Uups! - et orbi Benedetto Galilei
Rom - Es ist die Zeit der Lämmer. Gestern wurden zwei mit großem Zeremoniell gesegnet, in der Kirche St.-Agnese-außerhalb-der-Mauern im Norden von Rom. Schon am Tag zuvor bekamen 200.000 Schäfchen ihren Segen, diesmal vom Papst und auf dem Petersplatz, und manch einem war gar nicht wohl dabei. Aus den St.-Agnese-Lämmern, beziehungsweise deren Wolle, werden demnächst die Pallien gewebt, jene Schulterbänder, die ein Papst seinen neu ernannten Kirchenfürsten auferlegt. Aus all den Schäflein aber, die aus Solidarität mit dem Papst zum Angelus-Gebet gekommen waren, werden die nächsten Wahlen in Italien gestrickt. Der Sonntag hat gezeigt, dass es immer noch oder schon wieder unmöglich ist, in Italien gegen den Vatikan zu regieren.
Die größte und älteste Universität Roms trägt den Namen "Sapienza", Weisheit. Deswegen (oder dennoch) hielt es der Rektor für angebracht, zur Eröffnung des akademischen Jahres Papst Benedikt XVI. einzuladen, eine "Lectio Magistralis" zu halten. Ursprünglich zum Thema Todesstrafe und dem, was der Papst dort angesiedelt sieht: die Abtreibung. Eine Initiative von 67 Physikern der "Sapienza" protestierte: "Rom ist nicht mehr die Hauptstadt des Kirchenstaats", die Autonomie der Universität sei gefährdet, und Papst Benedikt benutze "die Göttin Vernunft" als "trojanisches Pferd, um in die Zitadelle der wissenschaftlichen Erkenntnis einzudringen".
Anders als sein Vorgänger stehe dieser Papst für "wissenschaftlichen Obskurantismus" und habe nota bene den Prozess gegen Galilei als völlig normales wissenschaftliches Prozedere verteidigt. Später stellte sich heraus, dass Ratzinger als Kardinal nur den amerikanischen Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend zitiert hatte. Aber da war es schon zu spät. Das Rektorat wurde in altem Reflex besetzt, Studenten predigten als Bischöfe verkleidet für das Recht auf Abtreibung und die Homo-Ehe, zogen zur "antiklerikalen Woche" als frocessione, als "Tunten-Prozession" durch die Straßen.
Eine Lektion über die Toleranz
Der Papst rede ohnehin schon zu viel, erklärte Marco Pannella von der libertären "Radikale"-Partei. Im öffentlichen Fernsehen würde ihm ein Drittel mehr Sendezeit eingeräumt als dem Regierungschef. Vom Staatspräsidenten ganz zu schweigen. (Einem Bericht der "International Herald Tribune" zufolge sind 27 Prozent der Protagonisten des Staatsfernsehens reale oder gespielte Priester.)
Für den Tag der Rede, den vergangenen Donnerstag, wurden Tumulte erwartet. Da sagte der Vatikan ab. Der Papst blieb fort, seine Lectio jedoch wurde verlesen. Und siehe da: Sie handelte von Toleranz und vom vernunftgeleitetem Streit der Fakultäten um die Wahrheit. Für die italienischen Bischöfe war das die Gelegenheit. Wohl zum ersten Mal konnte das schwarze Italien guten Gewissens aufrufen zu einer Kundgebung für die "Vernunft und die Kraft des Dialogs", so Bischofspräsident Angelo Bagnasco.
Der Papst als neuer Galilei! Als Opfer einer laizistischen Inquisition. Die Antiklerikalen hatten exakt das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten. Ein Teil der Linken, darunter Romano Prodi und Roms Bürgermeister Walter Veltroni, solidarisierten sich mit dem Papst, und die Physiker sahen sich dargestellt als Pontifex-Knebler. Das schwarze Italien mobilisierte, und prompt waren die Zeitungen gestern voll mit Bildern von den Zigtausenden, die für den Papst demonstrierten. Darunter Kulturminister Francesco Rutelli (vom neuen "Partito Democratico"), und Ex-Justizminister Clemente Mastella, der gerade wegen Korruptionsvorwürfen zurückgetreten ist. Und über der Menge ein Transparent: "Du bist unsere Sapienza."
Derart gestärkt sprach Bagnasco gestern vom "illiberalen Sektierertum" der Linken und von einem "Land im Niedergang". Worauf der katholische Ex-Minister Mastella sich sofort mit seiner Partei aus der Regierungsmehrheit zurückzog, und es jetzt wohl Neuwahlen geben wird. O sancta sapientia!
P.S. Zum "schwarzen Papst", dem General der Jesuiten, wurde nun doch kein Vertreter aus Lateinamerika oder Asien gewählt, wie im vergangenen "Uups" vermutet. Aber der Spanier Adolfo Nicolàs hat immerhin die meisten seiner 71 Lebensjahre in Japan und Ozeanien verbracht.