O.J. Simpson: Die Schmierenkomödie wird ernst - DER SPIEGEL
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O.J. Simpson Die Schmierenkomödie wird ernst

Ex-Footballstar O.J. Simpson soll an einem Raubüberfall in Las Vegas beteiligt gewesen sein. Die Geschichte trieft vor Ironie: Wenn er Pech hat, könnte er lebenslang hinter Gittern landen - zwölf Jahre nach seinem bis heute umstrittenen Freispruch wegen Doppelmordes.
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New York - Das Palace Station ist nicht gerade das feinste Hotel-Casino in Las Vegas. Abseits des "Strips", der glitzernden Spielermeile, lockt es mit Ramsch und Kitsch statt teurer Eleganz. Zimmer gibt's ab 39 Dollar, der Bargeld-Schnelldienst Western Union gewährt Zocker-Rabatt, und das Steak-Restaurant "Broiler" garantiert einem "Lunch in zwölf Minuten".

Nicht viel länger dauerte auch der Vorfall, der sich am vorigen Donnerstag hier an der West Sahara Avenue abspielte - und der in den USA inzwischen zum jüngsten Medienspektakel um einen Prominenten in den Fängen Justitias geworden ist. Hauptdarsteller der jetzigen Schmierenkomödie: O.J. Simpson, der abgehalfterte Ex-Footballstar, der seit seinem Freispruch vom Doppelmord 1995 ein Dauergast in der Boulevardpresse ist.

Die Ironie der Geschichte, die ein brandneues Kapitel im obszönen Personenkult um Simpson aufschlägt: Nach all den Jahren, die er dem Gesetz immer wieder entwischte, hat es ihn jetzt womöglich erwischt. Denn Simpson könnte diesmal nun doch noch für den Rest seines Lebens hinter Gitter wandern - nur aus einem ganz anderen Grund.

Was genau geschah, das wird jetzt erst mal ein Gericht klären müssen. Fest steht: Auf einem der tristen Billig-Zimmer des Palace Station kam es zur lautstarken Konfrontation zwischen zwei Hotelgästen und sechs weiteren Männern. Bei den Gästen handelte es sich um Alfred Beardley und Bruce Fromong, zwei halbseidene "Andenkenhändler" und alte Geschäftsbekannte Simpsons.

Die waren der Hoffnung, sich diverser Simpson-Memorabilia entledigen zu können, nach denen der Schwarzmarkt bis heute giert. Etwa jener taubendreckfarbene Anzug, den Simpson 1995 im Gerichtssaal trug, als ihn die Geschworenen vom Mord an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und dem Kellner Ron Goldman freisprachen.

Besagte Konfrontation wäre eigentlich nicht weiter der Rede wert gewesen - Zoff unter zwielichtigen Gestalten, typisch Las Vegas. Doch einer der anderen Männer, die plötzlich in dem Hotelzimmer aufkreuzten, war niemand anderer als O.J. Simpson selbst - und er machte seinem Ruf als Choleriker alle Ehre. Brüllend forderte er seine Sachen zurück.

"Du Wichser", dröhnt seine Stimme auf einem Tonband, das einer seiner Kumpane heimlich mitlaufen ließ. "Denkst du etwa, du kannst meinen Scheiß klauen und verkaufen?" Jemand zückte eine Schusswaffe. Kurz darauf zog Simpsons Trüppchen triumphierend ab - samt mehrerer Kartons mit zurückeroberten Habseligkeiten. Obschon zumindest der Anzug von 1995 dem beleibteren Simpson heute kaum mehr passen dürfte.

Simpson braucht ein neues "Dream Team"

Ein klassisches Beispiel für den neckischen Werbeslogan der Glücksspielmetropole: "What happens in Vegas, stays in Vegas." Doch leider sieht die Polizei darin ein anderes Exempel: Die Episode erfülle den Tatbestand des "Raubüberfalls mit einer tödlichen Waffe". Und da verstehen sie in Vegas keinen Spaß. Weshalb Simpson, 60, am Sonntag kurzerhand verhaftet wurde, während sich seine aktuelle Gespielin ahnungslos am Hotelpool aalte. Vor Dutzenden TV-Kameras führten ihn die Cops in Handschellen ab. Morgen wird er dem Haftrichter gegenübertreten - und der muss über sein weiteres Schicksal bestimmen.

Das könnte düster aussehen. Simpson dürfte ein neues "Dream Team" brauchen, wie er die hoch bezahlte Verteidigerarmee nannte, die ihn damals noch vor dem Gefängnis rettete. Denn Simpson wurde in sechs Tatbeständen angeklagt: Raubüberfall mit einer tödlichen Waffe (zweimal), Angriff mit einer tödlichen Waffe (zweimal), Verschwörung zum Einbruch, Einbruch mit einer Schusswaffe.

Ob er die Waffe selbst gezückt hat, ist dabei juristisch nebensächlich: Nach dem Gesetz haftet jeder Beteiligte an einem bewaffneten Raubüberfall gleichermaßen. Im Falle eines Schuldspruchs drohen ihm also - da die Strafmaße einzeln addiert werden - bis zu 106 Jahre Gefängnis. "Endlos dankbar" erklärte sich Kim Goldman, Ron Goldmans Schwester, die seit 13 Jahren versucht, Simpson hinter Gitter zu bekommen.

"Cirque de O.J."

Simpson habe "Ware" im Wert von 75.000 Dollar gestohlen, behauptet Fromong. So etwa "sechs oder sieben" Footballs, Baseballs, Sporttrophäen und, ohne weitere Erläuterung, ein Foto des früheren FBI-Direktors J. Edgar Hoover - Staubfänger, die erst durch Simpsons Vergangenheit makaberen Sammlerwert erhalten haben. Als Zugabe hätten die Männer auch noch Beardsleys Handy mitgenommen. Die meisten der Gegenstände sowie zwei Waffen wurden inzwischen im Besitz von zwei der Beteiligten sichergestellt, die der Polizei ins Netz gingen, der letzte erst gestern Abend.

Das Ganze verlief stilgerecht wie eine billige Räuberpistole. Die gealterte Komparserie habe gedroht, Beardsley und Fromong wären "tot, wären sie in Los Angeles", verkündete Captain James Dillon, der übernächtigte Leiter der Raub- und Mordabteilung des Las Vegas Metropolitan Police Departments (LVMP), auf einer Pressekonferenz, die live von allen TV-Nachrichtensendern übertragen wurde.

Sonst sagte Dillon nicht viel, außer: "Das Las Vegas Metropolitan Police Department ist sehr bemüht, gründliche und voreingenommene und kompetente Ermittlungen anzustellen." Später kam er noch mal zurück, um sich zu korrigieren: "unvoreingenommen!" Doch da war der Fauxpas längst im Äther.

Die Medienmeute hatte sich ohnehin auf Las Vegas eingeschossen: Hier hatte Britney Spears, einer der anderen Tabloid-Darlings, ja gerade erst ihren karrierekillenden Auftritt bei den "MTV Video Music Awards" hingelegt. Die Lokalzeitung "Las Vegas Sun" taufte den Zirkus im Simpson "Cirque de O.J.", in Anspielung auf einen von Las Vegas' tollsten Touristenrenner, den Cirque de Soleil und dessen Show "O".

33,5 Millionen Dollar schuldig

Simpson streitet jede Schuld ab. Zwar gibt er zu, bei der unleidigen Zusammenkunft im Palace Station dabei gewesen zu sein. Doch hätten die inkriminierten Gegenstände rechtlich ihm gehört, er habe sie sich nur zurückgeholt. "Ich habe nichts geklaut", sagte er anschließend in mehreren, schlecht beratenen TV-Interviews, über die sich die Staatsanwaltschaft jetzt mächtig freuen dürfte.

Der Treppenwitz dahinter ist unübersehbar. Nur zwei Tage, nachdem sein kontroverses Buch "If I Did It" - in dem er die Morde an Brown Simpson und Goldman beschreibt, als sei er der Täter gewesen - in den Handel gekommen war, wurde Simpson verhaftet. Die Veröffentlichung des Werkes hatte die alten Wunden der Morde von 1994 neu aufgerissen.

Der Fall Simpson war die Mutter der modernen Medienhysterie - der "Fall des Jahrhunderts", wie es damals hieß. Nicole Brown Simpson und Ron Goldman waren 1994 brutal ermordet worden. Simpson wurde ein Jahr später in einem Sensationsprozess freigesprochen, trotz überwältigender Indizien. Das Urteil löste Aufruhr aus: Viele Schwarze bejubelten es als Sieg, viele Weiße hielten es für eine Travestie. In einem späteren Zivilverfahren wurde Simpson jedoch 1997 für "haftbar" erklärt und zur Zahlung von 33,5 Millionen Dollar an die Hinterbliebenen der beiden Opfer verurteilt - eine Summe, die er bis heute schuldig ist.

Häftlingsnummer 2648927

Das Buch "If I Did It" sollte eigentlich bei ReganBooks erscheinen, einer Verlagstochter von Rupert Murdochs Medienimperium News Corporation. Nach einem öffentlichen Sturm der Entrüstung aber stoppte Murdoch das Buch höchstpersönlich, feuerte die Verlegerin Judith Regan und löste ReganBooks auf. Ron Goldmans Familie sicherte sich daraufhin gerichtlich die Rechte an dem Buch. Sie veröffentlichten es mit dem Untertitel: "Geständnisse des Killers". Außerdem setzten sie das "If" so winzig, dass sich der Titel liest wie: "I Did It." Dies sei die einzige Möglichkeit für sie, an einen Teil der Millionen heranzukommen, die Simpson ihnen schulde.

Simpson, der heute von einer gerichtlich unantastbaren Millionenrente der Football-Liga NFL in Miami lebt, hat sich seit 1995 immer wieder in Erinnerung gebracht - meist unter fragwürdigen Umständen. Schlägereien mit Nachbarn, Raserei im Schnellboot, Bedrohung von Autofahrern, Misshandlung seiner Kinder, illegales Anzapfen eines TV-Satellitensignals: Immer wieder sorgte Simpson für Schlagzeilen, als könne er ohne sie nicht leben.

Wer sagt denn, dass das Leben keinen Sinn für Galgenhumor hat: Zur selben Zeit also, da Ron Goldmans Vater Fred und Rons Schwester Kim sowie Nicole Brown Simpsons Schwester Denise wegen des Buches erneut durch alle TV-Talkshows tingelten, nahm in Las Vegas die Andenken-Posse ihren Lauf.

Der Vorsitzende Richter Douglas Smith verweigerte Simpson inzwischen eine Freilassung auf Kaution. "Er war eine Bedrohung der Gesellschaft und ein Fluchtrisiko", sagte Smith, der sich dazu eigens ins CNN-Studio bemühte. Simpson wurde ins Clark County Detention Center verbracht, wo er die Häftlingsnummer 2648927 bekam. Auf dem Polizeifoto grinst er.