Leicht verkrampfte Zuversicht - DER SPIEGEL
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JUGEND Leicht verkrampfte Zuversicht

Leistungsbereit und ziemlich optimistisch macht sich die Generation 2000 auf den Weg - so ein zentrales Ergebnis der neuesten Shell-Studie. Aber die Welt der jungen Leute ist noch sehr viel bunter - und zeigt ihre Schatten: Das Interesse an Politik sinkt, die Ausländerfeindlichkeit sitzt tief.
Von Dominik Cziesche und Dietmar Pieper
• aus DER SPIEGEL 13/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Abend darf es gern ein Sinfoniekonzert sein. Für den Genuss gepflegter Live-Musik im Wiesbadener Kurhaus hat sich Laura Diehl, 18, ein Abo besorgt. In der Nacht sucht die Schülerin dagegen eher die harten Töne: »Manchmal will ich einfach nur abtanzen«, sagt sie, da hat sie »nichts gegen Techno«.

Auch tagsüber erweitert Laura schwungvoll ihren Horizont. Auf der Theaterbühne ihres Gymnasiums führt sie nach einigen Hauptrollen inzwischen selbst Regie; Kulturmanagement schwebt ihr als Berufsziel vor. Beim Abitur im nächsten Monat hält sie eine glatte Eins als Durchschnittsnote für »möglich«, aber auf eine gute Party will sie deshalb nicht verzichten: »Ich kann auch mal saufen, ich bin ja Halb-Finnin.«

Lauras Freund, der 24-jährige Student Jörg Lichtenberg, hat auch ziemlich viel um die Ohren. Im Frankfurter »Venture Lab«, einem Internet-Gründerzentrum, feilt der angehende Betriebswirt mit sechs Gleichgesinnten am großen Auftritt der gemeinsamen Firma »Snacker.de«. Noch ist alles geheim, aber wichtig genug, um die Seminare eine Weile sausen zu lassen: »Die Sache hier ist spannender.«

Laura und Jörg könnten so etwas sein wie das Idealpaar ihrer Generation - selbstbewusst und vielseitig, pragmatisch und weltgewandt. Doch so einfach ist der Nachwuchs nicht zu fassen, ein paar Schlagworte genügen nicht mehr.

Pech für die Eltern, die sich im Gefolge einiger 68er-Helden als rebellische Generation etabliert haben: Ihre Kinder machen nicht nur einiges anders als sie. Die jungen Leute entwinden sich auch entschiedener als je zuvor dem Zugriff der Alten unter irgendeinem aufgedrückten Sammelnamen - von der angepassten, der hedonistischen oder der überflüssigen Generation kann ernsthaft keine Rede mehr sein.

Ach, die Jugend. Folgt auf die wunderbaren Jahre, als die Etiketten noch gehalten haben, das große Rätselraten?

Als Leitfaden durch die komplexe Wirklichkeit dieser Generation 2000 liegt jetzt eine neue Shell-Jugendstudie vor, die von einem Forscherteam um den Frankfurter Sozialwissenschaftler Arthur Fischer erstellt worden ist. Für ihr 1,7 Millionen Mark teures Werk im Auftrag der deutschen Tochter des Öl- und Energiekonzerns haben die Experten 4546 Jugendliche über ihr Leben ausgefragt - darunter erstmals junge Leute ohne deutschen Pass, vor allem Türken und Italiener*.

Die inzwischen 13. Shell-Studie seit 1953, die wie ihre vier Vorgängerinnen hauptsächlich durch Fischers Psydata-Institut erarbeitet worden ist, bietet einen einzigartigen Schatz von Daten aus der Welt der 15- bis 24-Jährigen. Den Forschern ging es »nicht um bloße Meinungen«, wie Psydata-Studienleiterin Yvonne Fritzsche sagt: »Wir versuchen, an die tieferen Überzeugungen heranzukommen.«

Als wichtigste Grundstimmung registrieren die Wissenschaftler in der Millennium-Generation eine »gewachsene Zuversicht«. Die Jugendlichen finden die Welt, so wie sie ist, ganz in Ordnung und haben zum großen Teil das Gefühl, sie kämen schon irgendwie durch: »Von Weltverbesserung ist nichts zu sehen, auch nichts von revolutionären Utopien.«

Die Hälfte der deutschen Jugendlichen sieht ihre persönliche Zukunft positiv, weniger als zehn Prozent haben das neue Jahrtausend mit düsteren Mienen begonnen. Vor drei Jahren, in den Zeiten der Rekordarbeitslosigkeit, hatten die Forscher noch erheblich mehr Pessimismus gefunden (siehe Schaubild).

Vom Höhepunkt der Zuversicht kurz nach der Wiedervereinigung aber ist die Jugend auch heute noch ein gutes Stück entfernt. Die frohgemuten Gesichter der jungen Pragmatiker wirken, so die Forscher, »oft angestrengt und bemüht«.

Kaum einer träumt vom freien Leben auf der fernen Insel. Lieber macht sich der Nachwuchs fit für den Arbeitsmarkt - leicht verkrampft im Hier und Jetzt. Der neue Ehrgeiz zeigt sich in einem gesteigerten Leistungswillen, der im Osten sogar noch stärker ausgeprägt ist als im Westen.

»Bei mir steht immer im Zeugnis, dass ich ein sehr selbstbewusstes Mädchen bin«, sagt Eileen Zwickert und fühlt sich korrekt beurteilt. Die 15-jährige, die im Berliner Osten groß geworden ist, hat klare Vorstellungen von ihrer Zukunft. »Auf jeden Fall« strebt sie einen Beruf an, »in dem man geregelte Arbeitszeiten hat«; eine Stelle als Pharmazeutisch-Technische Assistentin würde ihr gut gefallen. Die junge Berlinerin ist sicher: »Ich werde schon viel arbeiten, allein wegen meiner Kinder.« Sie will zwei, mindestens. »Wenn es finanziell stimmt, könnte ich mir auch ein drittes Kind leisten«, überlegt Eileen.

Mehr denn je streben die Mädchen eine Balance zwischen Beruf und Familie an, fanden die Forscher heraus. Die frohe Hoffnung der Teenies, dass ihnen der Gleichklang gelingen wird, geht jedoch irgendwann verloren. Bei den 22- bis 24jährigen Frauen zeigt sich ein Knick, sie geben in traditioneller Weise der Familie die Prioriät. Studienleiterin Fritzsche seufzt: »Nicht alle Blütenträume reifen.«

Schatten entdecken die Wissenschaftler in vielen der jungen Biografien. Besonders gefährlich für die Lebenseinstellung wird es offenbar, wenn der Vater seine Arbeit verliert: Die Zukunft erscheint diesen Jugendlichen trüber als anderen, die Hürden auf dem Weg zum eigenen Erfolge wirken höher.

Werner Fuchs-Heinritz, Co-Autor der Studie, kommt zu dem Schluss, dass rund zehn Prozent der Jugendlichen bereits tiefgreifend »verunsichert und ratlos« sind: »Sie haben wenig Möglichkeiten, sich dem Wandel in allen Lebensbereichen anzupassen, geschweige denn, darin ihre Chance zu nutzen - und sie wissen das.«

Auf den glamourösen Bildern einer rundum digitalisierten, im Internet beheimateten Power-Generation können sich diese unteren 900 000 höchstens in ihren Träumen wiederfinden. Selbst wenn sie einen Computer hätten, könnten sie nicht viel damit anfangen - es hat ihnen keiner gezeigt, wozu die Kisten eigentlich gut sind.

Ohnehin widerlegen die im vorigen Jahr erhobenen Daten manches Klischee über die Kids am Computer: 44 Prozent der Jugendlichen besitzen gar keinen (siehe Schaubild Seite 164). Junge Italiener und Türken loggen sich daheim noch seltener ein als ihre deutschen Altersgenossen.

Auch das Internet kann, positiv betrachtet, noch ordentlich wachsen. Nur ein Viertel der jungen Leute, die angeblich mit der neuen Technik groß werden, ist nach den Shell-Daten schon drin. Klare Unterschiede zeigen sich zwischen Großstadt (30 Prozent Nutzer) und Land (21 Prozent), alten Bundesländern (27 Prozent) und neuen (18 Prozent).

Generell erklären knapp zwei Drittel der Befragten, sie seien »etwas« oder »sehr« an Technik interessiert. Wie zu Omas Zeiten aber ist Technik eher Männersache - beim deutschen wie beim ausländischen Nachwuchs. Die Jungen zeigen sich zu 42 Prozent »sehr« an Technik interessiert, die Girlies nur zu 5 Prozent - es sei denn, es geht ums drahtlose Telefonieren. Beim Handy-Besitz folgen zumindest die deutschen Mädchen (23 Prozent) ihren männlichen Altersgenossen (33 Prozent) in einem vergleichsweise geringen Abstand.

Entgegen einem verbreiteten Zerrbild sind junge Leute, die häufig am Computer hocken, durchaus gesellig und menschlich aufgeschlossen. Eher weisen dagegen jene, die von Technik nichts wissen wollen (oder können), soziale Defizite auf. Die berüchtigten »Cyber-Zombies« und »Internet-Junkies« tauchen in den Shell-Daten nicht auf, vielmehr entpuppen sich die »Heavy User« als recht umgängliche Zeitgenossen.

Psydata-Studienleiterin Fritzsche kommt zu dem Ergebnis: Die Tekkies »leben häufiger in Partnerschaften und führen ein Leben mit reichhaltigen Freizeitaktivitäten«. Zwar streben sie besonders energisch den beruflichen Erfolg an, offensichtlich aber nicht um jeden Preis - Fritzsche entdeckte in dieser Gruppe »überdurchschnittlich starke Verfechter von gesellschaftlicher Teilhabe und von sozialer Integration«.

Der Frankfurter Jungunternehmer Jörg, der zur Zeit alle Energie in sein Online-Projekt »Snacker.de« steckt, sagt von sich selbst: »Ich bin überhaupt kein Technikfreak.« Eher begeistert den 24-Jährigen die Aussicht, »bis 30 Internet zu machen und danach Filme«.

Manchmal staunt er noch, wie leicht es für aufgeweckte Youngster ist, an Kapital zu kommen: »Da findet ein Generationswandel statt. Die Herren der alten Strukturen hätten sich früher nie mit einem wie mir an einen Tisch gesetzt. Heute wollen sie einem alle Geld geben.« Doch nur Abkassieren ist nicht sein Ding, Jörg hält am Traum vom Filmemachen fest. Sechs Drehbücher hat er schon angefangen, die will er »unbedingt fertig schreiben«.

Wenn er mal dafür Zeit hat. Jetzt läuft Jörg schon »seit drei Tagen in denselben Klamotten« herum. Als unverhofft einer der deutschen Internet-Gurus am Telefon ist, bucht er trotzdem sofort den nächsten Flug nach Berlin, um die Chance zu einem persönlichen Gespräch zu nutzen. Gut, sagt Jörg, dass er »eine sehr verständnisvolle Freundin« hat. Und tschüss.

Die Politik spielt in Jörgs Leben keine große Rolle, und das geht den meisten seiner Altersgenossen ebenso. Schon die 1997 veröffentlichte Shell-Studie verzeichnete einen drastischen Rückgang des Politik-Interesses der Jugend - und der Absturz dauert an. Der Sinn für Politik hat sich, wie die Zahlen zeigen, vor allem im deutschen Osten dramatisch zurückentwickelt (siehe Schaubild Seite 163).

Bestätigt findet Psydata-Chef Fischer diesen Trend in der deutlichen Zunahme von Wahlenthaltungen aus schierem Desinteresse: 31,6 Prozent der jungen Ossis bekennen sich jetzt dazu, vor drei Jahren waren es erst 19,4 Prozent. Im Westen teilen nun schon 26,7 Prozent der Jugendlichen diese Einstellung, zuvor lag ihr Anteil bei 18,5 Prozent. Fischer zieht den Schluss: »Die Jugendlichen entfernen sich nicht etwa bewusst vom politischen System, sie lassen es mehr und mehr links liegen.«

Silvia Menezes, 17, aus Halle findet: »Politik ist ''ne ganz komische Sache.« Ihre Skepsis kann die Schülerin mit den gestylten Rastalocken leicht begründen: »So lange es gut geht, interessiert es mich nicht.«

Natürlich hatte Silvia, deren Eltern aus Mosambik in die damalige DDR kamen, in den Tagen der Flutkatastrophe ein Ohr für die Nachrichtensendungen. Aber auch diese Neugier lässt irgendwann nach: »Meine Verwandten sind, ein Glück, nicht von der Überschwemmung betroffen«, sagt sie und zieht weiter mit ihrer Clique zum Burger King, den in der Gruppe alle »BK« nennen, englisch ausgesprochen.

Wenn die Jugendlichen überhaupt noch eine politische Partei ernst nehmen, dann eher eine große, etablierte. Im Drei-Jahres-Vergleich konnte die SPD etwas, die Union deutlich zulegen (allerdings stammen die Daten aus den Tagen vor der CDU-Finanzaffäre). Brutal abgestraft werden die Grünen - die Affinität junger Leute zur Öko-Partei hat sich praktisch halbiert.

CDU und CSU profitieren, wie Fischer analysiert, von ihrem Image als Parteien »der ökonomischen Moderne, der technologischen Innovationen und damit des gesellschaftlichen Fortschritts«. Wer sich gewappnet fühlt, in der globalen Welt mitspielen zu können, neigt am ehesten zur Union. Das Bild der SPD-Klientel konturiert sich dagegen »nur unscharf« - Fischer sieht viele »ähnliche Werte« wie bei den CDU/CSU-Anhängern, unterfüttert mit »Resten eines traditionell sozialdemokratischen Milieus früherer Jahre«.

Dass die Grünen derart einbrechen, führt Fischer nicht nur auf handwerkliche Schwächen oder Vermittlungsprobleme zurück, sondern auf den Kern der Programmatik: »Viele Jugendliche erleben diese Partei und ihre Positionen als sehr negativ bestimmt.«

Im Abwärtstrend liegen auch die nichtstaatlichen Organisationen. Zwar erreichen Menschenrechts- und Umweltverbände noch immer höhere Sympathiewerte als staatliche Instanzen. Aber die Zeiten, als Greenpeace-Kämpfer wie Popstars angehimmelt wurden, sind vorbei.

Auf einer Skala von 1 ("sehr wenig Vertrauen") bis 5 ("sehr viel Vertrauen") mussten die Umweltschützer den stärksten Rückgang hinnehmen, ihr Wert sank binnen drei Jahren von 3,8 auf 3,5. Jetzt liegen sie, in der Rangfolge vertrauenswürdiger Instanzen, nur knapp vor Gerichten (von 3,3 hoch auf 3,4), Menschenrechtsgruppen (herunter von 3,5 auf 3,4) und Polizei (hoch von 3,1 auf 3,3). Am Ende rangieren wie zuvor Kirchen und Parteien (beide leicht verbessert von 2,4 auf 2,5).

Vor allem in der ehemaligen DDR verlieren die Kämpfer für eine bessere Welt erheblich an Boden - aus Sicht der Jugendlichen dort hat der ökologische oder humanitäre Einsatz »keine Bedeutung für ihr derzeitiges oder künftiges Leben« (Fischer).

Auch krawalliges Marketing weckt oft eher Skepsis: »Umweltorganisationen wie Greenpeace sind mir zu militant«, erklärt Stefan Wappler, 21, aus Leipzig. Stefan, der in seiner Heimatstadt Volkswirtschaft studiert, sieht sich zwar politisch auf Seiten der Grünen. Das hindert ihn aber nicht daran, sich von seiner Zukunft einen ziemlich konservativen Steckbrief zu malen.

Spätestens mit 35 Jahren würde er »gern sechsstellig im Jahr verdienen«, denn: »Ich hoffe auf ''ne S-Klasse und ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung.« Weil er seine Chance als Finanz-Analyst oder Unternehmensberater suchen will, heißt Stefans Devise: »Einsatz und Arbeitswillen.« Das Private muss warten: »Wegen dem Job will ich nicht heiraten, bevor ich 30 bin, dann hätte ich gern zwei oder drei Kinder.«

Seinen Zivildienst hat Stefan in Stuttgart abgeleistet, doch nun ist er auch gern wieder daheim: »Wie gut, dass ich kein Schwabe bin«, freut sich der junge Sachse. Die Stuttgarter »Reihenhäuser-Vororte mit diesen Super-Rasen« fand er schlicht »gruselig«. Große Unterschiede zwischen Ost- und West kann Stefan aber nicht mehr feststellen: »Im Westen haben sie zum Teil mehr Geld, aber auch das ändert sich.«

Die Daten der Shell-Studie zeigen ein anderes Bild. Die Wissenschaftler haben zwar zunächst geprüft, ob andere regionale Differenzen vielleicht inzwischen schärfere Schatten werfen als der Ost-West-Unterschied. Doch der Graben zwischen alter BRD und früherer DDR bleibt tief. Die davon geprägten Unterschiede in den Aussagen der Jugendlichen, resümiert Fischer, »fallen so eklatant aus, dass sie Differenzen zwischen den Bundesländern überlagern«.

Kein Grund zur Panik, so scheint es. Immerhin sind die jungen Ostdeutschen, wie sie in der Shell-Studie auftreten, »aufs Ganze gesehen einsatzbereiter, höher motiviert und leistungsorientierter als die westdeutschen Jugendlichen«. Zehn Jahre nach dem Mauerfall halten es 52,8 Prozent der Jugendlichen im Osten für wahrscheinlich oder sicher, dass sie sich eines Tages beruflich selbständig machen. Im Westen erreicht die Gruppe der potenziellen Unternehmer nur 45,7 Prozent.

Dabei steht das Materielle für die jungen Ostdeutschen klar im Vordergrund. Unter den Gründen für ihre Berufswahl nennen 48,9 Prozent der Ostler, aber nur 42 Prozent der Wessis: »Ich will bei der Arbeit viel Geld verdienen.«

Die Wessis liegen besonders deutlich bei der Aussage vorn: »Ich will bei der Arbeit von freundlichen Kollegen umgeben sein« (West: 42,7 Prozent, Ost: 32,9 Prozent). Die neue ostdeutsche Ellenbogen-Mentalität wird von einer heftigen Abwehrbereitschaft gegen Fremde begleitet. Ausländerfeindliche Töne sind, wie auch die Shell-Studie belegt, im Osten deutlich lauter als im Westen. In den neuen Ländern, wo der Anteil der Nichtdeutschen an der Wohnbevölkerung bei 2,2 Prozent liegt (im Westen: 10,4 Prozent), finden mehr als zwei Drittel der Jugendlichen, das Boot sei schon überfüllt.

Es erscheint paradox, ist aber Teil der Wirklichkeit: Gerade diejenigen jungen Leute, die überhaupt keinen Kontakt zu Ausländern haben, sind besonders fest davon überzeugt, dass schon zu viele im Land leben. Der Sozialpädagoge Richard Münchmeier, Mitverfasser der Studie, hat auch in Westdeutschland festgestellt: »Ausländerfeindlichkeit ist auf dem Lande und in Kleinstädten, wo wenig Fremde leben, wesentlich verbreiteter als in den Städten.«

Immerhin 27 Prozent aller deutschen Jugendlichen erscheinen in Münchmeiers Auswertung als »hoch ausländerfeindlich«. Als Erklärung bietet Münchmeier an: »Schlechtere Lebensbedingungen, geringere Bildung, schlechtere Ausstattung oder zumindest eine Selbsteinschätzung in dieser Richtung.«

Von einer multikulturellen Gesellschaft kann nach dem Fazit der Forscher auch dort kaum die Rede sein, wo ein kräftiger Mix prinzipiell möglich wäre - zu oft gehen deutsche und ausländische Kids getrennte Wege. Ihren Freizeit-Aktivitäten gehen deutsche Jugendliche weitaus häufiger in rein deutschen Cliquen nach als in gemischter Runde - am ehesten treffen die Gruppen noch bei Feten oder im Musikraum aufeinander.

Die ausländischen Kids erweisen sich dagegen überwiegend als aufgeschlossen. Münchmeier fasst zusammen: »Die viel beklagte Unwilligkeit zur Anpassung an die deutschen Lebensweisen scheint zumindest für die hier untersuchten Gruppen nicht zuzutreffen.«

Das gilt so klar allerdings nur für die jungen Männer. Italienische und vor allem türkische Mädchen sind noch viel stärker in traditionellen Bindungen verhaftet. Die in Frankfurt aufgewachsene Türkin Alev ist zwar jetzt bereits 21 Jahre alt, aber wo es langgeht, bestimmt ihre Mutter: »Wenn ich mal größer weg will, gibt es Terz«, erzählt sie. Zu Hause auszuziehen kommt für Alev, die zur Zeit beim Amtsgericht Frankfurt eine Ausbildung als Justizangestellte absolviert, nicht in Frage: »Dann bräuchte ich gar nicht mehr zurückzukommen.«

Manchmal fühlt sich Alev zwischen den Kulturen hin- und hergerissen. »Ich kann nicht sagen, ich bin mehr deutsch, ich bin mehr türkisch.« Dass Sex vor der Ehe tabu ist, akzeptiert sie. Heiraten will sie einen Türken, denn »man muss schon aus der- selben Kultur stammen«. Aber auf jeden Fall sollte der Mann wie sie selbst in Deutschland aufgewachsen sein - so einer, glaubt sie, »akzeptiert einen als Frau viel mehr«.

Dass sie schon mal einen Freund hatte, musste Alev vor ihrer Mutter verheimlichen - sie sah keine Wahl: »Bei meinen türkischen Freundinnen ist das genauso wie bei mir.«

Von einer Dominanz der Eltern ist bei deutschen Jugendlichen hingegen nicht mehr viel zu spüren. Der klassische Generationskonflikt schleift sich immer mehr ab, Mutter und Vater erscheinen als Partner, nicht als Widerpart. Wollten Mitte der achtziger Jahre noch 48 Prozent der Jugendlichen ihre eigenen Kinder einmal »anders« oder »ganz anders« erziehen, als sie selbst erzogen wurden, ist dieser Anteil mittlerweile auf 28 Prozent gesunken.

Für die Alten kann das auch bedeuten: Sie haben nicht mehr viel zu melden. Die Wiesbadener Einser-Schülerin Laura hat sich, sagt sie, früh von ihren Eltern gelöst. Deren Erfahrung nutzt die junge Frau, »wenn es hart auf hart kommt«, wie ein Beratungsunternehmen: »Ich höre mir dann ihre Meinung an. Aber ob ich den Rat befolge, entscheide ich danach.«

DOMINIK CZIESCHE, DIETMAR PIEPER

* Einzelergebnisse unter www.spiegel.de.

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