Mordfall Plochingen Tödliche Mutterliebe
Absperrung vor dem Haus der Familie W.: Warum tötete die Mutter den Vater?
Foto: Oskar Eyb/ dpaEs ist ein aufmunterndes Augenzwinkern, das die Mutter ihrer angeklagten Tochter schickt, als diese in Handschellen von einer Justizbeamtin an ihren Platz im Schwurgerichtssaal 6 geführt wird. Sabine W., die Tochter, lächelt zurück. Sie ist wegen Mordes an ihrem Ehemann, dem Vater ihrer fünf Kinder, angeklagt.
Warum hat Sabine W. an jenem 23. Januar aus dem Keller eine Pistole geholt und dreimal auf ihren Mann geschossen, ihren Kindern Tamara, Tobias, Tim, Tom und Thilo den Vater und gleichzeitig die Mutter genommen? Sie sagt, sie habe aus Notwehr gehandelt, sie habe ihre Kinder vor dem gewalttätigen Vater schützen wollen. Sie selbst hatte kurz nach der Tat die Polizei alarmiert und ein Geständnis abgelegt.
Drei Tage später stellte sie sich den Fragen des psychiatrischen Sachverständigen, Peter Winkler. An diesem Dienstag spricht er vor dem Landgericht Stuttgart rückblickend von einer "ungewöhnlich problemlosen Exploration". Sabine W., 41 Jahre, schütteres Haar und Brille, sei absolut kooperativ und zugänglich gewesen. Auf die erste Frage, wie es ihr gehe, habe sie geantwortet, es gehe ihr schlecht, sie vermisse ihre fünf Kinder.
Eine Antwort, die mehr ist als eine Gefühlsbekundung und Ausdruck mütterlicher Sehnsucht. Sabine W. hat offenbar nur für ihre Kinder gelebt, durch sie hat sie die Bestätigung erfahren, die ihr sonst als Hausfrau verwehrt blieb. "Außer den Kindern hat es für sie rechts und links nichts gegeben", formuliert es Winkler.
Ihr Mann Thomas lebte hingegen im Familienverbund wie ein Eremit, abgeschieden vom Trubel der siebenköpfigen Sippe. Er schlief allein in der Einliegerwohnung des großen Hauses in Plochingen, einem Vorort Stuttgarts. Er nahm seine Mahlzeiten allein ein. Er gestaltete seine Freizeit allein. Und nur er fand Gefallen an fragwürdigen Kosenamen für seine Kinder: Tamara war "Moppel", weil er sie bei einer Körpergröße von 1,68 Meter und 60 Kilo zu mopsig fand. Tobias nannte er "Bebbi", weil er oft klebrige Hände hatte. Tom rief er "Motzki".
Sabine W. hinderte ihn an nichts, bat ihn nicht um Hilfe im Haushalt oder bei der Erziehung und Betreuung der Kinder. Wenn sie es tat, verweigerte er sich.
Sein Beitrag habe darin bestanden, die Kinder mit Computerspielen zu überschütten, jedes hatte seinen eigenen PC. Der Vater schien am glücklichsten, wenn alle vor ihren Bildschirmen saßen. Hauptsache, kein Radau.
Ihren Ehemann Thomas, ein Diplom-Ingenieur mit einem Abitur von 1,8, skizzierte W. im Gespräch mit dem Gutachter als zunehmend rechthaberisch, egoistisch und stur, eine andere Meinung außer seiner eigenen habe er nicht geduldet.
Geschah die Tat im Affekt?
Umso erschütternder war es für Sabine W., auf Chat-Protokolle zu stoßen, die eine Liebesbeziehung zwischen ihrem Ehemann und einer Unbekannten dokumentierten. In den Dialogen gerierte sich Thomas W. auf einmal liebevoll, einfühlsam, tolerant. So hatte ihn seine Familie seit Jahren nicht erlebt. Er beendete das Verhältnis, es war ein Geschenk für seine Frau zum 40. Geburtstag.
In den Monaten vor der Tat spitzte sich die prekäre Familiensituation zu, wie Sabine W. dem Gutachter schilderte. Wenn sie sich ihrem Ehemann zuwandte, riefen die Kinder nach Zuneigung, widmete sie sich ihnen, beschwerte sich der Ehemann. Sie habe ständig zwischen den beiden Polen ausgleichen müssen. Letztendlich entschied Sabine W. sich für die Kinder.
Ihr Schwiegervater sagt: "Sie war wie eine Glucke, die die Kinder nicht hergab, auch nicht zu uns Großeltern." Eine Bekannte gab zu Protokoll: "Die Kinder hatten die Macht." Die Ehe sei problematisch gewesen, sagt Winkler. Sabine und Thomas W. lebten ein sehr traditionelle Rollenkonzept, er der Ernährer und zuständig für wirtschaftliche Belange der Großfamilie, sie Mutter und Hausfrau.
Als der Psychiater Sabine W. bei der zweiten Begutachtung nach drei Wünschen fragt, sagt sie, ihr größter Wunsch sei es, wieder mit ihren Kindern zusammen zu sein. Erst als Zweites wünscht sie sich, dass die Tat nicht passiert wäre. Einen dritten Wunsch hat sie nicht.
Winkler schildert den Tatablauf en détail, so wie Sabine W. ihn ihm gegenüber zu Protokoll gegeben hat. Die 41-Jährige verbirgt dabei ihr Gesicht hinter den gefalteten Händen, senkt den Kopf. Die Schilderungen decken sich exakt mit ihrer Einlassung zum Prozessauftakt.
Ob Sabine W. in Notwehr handelte, könne er aus forensisch-psychiatrischer Sicht nicht bewerten, sagt der Sachverständige. Aber ob sie im Affekt agierte, durchaus. Eine Affekttat basiere auf einem hochimpulsiven Tatablauf. Je mehr Zeit zwischen beispielsweise einer tiefen Kränkung des Täters und der Tat liege, desto unwahrscheinlicher sei es, dass die Tat im Affekt geschehen sei.
An jenem Sonntagmorgen im Januar liegt die Tatwaffe eben nicht in Reichweite, als die Situation im Wohnzimmer eskaliert. Im Gegenteil: Sabine W. geht in den Keller zum Waffenschrank, öffnet den Tresor, greift nach einer Springfield Kaliber 45, holt das Magazin raus, munitioniert es, läuft wieder nach oben.
Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrt, drückt sie nicht sofort ab, sondern beobachtet ihren Ehemann, brüllt ihn an, wartet (so sagt sie selbst) auf ein Zeichen der Einsicht wie in vorangegangenen Streits. Dann schießt sie dreimal. Zu diesem Zeitpunkt habe keine hochgradige Impulsivität mehr vorgelegen, urteilt Winkler.
Auch ihre Aussage, sie hätte nicht geschossen, wenn dies und das vorher passiert wäre, untermauere diese Einschätzung. "Für Wenn-Dann-Überlegungen sind Affekttäter nicht in der Lage." War also die Spannung bereits abgeklungen?
Thomas W., 47 Jahre alt, schwer herzkrank, hatte sich just in den Minuten vor der Tat den Blutdruck gemessen. Ein Umstand, dem Winkler große Bedeutung schenkt.
Sabine W. ist gesund - und voll schuldfähig
Er habe weit mehr als 1000 Gutachten erstellt, sagt Psychiater Winkler am Dienstag vor Gericht. Doch dieser Fall sei mehr als ungewöhnlich, noch immer bereite er ihm Kopfzerbrechen, was die Frau dazu bewogen habe, den Ehemann zu erschießen. Die "klassischen Motive" würden wegfallen. Sabine W. sei nicht eifersüchtig gewesen, sie war fest davon überzeugt, dass das Verhältnis mit der Chat-Freundin beendet war.
Psychisch krank sei Sabine W. definitiv nicht. Keine Störung der Realitätskontrolle, keine schizophrene Psychose, keine Persönlichkeitsstörung, keine manisch-depressive Erkrankung oder Zwangsstörung - nichts. Die 41-Jährige sei vollkommen schuldfähig und gesund. Aber: "Frau W. ist alles andere als eine Profikillerin."
Sabine W. selbst hatte vor Gericht gesagt, sie sei mit der Situation und der permanenten Angst vor den Launen ihres Mannes überfordert gewesen. Aufgrund ihrer Überreiztheit gelang es ihr nicht, das jüngste Kind zum Einschlafen zu bringen. Mehrmals musste deshalb die Hebamme vorbeikommen.
Richterin Regina Rieker-Müller will wissen, ob Sabine W. überfordert war, womöglich an einem Burnout-Syndrom litt. Dass es eine Belastung gegeben habe, daran gebe es keine Zweifel, sagt Winkler. Selbst eine Überlastung halte er für eine fünffache Mutter, allein gelassen vom Ehemann, für möglich. Doch ein vegetatives Überlastungssyndrom liege nicht vor. "Bei aller Belastung kam sie ihrer Verantwortung nach, hat sich nicht hängen lassen."
"Ich vermisse die Kinder so sehr, wir waren immer eine so eingeschworene Gemeinschaft", sagte Sabine W. während der Exploration. Wenn ihre Ehe so freudlos und belastend war, warum trennte sie sich nicht von ihrem Ehemann? Nach 20 Jahren Beziehung, 17 Jahren Ehe und fünf gemeinsamen Kindern habe sie ihn nicht verlassen und mit den Kindern allein dastehen wollen, sagte sie. Den Tod ihres Mannes habe sie nicht gewollt. "Ich wollte immer eine ganz arg glückliche Familie."