Geiseldrama Happy End nach 24 Stunden Angst
Uelzen/Warschau/Kiew - Die Täter wurden in der Nähe der Stadt Rowno von der ukrainischen Miliz gefasst. Zwei von ihnen sind vermutlich Aussiedler aus Kasachstan. Bei ihrer Flucht von Niedersachsen über Polen bis in die Ukraine legten die Geiselnehmer verfolgt von einem Polizeikonvoi rund 1600 Kilometer zurück.
Die Irrfahrt der Gangster von Wrestedt, die in einem Kleinwagen unterwegs waren, sei "völlig planlos" verlaufen, sagte Einsatzleiter Friedrich Schmidt. Die Odyssee hatte am Dienstag nach einem Überfall auf eine Sparkasse in Wrestedt bei Uelzen begonnen. Die Kidnapper durchfuhren mit einem silbernen Seat-Kleinwagen bei ihrer Flucht Richtung Osten mehrere Grenzposten und gaben aus dem Wagen etliche Schüsse ab, aber hielten immer wieder an, um sich zu orientieren.
Bei einem Tankstopp in Polen konnte sich die 39-jährige Geisel aus der Gewalt der bewaffneten Räuber in einen Streifenwagen retten. Die andere Geisel, eine 25-Jährige, wurde später in der Ukraine "freiwillig" freigelassen, wie die Polizei mitteilte.
Die Täter hatten am Dienstag gegen 18.30 Uhr die Sparkassenfiliale der 7500 Einwohner-Gemeinde gestürmt. Als die Bankangestellten, zwei Frauen und ein Mann, das Gebäude verlassen wollten, drängten die drei maskierten Männer sie mit Waffen ins Haus zurück. Sie erbeuteten einen sechsstelligen Euro-Betrag.
Anschließend nahmen das Geiseldrama und die spektakuläre Verfolgungsfahrt ihren Lauf. "Sie sind mit einem Affenzahn - teils mehr als 200 Stundenkilometer - durch Brandenburg gebrettert", sagte der Sprecher des brandenburgischen Innenministeriums, Heiko Homburg. Mit Schüssen aus dem Auto erzwangen sie sich immer wieder die Durchfahrt. Die Route: ein Zickzackkurs. Häufig änderten die verfolgten Gangster die Richtung. In Polen wurde der Wagen von einem Tross von Sicherheitskräften verfolgt.
Kein Zugriff ohne Gefahr für die Geiseln möglich
Bei der Verfolgungsfahrt griffen die Beamten aus Rücksicht auf die Gesundheit der Geiseln nicht zu. "Das Leben der Geiseln hat für uns absolute Priorität", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Waren in Polen noch deutsche Fahnder an der Verfolgung beteiligt, jagten in der Ukraine ausschließlich Beamte der dortigen Miliz die Geiselnehmer.
Nach Angaben des polnischen Innenministers Krzysztof Janik waren offensichtlich "Profis" am Werk. Die Bankräuber hätten immer so im Auto gesessen, dass kein Zugriff ohne akute Gefährdung der Geiseln möglich war.
Ein Tankstopp gab der 39-Jährigen die Möglichkeit zur Flucht. "Sie nahm den Zapfschlauch und begann, den Tank zu füllen. Nach einer Weile ließ sie den Schlauch los und duckte sich hinter die Zapfsäule", sagte eine Zeugin im polnischen Rundfunk. Die Frau rannte zu einem Streifenwagen, Polizisten zogen sie ins Auto. Dann fuhr der Seat mit der zweiten Geisel davon. Die nach 16 Stunden Flucht psychisch schwer mitgenommene Frau wurde in einem Krankenhaus in Lublin behandelt und von der polnischen Polizei vernommen. Beide Frauen sollten nach Deutschland zurückgeflogen werden.