Michel Friedman im Interview "Ich bin ein geistiger Anarchist!"
SPIEGEL ONLINE:
"Friedmann sammelt Mitgliedschaften und Positionen wie andere Leute Briefmarken", hieß es jüngst über Sie. Sind Sie ein Getriebener?
Friedman: Nein, kein Getriebener, ich bin ein Engagierter.
SPIEGEL ONLINE: Schmerzt es Sie, wenn Sie Charakterisierungen, wie diese lesen müssen: "Friedman, der deutsche Alarmismus an sich, immer ein geschliffenes Statement parat, Antisemitismus, Rassismus und was der -ismen mehr sind, gebräunt und geölt - ein Narziss"?
Friedman: Nein, so etwas schmerzt nicht. Was mich aber zutiefst verletzt, ist, wenn man mir abspricht, dass es sich hier um ein inneres Engagement handelt, dass ich gar nicht anders kann, als mich einzumischen. Was mich ebenso verletzt, ist die Verachtung, die man der Religionsgruppe entgegen bringt, der ich angehöre. Ich kann Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung nach wie vor nicht herunterschlucken, ich bekomme davon ein Ulkus.
SPIEGEL ONLINE: Um das wieder loszuwerden, kämpfen Sie an allen Fronten; wie interpretieren Sie dabei Ihre Rolle?
Friedman: Was ich will, ist mich einmischen, aber nicht gegen, sondern vielmehr für etwas, für die Demokratie. Mein Anliegen ist es, Menschen für Demokratie und damit für Menschen zu begeistern. Denn nichts anderes ist Demokratie für mich als die Lust, das menschliche Individuum zu fördern. Ich sehe mich in der Rolle des Provokateurs, beanspruche aber nicht die einzig gültige Meinung zu haben; vielmehr möchte ich Meinungen dynamisieren.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Eifer schießen Sie dann schon mal übers Ziel hinaus.
Friedman: Ganz Deutschland diskutiert seit Jahren darüber, dass Politiker zulange reden und deshalb dann auch nur Seifenblasen produzieren. Ich erspare dem Zuschauer und mir selbst Zeit, indem ich interveniere, wenn eine Seifenblase in Sicht ist und fordere "To the point - heiße Luft, keine Zeit!". Ich will die Politiker aus ihren angelernten Karteikarten- und Sprechblasensystemen herauszwingen.
SPIEGEL ONLINE: Den Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit haben Sie mit der Frage nach den Toten an der innerdeutschen Grenze ziemlich blamiert.
Friedman: Das war nicht meine Absicht, ich war selbst erschüttert über seine Unkenntnis.
SPIEGEL ONLINE: Es wäre Ihnen lieber gewesen, er hätte diese Zahl gekannt?
Friedman: Nicht mal das, denn ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass er sie nicht wissen könnte. Das Ganze war definitiv nicht als Test gedacht. Wenn es aber nun so ist, dann liegt die Verantwortung nicht in der Schuld des Fragers, sondern in der des Befragten.
Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Michel Friedman über seine gegelten Haare, die Oberflächlichkeit vieler Kritiker und die Lex Kohl.