EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Große Pause
Sie war nicht darauf vorbereitet, nicht an diesem Abend, nicht auf dieser Bühne - wobei nicht ganz klar ist, ob man sich auf ein Malheur wie dieses überhaupt vorbereiten kann.
Es war das letzte Konzert einer Tournee, die Diana Damrau von Berlin über Leipzig, Grenoble, Toulouse und Düsseldorf nach Paris geführt hatte, Abschluss und Höhepunkt zugleich. Die Opernszene feiert die 36-jährige Sopranistin als kommenden Star, eine »Koloraturkönigin«, wie ein Kritiker schrieb, deren Karriere nichts mehr aufhalten kann. Fast nichts.
Im vergangenen Herbst hatte Diana Damrau eine CD aufgenommen, »Arie di bravura«, mit Gesangsstücken von Salieri, Righini, Mozart, jetzt stand sie im Théâtre des Champs-Elysées auf der Bühne. Rund 1400 Menschen waren gekommen, verwöhntes, anspruchsvolles, gnadenloses Metropolenpublikum in Feiertagsstimmung.
Diana Damrau, in Günzburg geboren, gilt als Sängerin mit sehr deutschen Tugenden: Sie sei fleißig, heißt es, zuverlässig, pflichtbewusst. Ein paar Dinge, sagt sie, brauche es für ein perfektes Konzert: Die Sängerin muss ausgeschlafen sein, das Hotelzimmer groß genug, damit beim Üben eine Akustik entsteht, das Orchester gut gelaunt - immerhin sollen seine Töne einen Klangteppich weben, der die Sängerin trägt.
Am Morgen hatte es eine Probe gegeben, das komplette Programm. Diana Damrau ist schon einmal in Paris aufgetreten, aber eines irritiert sie hier immer noch: Wenn die Musiker in einem Teil des Programms Pause haben, stehen sie auf und verschwinden hinter die Bühne, auf einen Schwatz oder ein Glas Wasser. Das sieht nach französischer Lässigkeit aus und stört doch die Konzentration - manchmal, sagt Damrau, herrschte in dem Gang nach hinten »regelrechter Gegenverkehr«.
Dann, am Abend, das Konzert. Im zweiten Teil steht eine Arie der Susanna auf dem Programm, aus »Figaros Hochzeit«. Damrau hat sich in eine innige, hoffnungsvolle Stimmung gesungen, eine Stimmung »wie vor der Hochzeitsnacht«. »Giunse al fin il momento - Endlich naht sich die Stunde, die verträumen ich werde im Arme des Geliebten«, singt sie.
Jetzt das Andante. Die Holzbläser stoßen hinzu, Flöte, Oboe und Fagott, sie ergänzen und malen aus, was erste und zweite Violine, Bratsche, Violoncello und Kontrabass anlegen. Im fünften Takt haben Fagott und Oboe sechs aufsteigende Sechzehntelnoten zu spielen, staccato, bevor die Flöte übernimmt. Damrau hat Pause; sie registriert, dass etwas fehlt. Die Flöte ist ein bissel dominanter als sonst, denkt sie.
Sie kann die Musiker nicht sehen, mit dem Gesicht steht sie zum Dirigenten; ihr kommt es vor, als klinge alles irgendwie zarter als sonst, die Pizzicati der Streicher merkwürdig spitz.
»Alles ladet zum holden Liebesfeste«, singt Damrau, »komm hin zur Laube, wo Liebesgötter kosen«, und dann macht sie eine kleine Pause, eine Achtelnote lang. Auch Flöte, Oboe, zweite Violine, Bratsche und Cello schweigen hier, weil das Fagott sechs schnelle Sechzehntel spielen soll, a-b-c-d-e-f, immer höher hinauf. An dieser Stelle, sagt Damrau, gab es »einen Moment der Stille«. Einen Moment, den es sonst in dieser Arie nicht gibt. Sie hält die Luft an. Denkt »auweia«, schaut kurz zum Dirigenten, der dirigiert weiter, sie beschließt, sich nichts anmerken zu lassen, die Arie irgendwie zu Ende zu bringen.
»Dass ich dich kränze«, singt sie, da sieht sie, wie der Dirigent von seinem Podest klettert. Hinter ihrem Rücken läuft er zur ersten Geigerin hinüber, die beiden flüstern. Damrau ist in Wien und London aufgetreten, an der Scala und an der Met, sie hat gelernt, dass eine Panne keine Panne ist, solange niemand sie bemerkt. Da geht der Dirigent nach vorn, hebt den Arm und wendet sich ans Publikum. »Sorry, we have to stop,«, sagt er, »the bassoon is missing.«
Das Fagott fehlt. 1400 Pariser stöhnen auf, tuscheln, das Tuscheln wächst zu einem Raunen an und mündet in einen Aufschrei.
Und Diana Damrau? Lacht.
Einmal, in Frankfurt, hat sie selbst bei der Zugabe auf einmal ihren Text vergessen; am Ende musste sie sich neben den Pianisten stellen und von dessen Notenblättern lesen. Ein andermal, in der Bayerischen Staatsoper in München, trug sie, als Königin der Nacht, eine schwere Krone aus Draht. Als sie sich in einer dramatischen Wendung von Pamina wegdrehte, mit den Worten »Was hör ich?«, krachte die Krone zu Boden.
Diana Damrau sieht die junge Fagottistin auf die Bühne schleichen, hängende Schultern, rotes Gesicht, wie versteinert vor Angst und Scham. 1400 Augenpaare starren sie an.
»Ich war mir sicher, dass irgendetwas fehlte«, sagt Damrau laut. Jetzt lacht auch das Publikum.
Man werde die Arie noch einmal singen, kündigt der Dirigent an. Wo sie das Stück fortsetzen wolle? Und Damrau antwortet: von vorn. Da capo.
Sie habe gedacht, sie sei noch nicht dran, sagt die Fagottistin hinterher; als sie merkte, dass der Einsatz verpasst war, habe sie sich nicht mehr auf die Bühne getraut.
Am Ende fordert das Publikum vier Zugaben, Diana Damrau wählt ein Stück mit einem Fagott-Solo, als Trost für die Kollegin. 1400 Pariser erheben sich von den Plätzen. HAUKE GOOS