Milchpulver-Skandal "Wir Eltern sind wütend"
Peking - Im Skandal um verseuchtes Milchpulver haben die Eltern erkrankter Kinder von der chinesischen Regierung höhere Entschädigungszahlungen gefordert. Hunderte Mütter und Väter unterzeichneten eine entsprechende Petition, wie der Aktivist Zhao Lianhai am heutigen Freitag sagte.
Vorgesehen sind demnach eine langfristige kostenlose Behandlung der Kinder und die Kostenerstattung bisheriger medizinischer Versorgung. "Kinder sind die Zukunft jeder Familie und außerdem die Zukunft dieses Landes", heißt es in der Bittschrift.
Das mit Melamin verseuchte Milchpulver wird für den Tod von mindestens sechs Babys verantwortlich gemacht, etwa 300.000 weitere Kinder erkrankten. Inzwischen haben 22 Molkereien eine Entschädigung in Höhe von 1,1 Milliarden Yuan (124 Millionen Euro) angeboten. Am gestrigen Donnerstag hatte ein Gericht die ersten Urteile in dem Skandal verkündet und dreimal die Todesstrafe sowie mehrfach lebenslange Haftstrafen verhängt.
Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schildert der Bauer Zhou Jing, 26, aus der Provinz Henan nun seine Erfahrungen mit den örtlichen Behörden nach dem Tod seiner Tochter.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit den Urteilen gegen die Verantwortlichen des Babymilchskandals zufrieden?
Zhou Jing: Nein. Zu viele unschuldige Kinder sind betroffen. Auch wenn man alle Angeklagten zum Tode verurteilt hätte, wäre das Geschehen nicht gesühnt. Wir Eltern sind wütend.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Tochter verloren.
Zhou: Meine Tochter war nur ein Jahr alt, als sie starb. Seit Anfang Juni vorigen Jahres fieberte sie oft und weinte beim Urinieren. Das Kreiskrankenhaus behandelte sie gegen Hirnhautentzündung und Erkältung. In der Provinzhauptstadt Zhengzhou fanden die Ärzte dann Nierensteine. Aber es war zu spät. Sie hatte knapp fünf Monate lang Milch aus dem Sanlu-Pulver getrunken.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie nach dem Tod ihrer Tochter getan?
Zhou: Damals war die Sache mit dem Milchpulver noch nicht öffentlich. Als sie bekannt wurde, sammelten wir Informationen aus den Krankenhäusern. Am 20. September kamen Leute von der Kreisstadtregierung, nahmen unsere Berichte und bestätigten, dass unsere Tochter am Milchpulver starb. Sie sagten uns, dass sie das Ganze nach oben melden würden.
SPIEGEL ONLINE: Hat man Ihnen eine Entschädigung angeboten?
Zhou: Am 14. Dezember teilte man uns mit, wir könnten im Gesundheitsamt unsere Entschädigung abholen. Wir wussten nicht, wie viel sie uns geben wollten. Doch dann stellte sich heraus, dass der Name unserer Tochter nicht auf der Liste stand.
SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?
Zhou: Es hieß, nur die Namen der noch lebenden Babys seien nach oben gemeldet worden, aber nicht die der gestorbenen.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie unternommen?
Zhou: Wir sprachen beim Kreisbürgermeister vor, bei der medizinischen Aufsichtsbehörde und beim Gesundheitsamt. Der Bürgermeister bot eine Entschädigung von 10.000 Yuan (rund 1130 Euro; d. Red.) an. Wir fuhren in die Provinzhauptstadt Zhengzhou, beschwerten uns wieder bei verschiedenen Behörden. Am 21. Januar sind wir dann nach Shijiazhuang gereist
SPIEGEL ONLINE: wo der Prozess stattfand.
Zhou: Wir übernachteten auf dem Bahnhof und warteten auf das Urteil.
SPIEGEL ONLINE: Was muss Ihrer Meinung nach jetzt geschehen?
Zhou: Sie sollten uns eine Erklärung geben. Warum wurde der Tod unserer Tochter nicht nach oben gemeldet? Wir haben inzwischen rund 10.000 Yuan für die Behandlung und für die Reisen ausgegeben.
SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie weiterhin auf eine Entschädigung?
Zhou: Egal wie hoch die Entschädigung ist, sie kann uns unsere Tochter nicht zurückbringen. Wir haben nicht ein einziges Wort des Beileids und des Mitgefühls von der Lokalregierung gehört. Für unsere Tochter haben wir ein kleines Grab errichtet, nur 500 Meter von unserem Haus entfernt.