Mitja-Prozess: Obstkuchen, Alkohol, Schweigen - DER SPIEGEL
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Mitja-Prozess Obstkuchen, Alkohol, Schweigen

Im Verfahren gegen den mutmaßlichen Mörder des neunjährigen Mitja, Uwe K., ist der Verlauf des Tattages rekonstruiert worden. Auch sagte die frühere Freundin des Angeklagten vor Gericht aus: Sie berichtete von einer jahrelangen Routine, bestehend aus Bier und Sex.
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Leipzig - Hätte sie nicht geschwiegen, hätte sie diese eine Frage gestellt, vielleicht wäre jener Tag für Mitja anders verlaufen. Vielleicht könnte der Neunjährige heute noch leben. "Aber ich hatte ein komisches Gefühl, weil der Mann ja so abseits stand", erklärt die Zeugin heute vor dem Leipziger Landgericht, am zweiten Verhandlungstag um die Ermordung des Schülers.

Zuvor schilderte sie, wie Mitja und Uwe K. kurz nach 17 Uhr an jenem 22. Februar in den Bäckerladen kamen. Der Junge kaufte Kuchen und ließ ihn einpacken, der angeklagte Uwe K. stand ein paar Meter dahinter und sagte nur "Such dir was aus". Sie habe gedacht, vielleicht ist das sein Vater, erzählt die Zeugin. Aber fragen habe sie ihn nicht wollen. Sie kannte ihn, er kam ja öfter.

"17.04 Uhr, Obstkuchen mit Guss", steht auf dem Kassenbon, den der vorsitzende Richter Hans Jagenlauf aus den Akten zieht. Der Junge und der Mann seien dann gegangen, sie habe nichts Auffälliges bemerkt, sagt die Zeugin. Der 43-Jährige hatte am Dienstag die Tat gestanden und erklärt, er habe an diesem Tag zehn bis zwölf halbe Liter Bier und Schnaps getrunken, sich dann unwohl gefühlt, bevor er Mitja traf.

Torkeln, lallen oder auch nur eine Bierfahne will die Verkäuferin jedoch nicht bemerkt haben. Ansonsten fügen sich die Zeugenaussagen zeitlich in das Geständnis. Gegen 16.30 Uhr habe Mitja den Hort "Sonnenhügel" verlassen, berichtet seine Erzieherin. "Es war alles wie immer." Sie beschreibt den Jungen als sehr kontaktfreudig und mitteilungsbedürftig. Gegenüber Erwachsenen "war er nicht ganz so zurückhaltend, wie man es von anderen Kindern gewohnt ist", sagt sie.

Etwa fünf Minuten später ging Mitja in den nahegelegenen Supermarkt. Die Kassiererin erinnert sich auch, dass er allein war. Um 16.38 Uhr fragt er in dem Blumenladen die Floristin nach der Uhrzeit. Die Frau kannte ihn, Mitja sei regelmäßig gekommen, um nach der Zeit zu fragen, erzählt sie dem Gericht. Auch bei ihr sei er noch allein gewesen.

Anschließend stieg Mitja in die Straßenbahn, wo auch das Fahndungsbild entstand, das ihn zusammen mit Uwe K. zeigt. In der Bäckerei tauchen beide zusammen auf, dann verliert sich ihre Spur. K. berichtet, sie hätten bei ihm zu Hause Kuchen gegessen, ferngesehen, er selbst habe weiter getrunken und den Jungen dann am Abend vergewaltigt und erstickt. Zwei Tage später fand die Polizei die Leiche des Jungen, am 1. März fasste sie K. nach einem missglückten Selbstmordversuch.

Sex und Alkohol - nach den Aussagen seiner ehemaligen Lebensgefährtin waren dies die zwei Konstanten im Leben des Angeklagten. Er habe immer Bier getrunken, manchmal auch zuviel, erzählt die 28-Jährige dem Gericht. Zwei Mal Sex hätten sie täglich gehabt, zwei Jahre lang. Bis zur Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Ab dem Zeitpunkt sei die Beziehung nach und nach in die Brüche gegangen, erinnert sie sich. K. habe das Kind nicht als seine Tochter akzeptiert. Von seinen Vorstrafen habe sie nichts gewusst.

Als Richter Jagenlauf das Strafregister vorliest, ergibt sich ein fortlaufendes Verhaltensmuster des Angeklagten: Alkohol, sexuelle Erregtheit, Missbrauch von Kindern. Fünf Mal wurde er deswegen verurteilt, das erste Mal 1981, das letzte Mal 1998. Mal suchte er sich die Kinder in der Nähe eines Freibades in Bitterfeld aus, wo er als Maschinenführer im Chemiekombinat gearbeitet hatte, mal einfach irgendwo in der Stadt. Jedes Mal erklärte das Gericht im Urteil: K. sei zwar sexuell fehlgeleitet, aber voll zurechnungsfähig und sich über die Strafbarkeit seines Handelns bewusst.

Die ersten Jahre mit Uwe K. seien gut gewesen. Er habe gut reden können, erzählt seine Ex-Partnerin. Dass er regelmäßig zum Arzt müsse, habe er ihr damit erklärt, dass er als Kind selbst missbraucht worden sei. Kein Wort über den Rest seiner Vergangenheit, auch nicht darüber, dass er per richterlicher Verfügung sich von Spielplätzen und Schulen fernzuhalten habe. Kennengelernt, so berichtet die junge Frau, habe sie ihn 2001 - bei einer gemeinsamen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Schulzoo.

jdl/ddp

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