Verbrechensbekämpfung: Die Spuren der Mörder - DER SPIEGEL
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Fünffachmörder: Der Fall Hans-Jürgen S.

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Verbrechensbekämpfung Die Spuren der Mörder

Hans-Jürgen S. wurde wegen fünf Morden verurteilt, mehr als 27 Jahre nach seiner letzten Tat. DNA-Analysen ermöglichen es den Ermittlern immer häufiger, jahrzehntealte Fälle aufzuklären. Rekonstruktion einer erfolgreichen Verbrecherjagd.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war Probe Nummer 88, die Hans-Jürgen S. zum Verhängnis wurde, dabei war sie nicht einmal von ihm. Ein kleines, durchsichtiges Plastikröhrchen mit einem Wattestäbchen darin, ein bisschen Speichel seines Bruders - das brachte die Polizei auf die Spur des fünffachen Frauenmörders aus Henstedt-Ulzburg. 42 Jahre nach seiner ersten Tat, 27 Jahre nach der letzten.

"Ein Zufallsfund", sagt Stefan Winkler, 51, Chef der Kieler Mordkommission. Und das ist gar nicht abwertend gemeint.

"Ein toller Erfolg", sagt Nicole von Wurmb-Schwark, 42, Leiterin der DNA-Abteilung der Kieler Rechtsmedizin.

Die beiden sitzen in einem spartanisch eingerichteten Zimmer im Erdgeschoss des Instituts für Rechtsmedizin in Kiel. Vor ihnen: zwei Tassen Kaffee, Notizen, Aktenvermerke - stumme Zeugen des vielleicht größten Erfolgs ihrer Laufbahn. Mit ihren Teams haben Winkler und Wurmb-Schwark gemeinsam den Fall Hans-Jürgen S. aufgeklärt.

In München überführten die Ermittler nach 25 Jahren den Mörder der Studentin Kornelia S., ihr Tod war zunächst als Unfall eingestuft worden. In Bremen fand die Polizei nach 40 Jahren den Mörder von Carmen Kampa, sie war 1971 nahe einem Bahndamm vergewaltigt und getötet worden. Der Täter ist inzwischen gestorben. In Hagen kamen die Ermittler nach 32 Jahren einem Mann auf die Spur, der 1979 eine 18-Jährige erwürgt hatte. Er sitzt bereits wegen eines anderen Tötungsdeliktes im Gefängnis.

All diese Morde wurden dank neuester wissenschaftlicher Methoden aufgeklärt. Früher habe man noch einen Milliliter Blut für einen DNA-Test gebraucht, sagt Wurmb-Schwark. "Heute reichen dafür schon zwei Zellen oder ein Haar."

Für die Täter bedeutet das: Selbst bei kleinsten Hautberührungen hinterlassen sie Spuren, die für eine DNA-Analyse genügen. Für die Ermittler bedeutet das: Sie können heute Spuren entdecken, die für ihre Kollegen vor Jahren noch unsichtbar waren.

1998 wurde die DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt eingerichtet. Seitdem, so heißt es in einer Statistik der Behörde, konnte in rund 100.000 Fällen eine Tatortspur auch dem Täter zugeordnet werden. Meist handelte es sich um Diebstähle, Raub, Erpressung, Sexualstraftaten. Die Methoden im Bereich der DNA-Analytik seien in den letzten Jahren wesentlich verfeinert worden, teilt eine Sprecherin mit. "Auf dieser Basis können Ergebnisse erzielt werden, die vor Jahren noch unvorstellbar waren."

Alte Asservate werden noch einmal untersucht

Hans-Jürgen S. hinterlässt bei seinem letzten Mord gleich mehrere kleine Spuren. In der Nacht auf den 4. Februar 1984 nimmt er die 18-jährige Gabriele S. per Anhalter mit. Sie will in die Disco "Zur Kutsche" nach Alveslohe, aber dort kommt sie nie an. S. vergewaltigt die junge Frau und erdrosselt sie anschließend mit ihrem Schal. Die Leiche legt er in einem Waldstück ab.

Die Polizei bittet die Öffentlichkeit um Hilfe, kommt dem Täter aber nicht auf die Schliche. "Die Beamten haben damals sicher nicht schlechter gearbeitet als wir heute", sagt Winkler, "aber sie hatten nicht die gleichen Möglichkeiten."

Cold Case - so werden unaufgeklärte Altfälle genannt. Auch der Tod von Gabriele S. wird zu einem Cold Case. Doch Mord verjährt nicht, daher prüft die Polizei diese Verbrechen immer mal wieder auf neue Ansätze oder Hinweise.

2007 nehmen zwei Mitglieder der Kieler Mordkommission einen neuen Anlauf - nebenbei, denn aktuelle Fälle haben Vorrang. Sie geben die alten Asservate - darunter Kleidungsstücke des Opfers - noch einmal zur Untersuchung ans Landeskriminalamt. Und dieses Mal werden die Spezialisten im Labor fündig: An drei verschiedenen Stellen entdecken sie eine DNA-Spur, die als tatrelevant eingeschätzt wird. Ein Abgleich mit der DNA-Datenbank ergibt keinen Treffer.

Ab dem Herbst 2010 bitten die Kieler Ermittler daher 150 Männer, die schon 1984 bei den Ermittlungen bekannt wurden, um freiwillige Speicheltests. Dabei handelt es sich nicht nur um Verdächtige, sondern auch um Zeugen: Disco-Besucher zum Beispiel oder Männer aus der Nachbarschaft von Gabriele S. Jetzt widmen sich vier Beamte dem Fall.

Die Auswertung der Proben übernimmt das Kieler Institut für Rechtsmedizin. Die ersten 85 Abstriche sind negativ. Dann kommt im Frühjahr ein zweiter Schwung Proben herein - und eine davon macht Wurmb-Schwark neugierig: Nummer 88.

Die DNA stimmt nicht mit der des Täters überein, aber sie ist ihr sehr ähnlich. Das muss nichts heißen, denn Ähnlichkeiten gibt es auch bei Personen, die nicht miteinander verwandt sind.

Wurmb-Schwark analysiert die Ergebnisse genauer, stellt Hypothesen über mögliche Verwandschaftsverhältnisse auf und überprüft diese mit biostatistischen Berechnungen. Nach zwei Tagen "mit viel Kaffee" kommt sie zu dem Schluss, dass die Tatortspur mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent von einem Bruder des Getesteten stammt.

Eine Speichelprobe gibt er freiwillig ab

Die Polizei findet schnell heraus, dass Probengeber 88 tatsächlich einen Bruder hat: Hans-Jürgen S. "Da hatten wir eine neue Ermittlungsrichtung", erinnert sich Winkler.

Die nächsten Wochen dienen der Vorbereitung des entscheidenden Zugriffs. Im April klingeln die Ermittler frühmorgens bei Hans-Jürgen S. in Henstedt-Ulzburg. Sie klären ihn darüber auf, dass er im Mordfall Gabriele S. als tatverdächtig gilt, durchsuchen seine Wohnung, nehmen eine Speichelprobe, er gibt sie bereitwillig ab.

Dann muss es schnell gehen. Die Polizisten ziehen ab, einen Haftbefehl haben sie noch nicht, S. bleibt allein zurück, das Haus wird aber sicherheitshalber observiert. Ein Beamter bringt die Speichelprobe anonymisiert als "HS56" in die Rechtsmedizin nach Kiel. Dort ist alles vorbereitet: Drei Mitarbeiter arbeiten gleichzeitig an der Probe, das Ergebnis soll so schnell wie möglich vorliegen. Die Polizei wartet gespannt, gegen halb sieben Uhr Abends kommt der ersehnte Anruf: Treffer, er ist es.

Hans-Jürgen S. wird festgenommen, noch auf der Fahrt zum Revier gesteht er die Tat.

Stefan Winkler ist seit 32 Jahren bei der Polizei, seit zehn Jahren leitet er die Mordkommission. Selbst für ihn ist der Fall außergewöhnlich. Von den neuen Möglichkeiten der DNA-Analyse sei man begeistert. "Das ist eine "bahnbrechende Entwicklung und ein wunderbares Hilfsmittel, das der Polizeiarbeit neue Impulse verschafft".

Das scheint fast noch untertrieben: Wenn die LKA-Spezialisten die Spuren auf der Kleidung von Gabriele S. nicht gefunden hätten, wäre der Fall gar nicht neu aufgerollt worden. Und hätte die Kieler Rechtsmedizin die Ähnlichkeit von Probe 88 nicht bemerkt, würde die Polizei wahrscheinlich noch heute nach dem Täter suchen.

"Es war eine tolle Gemeinschaftsarbeit", sagt Winkler.

"So ein Erfolg ist sehr motivierend", sagt Wurmb-Schwark.

In U-Haft gesteht Hans-Jürgen S. vier weitere Morde, die noch länger zurückliegen. Im Februar wurde der 65-Jährige vom Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt.

In Kiel haben die Ermittler im vergangenen Jahr noch zwei andere Altfälle dank neuer DNA-Erkenntnisse gelöst. Dabei mussten sie erfahren, dass die Geschichten nicht immer so befriedigend enden wie im Fall Hans-Jürgen S. Zwar lassen sich die Fälle auflösen, allerdings sorgt die Gewissheit nicht immer auch für Gerechtigkeit. In einem Fall war der Täter bereits gestorben.

In dem anderen wurde 32 Jahre nach der Tötung einer Prostituierten ein Mann aufgrund einer DNA-Analyse verhaftet und wegen Mordes angeklagt. Das Kieler Landgericht wollte allerdings kein Hauptverfahren eröffnen. Dem Verdächtigen könne kein Mord nachgewiesen werden, so die Begründung. Alle anderen infrage kommenden Straftaten - unter anderem Totschlag - seien bereits verjährt. Der Verdächtige musste freigelassen werden.

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