Fall Madeleine Was das Kindermädchen sah
London - Ein verschwundenes Kind, eine angebliche Entführung, diffuse Berichte über immer neue Indizien, Eltern, die vielen - auch den Ermittlern - als Verdächtige gelten: Der Fall der vierjährigen Madeleine McCann liefert täglich mehr neue Rätsel denn Antworten auf offene Fragen. Eine Zeugin, die dabei gewesen ist, nachdem das Verschwinden des Mädchens in der Nacht in der Ferienanlage Praia da Luz bemerkt worden war, äußerte sich jetzt erstmals in der britischen Presse.
Charlotte Pennington, 20, arbeitete laut der britischen Tageszeitung "Daily Mail" in der Ferienanlage als Kinderbetreuerin. Sie sei mehr als vier Stunden lang von den portugiesischen Ermittlern verhört worden, berichtete das Blatt, und gehöre zu den Zeugen, die aussagten, Kate McCann habe nach dem Verschwinden ihrer Tochter gerufen: "Sie haben sie mitgenommen." Diese eine Äußerung wurde als Indiz gewertet, dass Kate McCann etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun haben könnte. Allerdings erinnerten sich Verwandte der McCanns, die den fraglichen Abend mit ihnen verbracht hatten, anders: Madeleines Mutter habe gerufen "Sie ist weg, sie ist weg".
Kindermädchen Pennington schildert der "Daily Mail", wie sie die McCanns vor dem Verschwinden des Kindes in der Nacht des 3. Mai erlebte.
Am selben Tag habe sie im Kinderbetreuungsbereich des Ocean Club ihren Schützlingen das Abendbrot gemacht, auch das Ehepaar McCann sei mit seinen Kindern, der damals noch dreijährigen Madeleine und den zweijährigen Zwillingen Sean und Amelie, dabei gewesen. "Ich hätte eigentlich um 17.30 Uhr Schluss gehabt, aber weil die Gruppe so groß war und wirklich nett, war ich erst gegen 18 Uhr fertig. Es lief alles ganz normal."
Anschließend begab sich Charlotte Pennington in die Kinderkrippe der Anlage, die einen Betreuungsdienst für den Abend anbot, den die McCann allerdings nicht in Anspruch nahmen.
Kurz vor 22 Uhr sei das letzte in der Krippe verbliebene Kind von seiner Mutter abgeholt worden. Die Frau erzählte, sie sei gerade mit einem Mann zusammengeprallt, der einen Namen gerufen habe. "Sie hatte den Namen nicht genau verstanden, aber er klang wie Abbey, Gabby oder Maddie", sagte Charlotte Pennington der "Mail". "Ganz automatisch haben wir dann die Regeln befolgt, die im Fall eines verschwundenen Kindes greifen", so Pennington weiter. "Wir wussten, dass eines der betreuten Kinder Maddie hieß. Wir haben der Dienstleiterin gemeldet, was passiert ist, und sie hat uns direkt zum Apartment geführt."
"Ich konnte gar nicht glauben, was sich da abspielte"
Pennington weiter: "Im Zimmer befanden sich keine Kinder. Die Zwillinge waren schon weggebracht worden, ich glaube, von einem der Freunde der McCanns. Als wir wieder raus kamen, sahen wir Kate und sie schrie: 'Sie haben sie mitgenommen, sie haben sie mitgenommen'."
Auf die Nachfrage des Blattes, ob dies das Einzige gewesen sei, was Kate McCann gerufen habe, sagte Charlotte Pennington: "Es waren vielleicht nicht ihre ersten Worte. Aber sie hat das definitiv gesagt. Sie hat Madeleines Namen wiederholt und gesagt 'Sie ist weg, sie ist weg'."
Ihre weiteren Eindrücke von Kate McCann schildert Pennington so: "Ich konnte gar nicht glauben, was sich da abspielte - sie war einfach so fertig. Sie hat geschrien, ihr liefen die Tränen übers Gesicht. Alle sind wild rumgelaufen und haben versucht zu helfen. Die einzigen, die nicht draußen nach Madeleine gesucht haben, waren Kate und eine Freundin, die sich um sie kümmerte."
Pennington sagte, während Gerry McCann aktiv geworden sei und "wie besessen" in der Ferienanlage nach dem Kind zu suchen begonnen habe, sei seine Frau vor dem Apartment geblieben, tränenüberströmt und nicht in der Lage, sich zu bewegen.
Kindermädchen Pennington gehörte zu einer Gruppe von drei Angestellten der Anlage, die Kate McCann an die Rezeption brachten und sie baten, zu beschreiben, was Madeleine angehabt habe. Aber, so schreibt die "Mail", Kate McCann sei so "hysterisch" gewesen, dass sie sich kaum habe verständlich machen können: "Bei uns werden laufend Kinder vermisst, und ich habe schon eine Menge hysterischer Mütter gesehen", zitiert die "Mail" das Kindermädchen. "Aber keine dieser Mütter war so wie Kate."
"Schrecklicher Zustand der Ungewissheit"
Bis vier Uhr früh habe sie geholfen, nach Madeleine zu suchen, dann sei sie ins Bett gegangen, so Charlotte Pennington. Das Kindermädchen sagte ebenfalls aus, sie habe am selben Abend Robert M. in der Ferienanlage gesehen. M., ein in Praia da Luz lebender Brite, war der erste Verdächtige, dessen Haus und Grundstück die portugiesischen Ermittler durchsuchten. Er hatte ausgesagt, er habe sich am fraglichen Abend ausschließlich in seinem Haus aufgehalten.
Auf die Frage, weshalb Kate McCann ihrer Meinung nach die rätselhaften Worte "Sie haben sie mitgenommen" geäußert habe, sagte Kindermädchen Pennington: "Ich bin mir nicht sicher. Aber vielleicht hatte sie bemerkt, dass irgendwelche Leute Madeleine an dem Tag angestarrt haben, und sie hat sofort gedacht, dass die sie mitgenommen haben müssen."
Die Familie McCann äußerte sich laut der "Times" gestern erneut zu dem Fall. Sie rechneten damit, dass es ein Jahr dauern könne, bis sie selbst nicht mehr mit dem Verschwinden Madeleines in Verbindung gebracht würden und ihr guter Ruf wieder hergestellt sei. Für die Familie sei es besser, wenn das Kind tot gefunden würde, als in dem "schrecklichen Zustand der Ungewissheit" zu leben, was aus dem Mädchen wohl geworden sei.
pad