Berichterstattung von Jogi bis zur Queen 6759 Mal Unsinn, völliger Quatsch und absoluter Schwachsinn
Journalisten sind eitel. Wir gratulieren uns zum Beispiel selbst zum Geburtstag: Heute vor 30 Jahren, am 25. Oktober 1994, wurde SPIEGEL ONLINE gegründet. Herzlichen Glückwunsch an uns.
Als eitle Branche sind wir natürlich besonders stolz, wenn wir etwas exklusiv berichten können: Gelungen ist uns das in 30 Jahren bereits mindestens 1100 Mal. Andererseits haben wir im selben Zeitraum auch 6759 Mal »Unsinn«, »völligen Quatsch« oder »absoluten Schwachsinn« geschrieben. Genauer gesagt: Mindestens so oft finden sich diese Formulierungen in unseren Texten. Ob wir dabei zitieren, bewerten oder einordnen, lässt sich nur mit Blick in die einzelnen Artikel herausfinden.
Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums haben wir sämtliche Artikel, die jemals auf SPIEGEL.de veröffentlicht wurden, analysiert. Aus dieser Analyse stammen diese und alle weiteren Zahlen, die wir im Folgenden mit Ihnen teilen.
Gezählt haben wir hier, in wie vielen Artikeln die Begriffe SPIEGEL und »exklusiv« nur wenige Worte voneinander entfernt auftauchen oder auch einfach wie oft wir wörtlich die Formulierung »Völliger Quatsch« verwendet haben.
Zur vollen Wahrheit gehört dabei auch, dass wir selbst auf den ältesten Disketten und Magnetbändern und in dunklen Ecken des Internets fast keine Daten von vor März 1999 gefunden haben. Für das Ende der Neunzigerjahre gilt tatsächlich noch, dass das Internet auch mal vergessen kann. Weitere methodische Anmerkungen zu dieser Analyse finden Sie am Ende des Artikels.
Einen auch nur annähernd vollständigen Überblick über alles, worüber wir je geschrieben haben, hat längst niemand mehr. Kein Wunder, mehr als 1,2 Millionen Artikel sind bis heute auf SPIEGEL.de erschienen. Sie alle zu lesen, würde rund viereinhalb Jahre dauern. Aber nur, wenn man ohne Pause lesen würde. Das wollten wir niemandem in der Redaktion zumuten, zumal unsere Analyse dann frühestens zum 35. Geburtstag fertig geworden wäre. Deshalb haben wir uns technische Unterstützung geholt.
Unsere Homepage ist ein Fenster zur Welt. Es war nie zuvor so einfach, sich zeitnah über das Geschehen an fast jedem Ort der Welt zu informieren. Worüber wir in den vergangenen 30 Jahren geschrieben haben, welche Themen, Orte und Personen die Berichterstattung geprägt haben, zeigt die folgende Auswertung:
Terror, Arbeitslosigkeit, Krieg, Pandemie – ein Rückblick auf die prägenden Themen ist auch eine Chronologie der Krisen. Der Terror hatte 2001 und 2002 Hochkonjunktur, die Arbeitslosigkeit trieb uns und unsere Leser vor allem von 2002 bis 2005 um. Wann das Wort »Pandemie« seinen Spitzenwert erreichte, hätten Sie sich auch ohne unsere Auswertung denken können.
Unsere Chefs meinten noch, unser Geburtstagsrückblick dürfe gern gut gelaunt ausfallen. Aber was will man machen als Nachrichtenseite?! Doch es gibt auch noch andere Themen, bleiben Sie dran, wir kommen auch noch zu Taylor Swift.
Zunächst schauen wir allerdings, über welche Länder wir am häufigsten berichtet haben.
Die obige Weltkarte zeigt, welche Länder besonders viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Je höher die Anzahl der Artikel, desto größer das Land. Das Ergebnis ist eine ziemlich westlich geprägte Welt mit einem breit gezogenen Europa. Aber wir haben innerhalb von 30 Jahren über alle Staaten der Erde geschrieben. Am häufigsten über Deutschland, gefolgt von den USA, Frankreich und Russland. Am wenigsten über die Salomon-Inseln, São Tomé und Príncipe sowie St. Kitts und Nevis. Aus Gründen.
Das politische Geschehen in Deutschland nimmt bei uns sehr viel Raum ein. Nur mal angenommen, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder wäre ein Land (die Frage, welches er wäre, sparen wir uns), er läge, gemessen an der Artikelanzahl, zwischen Brasilien und Indien. Allgemein haben wir Kanzlerinnen und Kanzler in unseren Artikeln etwa zwischen 1500 und 3000 Mal pro Jahr erwähnt. Beinahe ebenso große Wellen schlagen amtierende US-Präsidenten – allen voran Donald Trump: Weder Barack Obama noch Joe Biden kommen an die Zahlen des mittlerweile 78-Jährigen heran.
Über Autokraten schrieben wir besonders oft, wenn es um Krieg ging: Über Russlands Präsident Wladimir Putin am häufigsten im Jahr 2022, als er den Krieg gegen die Ukraine anzettelte. Und über den ehemaligen Diktator des Irak, Saddam Hussein, während des Kriegs mit den USA im Jahr 2003.
Um als Wirtschaftsgröße auf SPIEGEL.de groß herauszukommen, gibt es verschiedene Wege. Ein Techtycoon zu sein, kann nicht schaden, siehe Ex-Microsoft-Chef Bill Gates, Apple-Mitbegründer Steve Jobs, Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg und Tesla-Chef Elon Musk. Auf den einen oder anderen Artikel gern verzichtet hätten wohl der ehemalige Volkswagen-Vorständler Martin Winterkorn, den der Abgasskandal berühmt machte, und der ehemalige Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann, der mit dem Bild eines gierigen Bankers zu kämpfen hatte. Und sicher auch Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter, der über seine gesamte Amtszeit hinweg vermutlich mehr mit Korruptionsvorwürfen und Skandalen in Verbindung gebracht wurde als mit Fußball.
In unserer Berichterstattung über Wirtschaftsgrößen finden sich allerdings kaum Frauen. Die meistgenannte Ausnahme in unserer Auswertung ist Christine Lagarde. Sie wurde als erste Frau Finanzministerin eines G8-Staats (Frankreich), leitete den Internationalen Währungsfonds und jetzt die Europäische Zentralbank. Sie kommt jedoch nicht aus der Welt der Unternehmen, sondern aus der Politik. Bei Elon Musk ist es eher andersherum: Spätestens seit dessen Einstieg bei Twitter – heute X – im April 2022 ist bei ihm die Frage: Was ist Geschäft, was ist Politik und was bloß mediale Inszenierung?
Im Sport wird deutlich: König Fußball regiert SPIEGEL.de. Vor allem in den Jahren mit Europa- und Weltmeisterschaften. Niemand scheint dann im Sportressort wichtiger zu sein als der Trainer der deutschen Nationalmannschaft: Jürgen Klinsmann dominierte 2006, als die Fußball-WM in Deutschland stattfand. Unübertroffen ist die Artikelzahl mit Joachim Löw im Jahr des WM-Titels 2014. Mit dem Fußball mithalten können höchstens Legenden in anderen Sportarten: etwa der Rennfahrer Michael Schumacher sowie die deutschen Tennisstars Steffi Graf und Boris Becker.
Und nun zu Taylor Swift.
Im Showbusiness sind die Kurven meist deutlich kurzlebiger als im Sport. »Queen of Pop« Madonna gelingt es noch am längsten, medial einigermaßen konstant stattzufinden. Die Aufmerksamkeitskurve für den Fernsehmoderator Thomas Gottschalk hingegen gleicht einem abstürzenden Aktienkurs. Doch nehmen wir den alternden Entertainer beim Wort und stellen fest: »Ich beklage gar nichts, ich stelle es nur fest.« (Lesen Sie dazu dieses SPIEGEL-Gespräch mit ihm.) Der feste und flauschige Jan Böhmermann hat Gottschalk schon vor Jahren den Rang abgelaufen – zumindest, was Erwähnungen auf SPIEGEL.de angeht. Und Taylor Swift sprengt derzeit alle Superstar-Grenzen.
Womit wir bei der vielleicht am stärksten polarisierenden Gruppe der Promis angekommen sind – der britischen Königsfamilie. Einem Teil unserer Leser ist vermutlich jedes Wort über sie zu viel, andere wünschen sich beständig Neues über die bekannteste Familie Großbritanniens. Geschrieben haben wir jede Menge über die Windsors. Was denken Sie, welcher Royal fand am häufigsten Erwähnung in unseren Artikeln?
Die Auswertungen in diesem Artikel beziehen sich auf alle Beiträge, die zwischen dem 23. März 1999 und dem 27. September 2024 auf SPIEGEL.de erschienen sind – egal ob sie aus dem frei aufrufbaren Bereich oder aus SPIEGEL+ stammen. Früher erschienene Artikel konnten leider nicht berücksichtigt werden, da aus der Zeit vor März 1999 nur sehr lückenhafte Daten vorliegen. Abgerufen wurden die Daten zum Stichtag 27. September 2024 aus Digas, der Pressedatenbank der SPIEGEL-Gruppe.
Mitarbeit: Achim Tack und Christoph Winterbach