ich sie zu Hause erlernt habe, ist die Auseinandersetzung über jedes einzelne Argument, die alleingültige Wahrheit gibt es nicht. Alles, aber auch wirklich alles wird von mir hinterfragt, ich bin ein geistiger Anarchist. Wer diese Streitkultur aber nicht aushält, der begibt sich dann auf die persönliche Ebene, damit der andere endlich aufhört, noch einmal zu bohren und wieder und wieder nachzufragen. In der Sendung mit dem CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer habe ich mich für einen Moment vergessen...
SPIEGEL ONLINE: ... als Meyer die Aktion mit dem Schröder-Fahndungsplakat als "dürftig" bezeichnete und Sie ihm entgegneten: "So wie Sie!".
Friedman: Was mir dort passiert ist, war völlig daneben. Dafür habe ich mich selbstverständlich in aller Form entschuldigt.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit Kritik um?
Friedman: Zunächst: Ich gehe mit Kritik nicht gut um, wie es immer so schön heißt, denn das würde bedeuten, dass ich mich nur selbst belobige. Nein, ich gehe mit ihr um, weil ich Kritik als etwas Existenzielles für meine Fortentwicklung empfinde.
SPIEGEL ONLINE: Was fällt Ihnen dann dazu ein, wenn Michael Fürst, Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden, sagt: "Es gibt nur eins, das Friedman liebt, das ist seine Person, nichts anderes"?
Friedman: Womit ich nicht umgehen kann, sind die Psychologismen und Oberflächlichkeiten, die auf mich projiziert werden.
SPIEGEL ONLINE: Also wenn man Ihnen das Recht auf Einmischung abspricht, weil Sie gegelte Haare tragen.
Friedman: Ich ertrage es nicht, wenn die Oberflächlichkeit desjenigen, der mich beschreibt, durch seine Beschreibung auf mich übertragen wird. Wenn ein Journalist sich eine dreiviertel Stunde über Äußerlichkeiten unterhalten will, dann ist er oberflächlich, nicht ich. Wenn einer mich gerade einmal drei Stunden lang erlebt hat und sich dann anmaßt, Sigmund Freud zu sein, dann empfinde ich das als Unrecht, das mir angetan wird.
SPIEGEL ONLINE: Tut man Ihnen auch Unrecht, wenn man von der "Lex Friedman" beim ZDF spricht, weil Sie einerseits dem ZDF-Fernsehrat angehören, andererseits aber Ihr Talkformat in der ARD zu sehen ist?
Friedman: Wir alle lernen, dass es Gesetze und Verordnungen gibt, die den Entwicklungen des gesellschaftspolitischen Prozesses hinterherhinken. Einen Kollegen vom Sender A zu sperren, nur weil er auch beim Sender B arbeitet, entspricht längst nicht mehr den Realitäten der Medienwelt.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist der frühere Bundesgeschäftsführer der SPD, Peter Glotz, über diesen Sachverhalt gestolpert. Er musste den ZDF-Fernsehrat verlassen, weil er in einer RTL-Show als Co-Moderator auftrat.
Friedman: Das wollte eigentlich niemand. Denn Peter Glotz ist ein Grenzgänger im besten Sinne. Früher hat man diese Leute als "Hansdampf in allen Gassen" verpönt, heute akzeptieren wir wenigstens teilweise, dass es Multi-Talente gibt. Sein Fall hat eine sehr nachdenkliche Diskussion ausgelöst, an der auch die Ministerpräsidenten der Länder beteiligt waren. Ergebnis: Wenn jemand nicht vorwiegend seine Einkünfte von einem Sender bezieht, dann sollte man die Grenzen zwischen den Sendern durchlässiger gestalten. Und glauben Sie ernsthaft, die Ministerpräsidenten der Bundesrepublik Deutschland hätten die Rundfunkstaatsverträge nur geändert, damit ein Michel Friedman bei der ARD arbeiten kann? Wohl kaum! Wer von einer "Lex Friedman" spricht, der fehlinterpretiert meine Bedeutung vollkommen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn eine Lex CDU oder Lex Kohl? Warum hat Ihrer Ansicht nach die deutsche Justiz offensichtlich kein Interesse an der Aufklärung der Leuna-Affäre?
Friedman: Hier wird ein grundsätzliches Problem dieses Landes deutlich. Indem wir den Parteispenden-Skandal so nennen, wie wir ihn nennen, verniedlichen wir den Sachverhalt bereits.
Lesen Sie im dritten Teil des Interviews mit Michel Friedman über autoritäre Kanzler und fehlende geistige Autoritäten.