Katastrophen-Seelsorge: Die Gefühle kochen hoch - DER SPIEGEL
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Katastrophen-Seelsorge Die Gefühle kochen hoch

Das Wasser steigt, die Verzweiflung wächst. Seelsorger und freiwillige Helfer haben mit Vorwürfen und Futterneid zu kämpfen.
Von Rüdiger Strauch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eilenburg - Die Gegensätze könnten größer kaum sein. In voller Montur und mit martialischem Gebaren tritt der Polizeitrupp den Rückzug von der Eilenburger Hochwasserfront an. Schichtwechsel. Vorbei an einem Straßenposten, der sogar sein Gewehr geschultert hat, marschieren die Polizisten am Fuße der Bergkirche Sankt Marien vorbei. Aus dem Inneren dringt durch die geöffnete Tür der gedämpfte Gesang einer Hand voll Gläubiger.

Inmitten einer Stadt, über die nach den Fluten des Flusses Mulde nun das Treiben der Ordnungsmächte hereinbricht, strahlt das Gotteshaus wohltuende Friedlichkeit aus. Allerdings ist es auch bei den Besuchern der Andacht mit der Ruhe vorbei, nachdem Pfarrer Burkhard Behr den Segen gesprochen und um Gottes Kraft für die kommende schwere Zeit gebeten hat. Im Gemeindehaus wird konferiert.

Wie verhält sich eine Kirchengemeinde, wenn über die Hälfte aller Einwohner vorübergehend ihr Obdach verlieren, wenn sich Menschen Hals über Kopf und nur mit ein paar Habseligkeiten in Boote flüchten müssen? Für die Eilenburger Christen liegt die Antwort auf der Hand: mit anpacken, das Gespräch suchen, trösten und - vor allem - nicht verzagen. Denn irgendwie muss es ja weitergehen.

"Zurzeit kochen die Emotionen hier im Ort hoch", verrät Ralf Günther, der sich mit Burkhard Behr die Pastorenstelle teilt. Viele Menschen, sagt der Geistliche, hätten sich bitter beklagt über die Informationspolitik der Stadtverwaltung. In den ersten Schock angesichts der Wassermassen mischt sich in der Tat immer mehr die Wut auf die Verantwortlichen in Landratsamt und Rathaus. Seit am Dienstagmorgen gegen 6 Uhr die Evakuierung der Innenstadt angeordnet wurde, dringt kaum eine Wasserstandsmeldung nach außen.

Die Bürger fühlen sich deswegen für dumm verkauft. Mit Ferngläsern stehen sie auf dem Sorbenberg über dem Ortskern und bangen, ob ihre Häuser den Fluten auch noch in den nächsten Tagen Stand halten. Niemand klärt sie darüber auf, was Feuerwehr und THW dort unten tun, um weiteres Unglück abzuwenden. "Es wäre doch nicht zu viel verlangt, wenn sich mal jemand dazu herablässt, mit dem Megafon durch die Gegend zu fahren und uns zu informieren", schimpft ein Mann, der mit Frau und Kind bei Bekannten im einem Nachbarort Unterschlupf gefunden hat.

Versorgung der Obdachlosen

In solchen Situationen wollen die Frauen und Männer der evangelischen Kirchengemeinde vermittelnd eingreifen. Gemeinsam betreiben sie einen Telefondienst, den verunsicherte Katastrophenopfer gerne in Anspruch nehmen. Doch es geht nicht nur um Auskünfte, sondern auch um "emotionalen Beistand", wie eine Freiwillige versichert. Mehrmals am Tag klappert sie die Notunterkünfte ab, die in Schulen und Turnhallen eingerichtet wurden. "Wer da reingeht, kommt so schnell nicht mehr raus", berichtet die junge Mutter. Jeder wolle von seinem Schicksal erzählen. Deswegen schätzten viele auch die Unterbringung in großen Gruppen. "Der Austausch von schlimmen Erfahrungen ist ganz wichtig, um das Erlebte zu verarbeiten."

Lehrer, die in den Notunterkünften fieberhaft die Versorgung der Obdachlosen organisieren, bringen einfach nicht genug Zeit mit, psychologische Hilfe leisten zu können. Die Direktorin der Friedrich-Tschanter-Mittelschule, Regina Schneider, weiß selbst kaum, wo ihr der Kopf steht. Seit 36 Stunden hat sie kein Auge zugemacht. Und dann muss sie auch noch mit ansehen, wie unter den 300 Bewohnern der Notbehausung Futterneid ausbricht, weil der Essensnachschub ins Stocken gerät. Katastrophenzeiten verlangen den Helfern starke Nerven ab.

Wenn die Dunkelheit über Eilenburg hereinbricht und es in allen Haushalten wegen des Stromausfalls finster bleibt, soll die Kirche eine Zufluchtsstätte für Ruhesuchende werden. Bereits von Dienstag auf Mittag wurde in Sankt Marien eine Nachtwache abgehalten und immer wieder gebetet. Für Kinder, die seit der Flucht vor dem Hochwasser unter Ängsten leiden, bietet das Landratsamt Delitzsch demnächst professionelle Betreuung; vier Schulpsychologen aus Leipzig werden sich bald auf den Weg nach Eilenburg machen.

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