EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE König Kunde
Es war an Christi Himmelfahrt, gegen drei Uhr morgens, als Edward Law auf einmal klar wurde, dass die Zeit gekommen war, ein Zeichen zu setzen. Law, 39, saß mit einem Freund im »Wild Side«, einer Nackttanz-Bar im Industriegebiet von West Palm Beach, das Bier schmeckte, die beiden amüsierten sich. Auf der Bühne bewegten sich die Tänzerinnen in Mini-Bikinis zum Takt der Musik, Maschinen bliesen Kunstnebel in die Gegend.
Das »Wild Side« sieht von außen aus wie eine Mischung aus Lagerhalle und Resterampe. Die Mädchen, die hier tanzen, heißen Jenna, Sidney, Nina oder Divine, es gibt keine Kleidervorschriften, das Bier kostet fünf, importiertes Heineken sechs Dollar. »Wenn ich das 'Wild Side' auf einer Skala von eins bis zehn bewerten sollte«, sagt Law, »dann würde ich ihm eine Sieben geben.«
Irgendwann verspürte Law den Wunsch, in ein Séparée zu wechseln. Drei Räume für private Vorführungen gibt es im »Wild Side«, die Regeln sind einfach: Ein Mädchen geht mit dem Gast hoch, tanzt eine halbe Stunde nur für ihn, nackt natürlich, Sex ist nicht erlaubt. Dazu kann man wählen zwischen der Sekt-Hausmarke und einem anständigen Tropfen - der Gast kann also selbst bestimmen, ob er VIP sein möchte oder lieber gleich Super-VIP. Im Prinzip jedenfalls.
Law fiel auf, dass die Séparées im »Wild Side« sämtlich nur über Stufen zu erreichen sind: mal sind es 2, mal 5, mal 15. Er zahlte, verließ den Laden und fuhr in sein Hotel. Am nächsten Tag rief er seinen Anwalt an.
Edward Law ist Tetraplegiker. Er ist von der Brust abwärts gelähmt, seit er sich am Labour Day vor 15 Jahren bei einem Tauchunfall den Hals brach. Seitdem sitzt er im Rollstuhl, ist angewiesen auf fremde Hilfe. Das Einzige, was er bewegen kann, sind zwei Finger an seiner linken Hand.
Auf dem College hatte er Baseball gespielt, so gut, dass er ernsthaft darüber nachdachte, Profi zu werden. Er hat seine Behinderung hingenommen wie ein Sportler, der gelernt hat, niemals aufzugeben. Andererseits hasst er es, um etwas betteln zu müssen, das ihm zusteht.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sich jemand vom Personal des »Wild Side« an diesem Abend um Law gekümmert hätte. Ihn gefragt hätte, ob er zufrieden sei; ob er sich wohl fühle; ob er Hilfe brauche, wobei auch immer.
Tatsächlich hat sich an diesem Abend niemand um Law gekümmert. Das »Wild Side«, geöffnet von drei Uhr nachmittags bis fünf Uhr morgens, heißt jeden willkommen, der zahlen kann, und es vermeidet jeden Eindruck, der auf Diskriminierung hindeuten könnte. An diesem Abend haben sie Law behandelt, als gebe es seine Behinderung nicht. Das war, im Nachhinein betrachtet, sicher ein Fehler.
Law hatte kurz zuvor einen Anwalt kennen gelernt, der in solchen Dingen Bescheid weiß. Anthony Brady Jr., 45, vertritt Behinderte gegen Sportstadien und Strandbesitzer - über 100 Firmen hat er bisher verklagt.
Vor drei Jahren hatte er sich einen Ladenbesitzer in Lake Worth vorgenommen, der Rollstühle verkaufte - und selbst nicht einmal Behinderten-Parkplätze hatte. Brady versteht sein Geschäft.
Er schickte einen Experten nach West Palm Beach, der entscheiden sollte, ob es im »Wild Side« etwas zu beanstanden gibt. Dann fertigte Brady eine Mängelliste an. Zu keinem der Séparées gebe es eine Rampe, notierte er; auf der Toilette fehle eine zweite Griffstange zum Hochziehen; außerdem sei das Bad zu klein, ein Mann im Rollstuhl könne sich nicht vernünftig umdrehen.
Edward Law fiel noch eine weitere Sache ein. Die Theke vor der Bühne sei zu hoch, sagte er. Wenn er in seinem Rollstuhl davor sitze, könne er weder einen Drink nehmen noch den Mädchen beim Tanzen zusehen. Dann reichten die beiden Klage ein.
Mit einem Schlag war Law ein berühmter Mann. Schätzungsweise 1400 registrierte Strip-Tänzerinnen gibt es allein im County Palm Beach, vor zwei Jahren waren es noch 930. Law hatte sich mit einer boomenden Industrie angelegt.
Sofort meldeten sich CNN und »USA Today« bei ihm, sogar aus Neuseeland rief jemand an. Im Kern geht es um das Recht, die Darbietungen der Stripperinnen in derselben Abgeschirmtheit zu genießen wie andere Gäste auch. Law beruft sich auf den Americans with Disabilities Act, den der Kongress 1990 verabschiedet hatte, um Körperbehinderte in ihrem Kampf um Gleichbehandlung zu unterstützen.
Die Einzigen, die aufstöhnten, waren die Behindertenverbände. »Natürlich hat er das Recht zur Klage«, sagt Shelley Gottsagen vom Center for Independent Living Options. »Aber er macht uns offen für Angriffe.« Selbstverständlich ist es eine feine Sache, wenn jemand zeigt, dass man auch als Behinderter Spaß am Sex haben kann. Aber muss man damit gleich in die Öffentlichkeit gehen? Betroffenenverbände kämpfen für eine bessere Erziehung, für behindertengerechte Schulen und Busse. Alles wäre ihnen lieber gewesen als ein Bursche, der die freie Sicht auf Nackttänzerinnen einklagt.
Law horchte auf. Bis dahin hatte er nur zugesehen, dass er mit seiner Behinderung einigermaßen klar kam. Jetzt begann er, sich für Behindertenrechte zu interessieren, zum ersten Mal in seinem Leben. »Plötzlich«, sagt er, »hat das Ganze eine politische Dimension.«
Die Sache fängt an, ihm Spaß zu machen. HAUKE GOOS