Flüchtlingsheim in Hamburg: Bewohner bekommen WLAN-Zugang - DER SPIEGEL
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Flüchtlingsheim am Grenzweg Die Verbindung steht

Mario Bethune und Stephan Manhardt
Mario Bethune und Stephan Manhardt

Mario Bethune und Stephan Manhardt

Foto: SPIEGEL ONLINE
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Hamburger Flüchtlingsheim am Grenzweg mussten sich die Bewohner lange vor eine benachbarte Halle stellen, um per WLAN im Netz zu surfen. Damit ist es nun vorbei.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
Foto: Arnold Morascher

Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.


Im Gewerbegebiet Neuer Höltigbaum am Rande von Hamburg gibt es breite Gehwege, Passanten sind dort aber selten zu sehen. Nur auf dem Gehweg vor der riesigen orangefarbenen Halle des Outdoor-Ausrüsters Globetrotter standen immer Menschen, tags, nachts, bei Regen und Schnee, den Kopf gebeugt, das Handy in der Hand. Es waren Bewohner der Flüchtlingsunterkunft, die direkt an das Globetrotter-Gelände grenzt, sie nutzten das offene WLAN des Unternehmens, das eigentlich für die Mitarbeiter gedacht ist. In der Erstaufnahme Rahlstedt gab es kein WLAN.

Bis zu diesem Morgen, an dem Mario Bethune von Willytel und Stephan Manhardt von den Maltesern, die das Flüchtlingsheim betreiben, in der Cafeteria der Unterkunft sitzen und den Start ihres Projekts mit einem Pappbecher voll Kaffee aus dem Automaten begießen: Knapp vier Monate nach Eröffnung der EA Rahlstedt gibt es kostenloses WLAN für die Bewohner, und damit endlich die Möglichkeit, auch mal ohne kalte Füße mit den Angehörigen in der Heimat zu kommunizieren. Denn für Mobilverträge mit größerem Datenvolumen ist das Taschengeld, das viele Bewohner bekommen, zu knapp.

Es ist eine Art Pilotprojekt von Senatskanzlei, Stromnetz Hamburg und Willytel und Wilhelmtel: Erstmals wird in einer Flüchtlingsunterkunft "Mobyklick" getestet - ein kostenloses, öffentliches WLAN, mit dem irgendwann in diesem Jahr die ganze Hamburger Innenstadt ausgestattet werden soll.

Drei sogenannte Accesspoints gibt es in der Erstaufnahme, graue Kästen, die hoch oben an Laternenmasten hängen. "Bis zu 500 Leute können jetzt gleichzeitig über jeden Accesspoint surfen", sagt Bethune. Bis in die Zimmer in den Wohntrakten reicht das Netz aber nicht; diese alle zu versorgen, wäre zu teuer geworden.

Zur Autorin
Foto: Torsten Kollmer

Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Manhardt ist bei den Maltesern fürs Unterkunftsmanagement und die IT zuständig. Er hatte seit November versucht, einen Telekommunikationsanbieter dafür zu gewinnen, WLAN in der Unterkunft zu installieren. "Bei einer Firma wurde gleich aufgelegt, als ich sagte, dass es um Flüchtlinge geht", erzählt Manhardt. "Nee, Flüchtlinge machen wir nicht'", habe er zu hören bekommen. "Die Art und Weise, wie ich abgewimmelt wurde, hat mich schockiert", sagt er. Er habe sich gefragt, "ob ich bei der AfD angerufen habe".

Bei Willytel gab es solche Vorurteile nicht, zumal das Unternehmen sowieso schon im Gespräch war mit dem Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF). Im Dezember kam dann grünes Licht vom ZKF für den Vertrag mit Willytel.

Während der Projektmanager von Willytel und der Malteser-Mitarbeiter sich an diesem Morgen über den erfolgreichen Abschluss ihres Projekts freuen, sind fünfzig Meter weiter die Handwerker des Containerherstellers Jan Snel mit eher Unerfreulichem beschäftigt: Sie beheben Mängel, was für Neubauten ja nichts Ungewöhnliches ist. In der EA Rahlstedt haben die Mängel allerdings zur Folge, dass hier nur 200 Flüchtlinge wohnen dürfen statt der geplanten 560.

Daran sind vor allem die zweifelhaft konstruierten Duschen schuld, bei denen zum Beispiel der Ablauf am höchsten Punkt des Bodens installiert war und die Duschköpfe das Wasser herumspritzten. Die meisten dieser Probleme sind aber inzwischen gelöst.

Arno Kottmeier hängt den Fernseher um

Arno Kottmeier hängt den Fernseher um

Foto: SPIEGEL ONLINE

Auch im Sozialtrakt wird gebaut: Der große Fernsehraum für die Frauen wurde wenig genutzt, der kleine Sportraum dagegen umso mehr, für Fitness, Hanteltraining oder Yoga. Weshalb die Räume getauscht werden sollen und Arno Kottmeier nun den Flatscreen umhängt. Über die Satelliten-Antenne werden vor allem deutsche Sender zu empfangen sein und, so Kottmeier, "gigantisch viele arabische".

In der Cafeteria sitzt inzwischen Safouh Hussain an seinem Lieblingsplatz, am Fenster. Der WLAN-Empfang ist gut, wenn auch nicht so gut wie draußen. Der junge Syrer hat eine Facebook-Seite aufgerufen, auf der darüber spekuliert wird, dass der syrische Diktator Baschar al-Assad tot sei. Safouh liest den Eintrag eines angeblich immer bestens informierten arabischen Journalisten vor, aber natürlich weiß er, dass das auch eine Falschmeldung sein kann. Schließlich hatte Assad angeblich schon tödliche Schlaganfälle, Herzinfarkte oder wurde ermordet - lebt aber dennoch unversehrt weiter. "Ich bin sicher, dass er am Ende des Kriegs tot sein wird", sagt Safouh, "weil es mit ihm kein Ende des Kriegs in Syrien gibt."

Eigentlich sollte Safouh in diesem Moment bei seinem Deutschkurs in der Berlitz-School sein, wo er am 23. März seine Sprachprüfung machen wird. Doch er hat Kopfschmerzen, weil er nicht schlafen konnte. Nicht wegen Assad, sondern weil er vielleicht im April eine richtige Wohnung bekommt, nach einem Jahr in der Turnhalle und dann sechs Monaten im Containerdorf. "Eine Dreizimmerwohnung, mit der S-Bahn 20 Minuten vom Hauptbahnhof", erzählt er und freut sich besonders über die toll ausgestattete Küche, denn an das deutsche Essen in der Erstaufnahme kann er sich, wie viele Bewohner, nicht so recht gewöhnen.

Mit zwei Freunden möchte er in die Wohnung im Süden Hamburgs einziehen. Wenn der Vermieter einverstanden ist und jedem der drei einen eigenen Mietvertrag gibt, damit die Miete nur so hoch ist, dass das Job Center sie übernimmt. Und, klar, wenn das Job Center mitmacht und eine gedrittelte Miete anerkennt.

Am nächsten Tag geht Safouh zu seinem Job Center und bekommt das Okay. Und noch einen Tag später hat er den Mietvertrag auf dem Tisch. Jetzt muss er hoffen, dass auch seine beiden Kumpels bei ihren Job Centern auf Verständnis stoßen. Dann wird Safouh am 1. April, wenn nichts mehr schief geht, einen weiteren Schritt in den deutschen Alltag machen.

Und noch einen Tag später hat der Infopoint in der EA Rahlstedt auch für Ashna und Awat Rashid gute Nachrichten. Sie werden am nächsten Mittwoch mit ihren Kindern Dekan, Mohammed und Divan in eine Folgeunterkunft umziehen. Nach 14 Monaten, die sie in einer Turnhalle und im Rahlstedter Containerdorf verbracht haben - obwohl Flüchtlinge eigentlich nur 6 Monate in Erstaufnahmen untergebracht sein sollen.