Halloween-Kommentar: Es lebe der Humbug - DER SPIEGEL
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Kommentar zu Halloween-Nörgelei Es lebe der Humbug

Halloween hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Kommerziell sei das Horrorfest, heißt es, aus Amerika importiert, gottlos, inhaltsleer. Stimmt alles. Und ändert nichts an der Großartigkeit dieses Schauertags.
Halloween-Kürbisse: Gehören zum Jahreslauf wie Kastanienmännchen
Halloween-Kürbisse: Gehören zum Jahreslauf wie Kastanienmännchen

Halloween-Kürbisse: Gehören zum Jahreslauf wie Kastanienmännchen

Foto: Ole Spata/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Edeka-Werbeblättchen ist diese Woche der Clipart-Horror ausgebrochen. Über dem Saftschinken schwebt eine schwarze Fledermaus, hinter den Orangen lauert ein böse grinsender Kürbis, über den Cocktailtomaten fliegt eine Hexe. Das sieht dilettantisch aus und ist albern. Genau so, wie ich mir Halloween wünsche.

In Wahrheit ist Halloween heute in Deutschland eine hochprofessionelle Veranstaltung, schon im Jahr 2011 wurden mit Horrorutensilien und Gruselsnacks 200 Millionen Euro umgesetzt, 15.300 Tonnen heimische Kürbisse wurden verkauft. Das könnte in wirtschaftlich schweren Zeiten eigentlich ein Grund zur Freude sein. Es gefällt aber nicht jedem, wenn es im Zusammenhang mit einem Tag steht, der in gewissen Kreisen bis heute immer nur leicht angewidert und in Verbindung mit dem Attribut "aus Amerika importiert" erwähnt werden darf.

Margot Käßmann zum Beispiel, das schlechte Gewissen der Nation, hat einmal gesagt, Halloween sei "inhaltsleer", außerdem "kommerzieller Humbug", den sie "nicht ernst nehmen" könne. Ein Kommentator der "Sächsischen Zeitung" wies der Ordnung halber darauf hin, dass sich von Halloween "zu unserer Region, zu Deutschland überhaupt, keine direkte Traditionslinie" finden lasse.

All das stimmt. Halloween ist kompletter Quatsch.

Mir persönlich ist der Feiertag zum ersten Mal im Film "E.T." begegnet, wo ein niedlicher Außerirdischer vor der Vivisektion bewahrt wurde, indem man ihn als Gespenst verkleidete. Das war 1982. Wir deutschen Kinder fanden die Idee, uns mit Pfeilen durch den Kopf oder Henkermasken zu schmücken, damals schon sehr attraktiv. Freilich fehlte uns die Marktmacht, die sofortige Einführung von Halloween auch in Deutschland durchzusetzen. Das erledigte in den Neunzigerjahren dann die durch pietätsbedingte Faschingsausfälle gebeutelte Kostümbranche.

Für die in den vergangenen etwa 20 Jahren geborenen Deutschen gehört Halloween nun zum Jahr wie Ostern oder Fasching. Der Tag verbindet für Kinder fast alles, was in ihren Kreisen als gute Unterhaltung gilt: mit Freunden in der Dunkelheit um die Häuser ziehen, sich verkleiden, Süßigkeiten abstauben, "buuhhhh" rufen. "What's not to like?", würden die Kulturimperialisten aus Amerika sagen.

Mit den Eltern am Küchentisch sitzen und mit Löffeln die Kerne aus einem Kürbis kratzen, um ihm dann ein möglichst furchterregendes Gesicht zu schnitzen, ist ähnlich inhaltsleer wie das Basteln von Kastanienmännchen. Bei uns zu Hause gehört beides trotzdem zum Jahreslauf. Kinder denken Wochen im Voraus über ihre Kostüme nach und fürchten sich dann doch selbst ein bisschen vor dem eigenen Erpressungsumzug. Ihn ausfallen zu lassen, wäre undenkbar. Halloween gehört für die Kinder Deutschlands zu ihrem Leben, aufs Angenehmste. Wer damit ein Problem hat, hat einfach nicht begriffen, was Spaß macht.

Es lebe der Humbug.