Johannes Paul II. Himmlische Geschäfte mit dem fast Seligen
Warschau - Wieder einmal schlägt in Warschau die Stunde der Telebims, jener Großraumbildschirme, die in Polen immer dann im Freien aufgestellt werden, wenn es Heilige Messen oder Papstbesuche zu übertragen gilt. Tausende haben sich auch am zweiten Jahrestag des Todes Johannes Pauls II. im Abendrot auf dem zentralen Pilsudski-Platz zu Gebet und Fernsehen versammelt. Übertragen wird das traditionelle polnische Osteroratorium "Gorzkie Zale", das wenige Hundert Meter entfernt beim stalinistischen Kulturpalast, dem Wahrzeichen der Stadt, aufgeführt wird.
Dann folgt die offizielle Schweigeminute um 21.37 Uhr, der genauen Todeszeit des polnischen Papstes vor zwei Jahren. Und endlich erscheint auf den Bildschirmen am Pilsudski-Platz das zu Füßen des 230 Meter hohen Kulturpalastes ausgesprochene Gebet des polnischen Primas Jozef Glemp für die Seligsprechung Johannes Pauls II.
Erst am Mittag war im Vatikan die erste Phase des Seligsprechungsprozesses Johannes Paul II. feierlich mit einer Messe in der Lateranbasilika abgeschlossen worden. Und in Polen ist der Wunsch nach dem "Santo subito", einer Heiligsprechung im Expresstempo, den ganzen Tag über immer wieder in Radio und Fernsehen sowie Tausenden von Kirchen erhoben worden. Das Ansinnen wird von einer Mehrheit der Polen geteilt. Laut einer Umfrage der konservativen Tageszeitung "Rzeczpospolita" beten 65 Prozent der Polen "oft" oder "manchmal" für eine Heiligsprechung des Papstes.
"Der Papst wird sicher noch dieses Jahr selig gesprochen", sagt die 85-jährige Rentnerin Barbara mit leuchtenden Augen auf dem Pilsudski-Platz. "Auch seine Heiligsprechung könnte ich noch erleben", gibt sich die gebrechliche Warschauerin optimistisch. Gleich nach der Messe zum zweiten Todestag in der Sankt-Anna-Kirche ist sie auf den Platz geeilt, um sich hier an die Stimmung der päpstlichen Todesnacht vor zwei Jahren zu erinnern. Zehntausende hatten damals an derselben Stelle, wo Johannes Paul II. 1979 seinen denkwürdigen ersten Polenbesuch begonnen hatte, nachts gewacht, gesungen und gebetet.
Die Grabkerzen für den Papst werden weniger
Heute, zwei Jahre danach, sind es deutlich weniger. "11.000 Grabkerzen haben wir vor Jahresfrist hier verkauft, heuer waren es nur noch 5000 - die Zeiten werden schlecht", zieht ein Händler kurz vor Mitternacht Bilanz. Umgerechnet 65 Cents verlangt er für seine Grabkerzen, die er gleich stapelweise vor sich aufgestellt hat.
Sieben große Kerzenkreuze haben Gläubige im Laufe des Abends auf den Pilsudski-Platz gelegt; Dutzende von kleinen Kreuzen übersäen dazu die grauen Betonplatten. Dazwischen stehen vor allem Jugendliche und schweigen. "Ich bin hier, um dem verstorbenen Papst meine Ehre zu erweisen", erklärt der Barmann Tomasz mit trauriger Miene. Leider habe er um 21.37 Uhr arbeiten müssen, doch nun sei er auf dem Heimweg hierher gekommen, um zu beten, fügt der junge Mann fast entschuldigend hinzu.
"Ich bin diesen Medienhype um den Papst leid"
Noch gut Hundert Gläubige verharren auf dem Platz, an dessen Rändern mittlerweile die Großraumbildschirme abgebaut werden. Etwas abseits steht Bruder Fabian mit seiner Klampfe und stimmt die "Barka", das Lieblingslied Johannes Pauls II. an. Jugendliche umringen den Mann in der Jeansjacke, der mit bürgerlichem Namen Michal Kobelanski heißt und in Warschau Soziologie studiert. Den Übernamen hat er sich vor zwei Jahren während eines Trauerzuges in der Woche vor dem Papstbegräbnis zugelegt.
"Ich bin diesen Medienhype um den Papst und seine Seligsprechung leid", schimpft Bruder Fabian. Natürlich wäre es für die Polen ein schönes Geschenk, möglichst bald einen Hl. Johannes-Paul zu haben, aber der Vatikan habe eben seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. "Wir sollten besser geduldig warten", kritisiert er den ehemaligen Papstsekretär Kardinal Dziwisz, der auch gestern in Rom für eine Beschleunigung der Heiligsprechung geworben hatte.
"Auch Mutter Teresa ist nur eine Selige", wirft Marek, ein Mitglied von Bruder Fabians Singgruppe "Przy Fontannie" ("Beim Brunnen") ein. "Der Papst ist für uns Polen zu einer Ikone verkommen", sagt er und wettert gegen die Geschäftemacherei mit dem Andenken an Johannes Paul II und die Papst-T-Shirts seiner Fans. "Das Problem ist, dass die Polen den Papst lieben, aber nicht auf ihn hören", schließt Bruder Fabian, schultert seine Gitarre und stapft Richtung Nachtbushaltstelle.