Landesweite Aufregung Britisches Rezept für »Cacio e Pepe« schockiert Italien
Ein Teller »Cacio e Pepe«
Foto: Dirk Shadd / ZUMAPRESS.com / picture allianceEs gibt Dinge, die sind in Italien Gesetz, auch wenn sie nicht vom Parlament verabschiedet wurden: Cappuccino trinkt man nicht nach zwölf Uhr, Ananas gehört nicht auf Pizza und Sahne nicht in eine Carbonara. Auch für die Cacio-e-Pepe-Pasta gelten klare Vorgaben. Weil sich unter anderem eine britische Kochwebseite nicht daran hält, gibt es nun mächtig Stress.
Laut »Good Food« braucht man für »Cacio e Pepe« nämlich Spaghetti, Pfeffer, Butter und Parmesan. Daraus ließe sich ein »einfaches, schnelles Mittagessen« zubereiten, hieß es im Rezept.
Claudio Pica vom italienischen Gastroverband Fiepet Confesercenti findet alles daran schlimm. »Cacio e Pepe definiert sich durch sehr präzise Elemente, die nicht verändert werden können, ansonsten verliert das Gericht seine Identität«, teilt er auf SPIEGEL-Nachfrage mit. »Wenn es nicht mit den richtigen Zutaten hergestellt wird, ist es ein anderes Gericht«, so Pica.
Wie Pica denken viele Menschen in Italien. In sozialen Medien entbrannten wilde Diskussionen, das Cacio-e-Pepe-Gate beschäftigte sogar Italiens große Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen. Köche, Restaurantbetreiber und Hausfrauen wurden öffentlich dazu befragt, es gab Videos zur korrekten Herstellung des Gerichts.
So sieht sie aus, eine authentische Cacio e Pepe: Cremig, aber ohne Butter
Foto: Ekaterina Fedotova / 500px / Getty Images / 500px PlusTatsächlich haben Butter und Parmesan darin nichts verloren. Für eine gute Cacio e Pepe braucht es außer Nudeln nur Nudelwasser, schwarzen Pfeffer und – das ist wichtig! – Pecorino-Käse. Ganz so einfach wie das britische Rezept es verspricht, kann man es zudem nicht herstellen: Es braucht viel Sorgsamkeit im Ablauf. Wie das Gericht angeblich idiotensicher gelingt, lesen Sie hier.
Ein Klassiker der italienischen Küche
Das »Cacio-e-Pepe-Gate« entstand auch deshalb, weil Picas Verband »regelmäßig« ausländische Websites aus dem Lebensmittel- und Weinsektor »überprüft«, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Speisen und Getränke bei Nichtitalienern gerade angesagt sind. Dabei stieß man auf besagtes Rezept.
»Niemand verbietet Ihnen, ein Gericht neu zu interpretieren«, sagt Pica. Wenn aber die Zutaten derart verändert würden, sei es Pflicht der Verfasser, das deutlich zu machen, findet er. »Das Originalrezept zu schützen bedeutet nicht, Abweichungen zu verhindern, sondern dafür zu sorgen, dass der Name ›Cacio e Pepe‹ mit dem verbunden bleibt, was er historisch darstellt.«
Das aus der Region Latium, in der auch Rom liegt, stammende Gericht gehört zu den Klassikern der italienischen Küche. Seine Erfindung wird Wanderhirten zugeschrieben, die für ein schmackhaftes Mahl auf haltbare Lebensmittel wie Hartkäse (»cacio«) und Pfefferkörner (»pepe«) zurückgriffen, wenn sie mit ihren Herden unterwegs waren.
»Die Achtung traditioneller Rezepte ist keine Frage der Abschottung gegenüber der Innovation, sondern der Fairness und Transparenz«, findet Pica. Sein Verband hat deshalb, so berichten es italienische Medien, Briefe verschickt. Sowohl an »Good Food« als auch an den britischen Botschafter in Rom, Edward Llewellyn.
Llewellyns Büro teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit, man solle in der Sache bitte die britische BBC kontaktieren. Tatsächlich war die Marke »Good Food« bis 2018 im Besitz der BBC Studios, wurde dann aber an Immediate Media verkauft. Geblieben ist die BBC etwa in der URL der Website. Der Sender teilte mit, man habe selbst bei Immediate Media um Stellungnahme gebeten – bislang erfolglos. Auch auf eine Nachfrage des SPIEGEL gab es bislang keine Reaktion.
Die italienische Küche soll immaterielles Weltkulturerbe werden
Dass Pica und sein Verband über den britischen Rezeptvorschlag so empört sind, hat für ihn mit der »Achtung der nationalen und lokalen kulinarischen Traditionen« zu tun, für die man sich bei Fiepet Confesercenti einsetze. »Unsere Verpflichtung besteht darin, ihre Originalität in einer zunehmend globalisierten Welt zu bewahren«, sagt er.
Das sei auch deshalb so wichtig, weil die italienische Küche »Teil unseres kulturellen Erbes und unserer Identität« sei, erklärt Pica weiter. Er setzt sich womöglich auch deshalb so ausdauernd für deren Bewahrung ein, weil die italienische Küche in diesem Jahr ein Kandidat für das immaterielle Weltkulturerbe der Unesco ist. Generell sei Essen in Italien »viel mehr als nur Nahrung«, führt Pica weiter aus. »Es ist Kultur, Geschichte, Gemeinschaft und lokale Verortung. Jedes Rezept erzählt einen Teil unseres Landes«, so Pica.
Er hat noch einige wichtige Tipps, was die Zutaten für Cacio e Pepe anbelangt: Bei den Nudeln solle man auf Exemplare aus Hartweizen zurückgreifen. Beim Käse empfiehlt der Experte Pecorino Romano DOP. Und der Pfeffer müsse schwarz sein – und hochwertig.