Katastrophengebiet Kampf gegen den Geruch des Todes
Washington/New Orleans - Im weithin überfluteten New Orleans wird die Seuchengefahr immer bedrohlicher. Bestialischer Verwesungsgeruch strömt aus vielen Häusern. Während die Evakuierung von New Orleans endlich vorankommt, haben die Einsatzkräfte mit der Bergung der Leichen begonnen.> Damit begebe man sich in die "Phase zwei", berichtete der US-Nachrichtensender CNN heute unter Berufung auf einen hochrangigen Militärangehörigen.
Beim Aufspüren der Leichen stoßen die Einsatzkräfte auf alptraumhafte Szenerien. Vielfach müssen sie Gebäude aufbrechen und finden darin ganze Familien tot vor, die sich aus Angst vor dem Hurrikan verbarrikadiert hatten. Was als Schutz gedacht war, wurde zur tödlichen Falle, in der sie elendig ertranken.
Für einige der Helfer wird das Grauen unerträglich. "Einige Feuerwehrleute und Polizisten sind ziemlich traumatisiert, und wir hatten bereits einige Selbstmorde", sagte Bürgermeister Ray Nagin dem Fernsehsender CNN. Die Einsatzkräfte seien durch das Ausmaß der Katastrophe und des anschließenden Chaos völlig überfordert worden.
New Orleans: Gespenstische Ruhe nach dem Sturm
Die US-Armee hatte gestern begonnen, Tausende von gestrandeten und Not leidenden Menschen mit Hubschraubern auszufliegen. Insgesamt wurden laut CNN rund 42.000 Überlebende in Nachbarstaaten wie Texas und Arkansas in Sicherheit gebracht. In Houston trafen die Flüchtlinge auf eine nie da gewesene Welle der Solidarität. Tausende von Freiwilligen halfen in den Notquartieren, teilten Nahrung, Wasser, Kleidung und Spielsachen aus.
Entgegen anders lautender Meldungen wurde die Notunterkunft im Convention Center, wo 30.000 Menschen tagelang auf ihre Rettung warteten, noch nicht komplett geräumt. Das andere große Auffanglager im Footballstadion Superdome konnte dagegen mittlerweile vollständig evakuiert werden. Laut Heimatschutzministerium erhielten bereits 100.000 Betroffene Hilfe. Mehrere zehntausend Menschen sollen sich aber immer noch in der verwüsteten Stadt aufhalten.
Die Einsatzkräfte kündigten Haus- zu-Haus-Durchsuchungen an, um die Menschen notfalls unter Zwang aus der Stadt zu bringen. Bürgermeister Nagin sagte dem Nachrichtensender CNN, dass sich nach der Evakuierung von 50.000 Menschen noch weitere 50.000 bis 60.000 Einwohner in den gefluteten Stadtteilen aufhalten könnten. Viele Bewohner - wie die im historischen "French Quarter" - weigerten sich, die Stadt zu verlassen, obwohl es nach Angaben der Armee bis zu drei Monate dauern kann, bis das Wasser aus der ganzen Stadt abgepumpt ist.
Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren inzwischen in New Orleans, wo an den Vortagen Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde an der Tagesordnung waren. Am Sonntag wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur ap mehrere Menschen von Sicherheitskräften getötet. Polizisten erschossen mehrere bewaffnete Männer, die Arbeiter einer Pioniereinheit der US-Armee angegriffen hatten. Die Arbeiter waren im Auftrag der Einheit auf dem Weg zu Reparaturarbeiten an einem Kanal der Stadt, wie ein Militärsprecher mitteilte. Der Vorfall ereignete sich auf der Danziger Brücke über einen Kanal, der den See Pontchartrain mit dem Mississippi verbindet.
Im Gewerbegebiet loderten am Sonntag weiterhin Brände. US-Präsident George W. Bush will nach heftiger Kritik an seinem Krisenmanagement das Katastrophengebiet morgen zum zweiten Mal besuchen.
"Leute starben, während die Nationalgarde Karten spielte"
Der stellvertretende Polizeichef von New Orleans, W.S. Riley, hat das Krisenmanagement der Bundesbehörden scharf angegriffen. In den ersten drei Tagen nach der Katastrophe seien in New Orleans Polizei, Feuerwehr und eine Handvoll freiwilliger Helfer bei der Rettung der Opfer völlig allein gelassen worden, sagte Riley der Nachrichtenagentur AFP: "Wir hatten damit gerechnet, dass Washington innerhalb der ersten 24 Stunden reagiert. Doch drei Tage lang blieben wir ohne jede Unterstützung." Erst nach zwei Tagen seien Truppen der Nationalgarde mit 40 Lastwagen in der überfluteten Stadt eingetroffen. "Sie fuhren mit ihren Trucks 'rein und legten sich erst einmal schlafen", berichtete Riley. Für weitere zwölf Stunden seien Polizei und Feuerwehr im Kampf gegen Fluten und wachsende Anarchie auf sich allein gestellt geblieben: "Leute starben, während die Nationalgarde da saß und Karten spielte", empörte sich Riley.
Schwarze als Opfer zweiter Klasse?
New Orleans war seit langem eine geteilte Stadt, doch der Auszug der Mittelschicht hatte sich in den letzten Jahren beschleunigt. Wer Geld hatte und weiß war, zog nach Norden über den Lake Pontchartrain. Während über ein Drittel der schwarzen Haushalte kein Auto besaß, betrug die Zahl unter den Weißen nur 15 Prozent. Während der Evakuierung machten sich die am schnellsten davon, die ein Fahrzeug besaßen - zurück blieben die Armen und überwiegend die Schwarzen.
Vor Beginn der breit angelegten Rettungsaktion hatten US- Kongressmitglieder beider Parteien die Reaktion der Bundesbehörden auf die Katastrophe kritisiert und eine Untersuchung angekündigt. Bush versprach, dass in Amerika kein Mitbürger in der Stunde größter Not im Stich gelassen werde. Die USA hätten den Charakter, die Ressourcen und die Entschlossenheit, um das Desaster zu überwinden. Zuvor hatte Bürgermeister Nagin die Regierung aufgefordert, "den Hintern zu bewegen".
Bereits in dieser Woche sollen die Ermittlungen beginnen, sagten die Senatoren Susan Collins (Republikaner) und Joseph Lieberman (Demokraten). "Wir fordern Antworten auf die Frage, wie es zu dem immensen Versagen gekommen ist", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.
Mehrere schwarze Kongressabgeordnete lasteten der US-Regierung außerdem mehr oder weniger deutlich an, dass die Schwarzen, die hauptsächlich von dem Unglück betroffen sind, wie Menschen zweiter Klasse behandelt würden. "Wir können es nicht zulassen, dass eines Tages gesagt wird: Der Unterschied zwischen jenen, die den Sturm überlebten und denen, die starben, lag in nichts anderem als in der Armut, im Alter oder der Hautfarbe", sagte der Parlamentarier Elijah Cummings.
USA nehmen Hilfe an
Die Behörden stehen eine Woche nach dem Hurrikan vor einer humanitären Katastrophe. Rund eine Million Einwohner in drei Bundesstaaten verloren ihr Zuhause. Die Gesamtschäden werden auf bis zu 100 Milliarden Dollar (80 Milliarden Euro) geschätzt. Etwa 345.000 Menschen wurden laut CNN bis Sonntag in Notunterkünften untergebracht, davon 50.000 in Louisiana. Mindestens 350.000 Häuser wurden nach Behördenangaben zerstört.
Nach der Ankündigung der USA, internationale Hilfe für die Katastrophenregion anzunehmen, sagten bis Sonntag rund 55 Staaten ihre Unterstützung zu. Auch Iran bot Hilfe an. Das Land bedauere zutiefst den Tod vieler Amerikaner durch den Hurrikan, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Teheran. Die Bundeswehr schickte einen weiteren Airbus mit Lebensmitteln für die Hurrikan-Opfer in die USA. Nachdem der US-Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA) schon am Vortag 10 Tonnen Feldverpflegungspakete übergeben worden waren, sei am Sonntagmittag eine weitere Maschine mit 15 Tonnen in Richtung Pensacola (Florida) gestartet, teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit.