meinung •Gesellschaft in der Krise Die Entleerung der Demokratie, wie wir sie kennen
Pappfiguren-Publikum im Stadion von Borussia Mönchengladbach (Juni 2020): Simulierte Öffentlichkeit
Foto: Marius Becker/ dpaGar nicht so einfach, diese Leere zu beschreiben. Dabei ist sie omnipräsent: Die Marktplätze und Fußballstadien sind verwaist, ebenso die Gaststätten und Kinosäle, leer sind auch Museen, Sitzungssäle, Gedenkstätten. Voll sind nur: die Intensivstationen, die Krematorien, die Nachrichten. Corona, überall.
All das hat dramatische Auswirkungen. Auch abseits der Gesundheit viel zu vieler Menschen. Während Bürgerinnen und Bürger auf ihren Homeoffice-Bildschirmen die Inzidenzen und Impfquoten verfolgen und immer ungeduldiger auf Besserung hoffen, kommt das gesellschaftliche Leben zum Erliegen.
Ausgerechnet in einer globalen Jahrhundertkrise, die jede und jeden bedroht, kreisen die meisten Menschen vor allem um sich selbst. Streamen Serien und surfen im Internet, entdecken zwischen Homeoffice und Homeschooling das Stricken wieder, begegnen anderen meist nur in Videochats. Das ist einerseits richtig, da Mitmenschen ein Ansteckungsrisiko darstellen. Andererseits aber löst sich etwas auf, das fürs Funktionieren demokratischer Gesellschaften essenziell ist: Öffentlichkeit.
Wie sehr sie nach einem Jahr Pandemie lädiert ist, zeigt ein Blick auf das, was verschwunden ist: Dialogforen aller Art. Natürlich ist es ein großes Glück in diesem großen Unglück, dass digitale Hilfsmittel den Leidensdruck des Social Distancing verringern. Aber Zoom-Konferenzen und Skype-Dates ersetzen nichts von dem, was wir früher so innig gehasst und geliebt haben: Familien- und Volksfeste, Partei- und Kirchentage, Lerngruppen und Kneipen-Stammtische, Podiumsdiskussionen und Elternabende.
Und mehr noch: Nicht einmal friedliche Demonstrationen, die Urform des demokratischen Meinungsaustausches, sind in ihrer bisherigen Form noch möglich. Wer trotzdem auf die Straße geht, wird wahlweise belächelt, ignoriert oder verachtet: weil die wenigen, die Kundgebungen unter Einhaltung der nötigen Hygieneregeln abhalten, kaum noch Aufmerksamkeit erzeugen. Und weil die anderen, die sich um die Pandemie nicht scheren oder sie sogar leugnen, lediglich mit asozialer Impertinenz auffallen.
Der Shutdown bremst nicht nur das Virus, sondern auch den gesellschaftlichen Fortschritt. Corona verengt mit seinen Dauerdebatten über Impfstoffe oder »Öffnungsperspektiven« für Schulen und Unternehmen unseren Blick, verdrängt Zukunftsthemen, die während der Pandemie kein bisschen unwichtiger geworden sind: etwa die Kämpfe um mehr Gleichberechtigung und gegen Rassismus. Oder der Aufstand der Jugend angesichts der Klimakrise. Und war nicht zuletzt die Empörung über den Vorstoß des sächsischen Ministerpräsidenten, dass der Osterurlaub wohl erneut ausfallen wird, erschreckend groß im Vergleich zur Wut über die Zustände in europäischen Flüchtlingslagern oder im Bürgerkriegsland Syrien?
Die Osterferien-Groteske belegt zumindest, dass die Empörungsmechanismen noch nicht komplett eingerostet sind. Sie hinterlässt jedoch auch den Eindruck, dass in der Pandemie eine fragwürdige Logik zu gelten scheint: erst mal Corona bekämpfen, dann ist immer noch genug Zeit für Menschlichkeit und Klimaschutz.
Darüber sollte gestritten werden, aber wie? Derzeit trifft sich niemand zum Plausch in den 11.666 Cafés, die es laut Statistischem Bundesamt zuletzt in Deutschland gab. Kein einziger Stammtisch tagt in den 71.308 Restaurants, und auch in den 4393 Bars und Klubs kommen keine Leute zusammen. In den Foyers der 809 Theater wird nicht über provokante Inszenierungen diskutiert, und nicht mal auf privaten Geburtstagsfeiern kann man über die Situation von Schalke 04, die AfD oder den SUV des Nachbarn streiten.
Betroffen von der Krise der Kommunikation ist auch der Journalismus. Es gibt nicht nur weniger Veranstaltungen, über die berichtet werden kann, viele Reporterinnen und Reporter verzichten angesichts der Gesundheitsrisiken derzeit auch auf manche Recherchereisen und Begegnungen. Selbst die »Tagesschau« zeigt inzwischen regelmäßig Interviews, die per wackliger Skype-Schalte geführt wurden.
So entstehen Leerstellen, die radikale Kräfte für sich zu nutzen wissen, am anschaulichsten zeigt sich das in den Innenstädten: Als in Berlin neulich Tausende Menschen auf die Straße gingen, um an die Opfer der rassistischen Morde von Hanau zu erinnern, war dies eine seltene und erfreuliche Ausnahme. Denn in den vergangenen Monaten waren es vor allem Großkundgebungen von Verschwörungsanhängern und Extremisten, die bundesweit Aufmerksamkeit erregten.
Wie wird sich unsere Gesellschaft verändert haben, wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist? Wie lässt sich verhindern, dass die kommunikativen Leerstellen dauerhaft von Minderheiten zur Verbreitung von Hetze und schierem Unsinn missbraucht werden? Und wie bleibt die Gesellschaft im Austausch – unabhängig davon, wie viele Corona-Schutzverordnungen und Öffnungsdebatten da noch kommen werden?
Das viel zu oft wiederholte Mantra hilfloser Politikerinnen und Politiker, man müsse jetzt bloß noch ein paar Wochen aushalten, ist jedenfalls keine Hilfe. Die Coronakrise fühlt sich wie ein seltsam zeitloser Augenblick an, der sich permanent selbst verlängert und ewig hinzieht. Längst ist klar, dass es nicht reicht, die Pandemie kurz auszuhalten, damit es dann wie gehabt weitergeht. Wir haben bereits ein Jahr verloren – und so wie vorher wird es ohnehin nicht wieder.
Hilfreich wäre in jedem Fall, nähmen wir die uns derzeit zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel ernster. Die Teilnehmenden einer Zoom-Schalte sollten sich so auf die Debatten konzentrieren, als säßen sie sich im Gemeindesaal oder Konferenzraum gegenüber. Instagram und Facebook dürfen nicht nur Müllhalden für Tiervideos, Selbstinszenierungen und Wohnungsgesuche sein, mehr denn je sollten sie als echte Diskussionsplattformen genutzt werden, in denen die gleichen Regeln des Anstands gelten wie im Rest der Welt.
Utopisch ist das nicht, denn auch nach zwölf Corona-Monaten sind Mitgefühl und Aufgeschlossenheit für andere nicht verschwunden: Im vergangenen Jahr haben die Menschen in Deutschland 5,4 Milliarden Euro gespendet, deutlich mehr als im Jahr vor der Krise – trotz Kurzarbeit, Isolation und Zukunftssorgen. Und wer so viel Mitgefühl hat, dass er oder sie spendet, hat auch noch Anliegen, für die es sich zu streiten lohnt.