Prozessauftakt in Berlin Mutmaßlicher Doppelmörder pöbelt herum
Tatort Berlin-Wedding, August 2011: "Rache, Hass, Eifersucht und Verärgerung"
Foto: Maurizio Gambarini/ dpaBerlin - Immer wieder ruft der schmächtige Mann in seiner Box aus Panzerglas dazwischen, springt auf oder fuchtelt herum. Der mutmaßliche Doppelmörder Mehmet Y. vermittelt am Montag zum Auftakt seines Prozesses in Berlin nicht gerade einen nachdenklichen Eindruck. Mit verschränkten Armen baut sich der bärtige Türke im Saal 700 des Landgerichts in dem Glaskasten auf, als die Anklage verlesen wird. "Ich will in meine Zelle", protestiert der Mann im grauen Hemd. Auch von seinem Anwalt fühlt sich der Angeklagte nicht richtig verteidigt, er will einen neuen Verteidiger.
Der 25-Jährige muss sich seit Montag wegen zweifachen Mordes und drei Mordversuchen vor Gericht verantworten. Er soll im August vergangenen Jahres seine frühere Schwiegermutter und seine frühere Schwägerin erschossen haben. Aus "Rache, Hass, Eifersucht und Verärgerung wegen des Verlusts des Aufenthaltsstatus" hatte er laut Anklage auf ein Auto geschossen, in dem sich seine Ex-Frau, deren Eltern und zwei ihrer Geschwister befanden.
Das blutige Familiendrama hatte Berlin erschüttert. Mehmet Y. hatte der Familie am Morgen des Tattags im Stadtteil Wedding aufgelauert und "mindestens zwölf Mal" auf den Wagen geschossen, wie es in der Anklage hieß. Dabei habe er zwei Frauen tödlich getroffen: Die 45-jährige Mutter starb sofort, die 22-jährige Schwester später im Krankenhaus. Y.s früherer Schwager wurde lebensgefährlich verletzt und konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Der Ex-Schwiegervater und die frühere Ehefrau blieben unverletzt, erlitten jedoch einen schweren Schock. Dem Todesschützen gelang zunächst die Flucht. Wenige Tage später wurde er jedoch in einem leerstehenden Berliner Krankenhaus aufgespürt und festgenommen.
Mehmet Y. fordert neuen Pflichtverteidiger
Eigentlich habe der Türke seine Frau töten wollen, die sich von ihm hatte scheiden lassen, heißt es in der Anklage. Doch die junge Frau hatte Glück und blieb unverletzt. Mehmet Y. hatte nach der Scheidung die Abschiebung gedroht. Der Aushilfskellner machte die Familie der Frau dafür verantwortlich. Die Ex-Frau habe noch heute Angst und hoffe auf eine lebenslange Haftstrafe für ihren früheren Mann, sagt ihr Anwalt Nurali Turan.
Zu Prozessbeginn wiederholte Mehmet Y. mündlich seine Forderung nach einem neuen Pflichtverteidiger. Einen entsprechenden Antrag hatte er zuvor bereits dreimal vergeblich schriftlich eingereicht. Als der Richter die Forderung am Montag erneut abwies, protestierte Y., stand auf und wollte den Gerichtssaal verlassen. Erst nach mehrmaliger Aufforderung von Seiten des Richters, sich zu setzen, konnte die Staatsanwältin die Anklage verlesen. "Sie müssen zuhören", ermahnte Richter Olaf Arnoldi den Angeklagten. Zu den Vorwürfen sagte Y. zunächst nichts.
Mehmet Y. wird auch Körperverletzung vorgeworfen. Während der Untersuchungshaft versetzte Y. seinem schlafenden Mitgefangenen laut Anklage "sieben bis acht wuchtige Schläge gegen den Kopf", so dass dieser notärztlich behandelt werden musste. Der Mitgefangene habe hierfür keinen Anlass gegeben.
Im Gerichtssaal waren der Vater der Ex-Frau sowie ihr Bruder als Nebenkläger anwesend. "Uns sitzt ein Monster gegenüber", sagte der 51-Jährige Vater Adem C. vor dem Saal und forderte eine "gerechte Strafe" für den Angeklagten. Die Tragödie sei vermeidbar gewesen, so C.: Er habe der Polizei vor dem Anschlag von Drohungen des Mannes gegen die Familie berichtet.