Walter Knieps, Boxtrainer
»Der ganze Zaun hat unten gelegen. Da hat ein Auto gelegen, auf dem Auto eines drauf gelegen. Da wo das Auto steht an der Wand, hat ein Auto so gestanden. Ich habe die Bilder.«
Fast drei Monate sind seit der Flutkatastrophe im Ahrtal vergangen. Wir treffen Walter Knieps in seiner Heimat in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Wie geht es ihm heute? Was hat sich seither getan?
Es war die Nacht vom 14. auf den 15. Juli. Gegen 23.30 Uhr änderte sich sein Leben. Er hört draußen Hilferufe und will schauen, was los ist. Die Hilferufe verstummen wieder, doch ihn erfasst das Wasser.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»An einem Baumstamm habe ich mich festgehalten und habe mit der linken Hand die Autos weggedrückt. Und schwarze, große schwere Mülltonnen. Ich bin da runter gelaufen und habe Schläge auf mein Schienbein bekommen, auf beide Beine. Und auf einem Bein so eine schlimme Verletzung, die war offen bis auf die Knochen. Mit diesem Bein habe ich noch vier Tage rumgemacht und gemacht und getan.«
Eine Woche liegt Walter Knieps im Krankenhaus. Er kann nichts machen, muss ertragen, dass andere in seinem Boxstudio aufräumen. Auch dort, wo sonst nie einer hinkam: in seinem Büro.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»Hier durfte keiner rein, außer meine Jungs. Hier war kaum ein Fremder drin. Hier hatte ich Schreibtische und hier waren schöne Bilder an der Wand. Die gab es nur einmal. Das war mal mein Büro. Guck, wie das aussieht, ist doch schön, oder?«
»Hier hatten wir eine wunderschöne Sitzgruppe. Die hat allein zehn Mille gekostet. Weg! Fernseher. Alles kaputt, alles weg. Laptops. Alles was du dir vorstellen kannst, was du brauchst, um vernünftig zu arbeiten. Alles nicht mehr vorhanden, nichts mehr auffindbar. Und wenn, dann kannst du dir vorstellen: alles voll Wasser.«
Als das Boxen Anfang der Neunziger Jahre mit Henry Maske und Axel Schulz in Deutschland einen Boom erlebt, ist Walter Knieps mittendrin. Bei vielen großen Kämpfen steht er als Cutman und Physiotherapeut mit im Ring.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»So Türschilder hatte ich auch. Ich habe damals bei RTL nachgefragt, was macht ihr damit? ›Ja die werfen wir weg.‹ Die habe ich alle mit nach Hause genommen, weil ich war ja auf jedem Schild mit drauf. Ich war ja in jeder Ecke mit drin. Also waren die alle bei mir gesammelt im Keller.«
In seinem Boxgym haben fast alle deutschen Boxgrößen trainiert. Knieps kauft die Immobilie 1988. Über die Jahre entsteht ein Studio für Fitness, Aerobic und Gesundheitssport. Das alles hat die Flut genommen. Und noch viel mehr.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»Da, wo der Junge am Arbeiten ist, war eine Brücke. Also nach hier. Da an dem Haus war eine Straße bis da unten. Da ist keine Straße mehr. Siehst du da noch eine Straße? Hier ist alles weg, alles kaputt. Und so zieht sich das da rauf, genauso wie da runter. Und dadurch sind die ganzen Versorgungsleitungen alle natürlich auch mit abgesoffen. Und die Leute haben kein Gas, kein Strom, kein Wasser. Wir duschen immer noch kalt.«
Wer eine Elementarversicherung hat, ist vollständig abgesichert. Nur muss das erst ein Gutachter prüfen. Walter Knieps hat eine Soforthilfe von 5000 Euro bekommen. Jetzt will er die staatliche Förderung für den Wiederaufbau beantragen. Aber schon das Ausfüllen der Formulare ist eine hohe Hürde.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»32 Seiten zu bearbeiten, ist für jeden eigentlich nicht möglich. Der Steuerberater verzweifelt, die Gutachter sind nicht da. Wir haben zu viel Arbeit im Moment. 30 Anträge, die wir in diesem Jahr so weit stellen müsseen. Und dann muss zu Hause alles zusammen sein.«
In Bad Neuenahr-Ahrweiler sind über 40.000 Menschen von der Katastrophe betroffen. 73 sterben. Die Fluten zerstören fast alle Brücken über die Ahr, das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr bauen Behelfsbrücken. Die Stromversorgung ist nach einigen Wochen zum größten Teil wieder hergestellt. Der örtliche Energieversorger kündigt jedoch Ende August an, im Winter würden Tausende Haushalte ohne Heizung auskommen müssen.
Viele Bewohner sind weggezogen, auch viele Nachbarn von Walter Knieps.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»Hier wohnt keiner mehr in den Häusern, hier ist alles tot. Die Leute, die zur Miete wohnen, sind fluchtartig alle weg.«
Walter denkt nicht daran, seine Heimat zu verlassen. Er will bleiben mit seinen 70 Jahren, alles wieder aufbauen. Seine Immobilie möchte er halten. Laut Stadtverwaltung gibt es nur wenige Grundstücke, die nicht wieder bebaut werden können. Nur mangele es an Gutachtern, die den Wert der Häuser für die Versicherungen berechnen. Der Bund unterstützt Kommunen bei den Kosten mit bis zu 100 Prozent. Privatpersonen sollen bis zu 80 Prozent ersetzt bekommen.
Wann allerdings die finanzielle Hilfe bei Walter Knieps ankommt, weiß er nicht.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»Den Leuten hat viel geholfen von den fremden Menschen, die noch viel Mut zugesprochen haben. Viele sagen: Mensch, wir schaffen das! Viele kommen schon seit Wochen. Viele sind mittlerweile hier integriert. Die leben hier. Die haben ihren eigenen Job aufgegeben, haben ihre Familie am Wochenende im Stich lassen, sind einfach an die Ahr gefahren.«
Dennoch hat Walter gelernt: erstmal muss er sich selbst helfen. Und so kennt er keinen Samstag, keinen Sonntag und tut alles dafür, dass in seinem Studio eines Tages wieder Sport getrieben werden kann. Wann, glaubt er, ist es so weit?
Walter Knieps, Boxtrainer:
»Kannst du nicht. Das kannst du aus dem Bauch heraus nicht machen. Du kannst nicht selber eine Vorgabe geben, dann wirst du jeden Tag verrückt. Dann kommt der nicht, dann klappt es hier nicht, dann ist da was. Das sollte man nicht tun, das setzt einen nur unter Druck. Dann ist man einfach nicht mehr der Gleiche. Das machen wir auf gar keinen Fall, weil das macht mürbe.«
Jeden Tag überlegt er neu, was zu tun ist.
Walter Knieps, Boxtrainer:
»Ich muss Lampen demontieren, weil die Elektriker müssen neue Sachen machen, die müssen neu installieren. Und das ist eine alte Lampe, die muss weg. Und die Lampe, die da hängt, die hat noch gehalten. Das ist das Einzige, das im Büro noch ganz war. Das Andere war hier alles übereinandergestapelt.«