Jan Kath: Teppichdesign made in Bochum
Fürstenhochzeit in Monaco Teppich royal
Die Kreativzentrale, die Monaco und den Ruhrpott verbindet, liegt in einer alten Fabrikhalle, so groß wie eine Sporthalle. Sie liegt im Stadtteil Ehrenfeld, idyllisch an einem kleinen Park. Früher wurden in den Räumen Maschinen gefertigt, heute edle Teppiche gelagert. Monaco ist der Laufsteg der Reichen und Schönen, Bochum die ehemalige Bergbau- und Arbeiterstadt. Spätestens seit Herbert Grönemeyers Hymne an seine Heimat ist bekannt, dass auf der Königsallee keine Modenschauen stattfinden.
Der Mann, der Prunk und Pott verbindet, steht in seiner Halle und hat kleine Schweißperlen auf der Stirn. Jan Kath gilt als einer der besten Teppichdesigner der Welt. Er ist 38 Jahre alt, wirkt aber einige Jahre jünger. Kath hat die Hände in die Seiten gestemmt, gerade ist eine neue Lieferung handgeknüpfter Ware aus Nepal eingetroffen. Teppiche von Paletten wuchten, ausrollen, Qualität kontrollieren, Transportfalten glätten, der Chef packt mit an. Auf dem grauen Betonboden stapeln sich Hunderte Orientteppiche in unzähligen Farben.
Für die Hochzeit von Monacos Fürst Albert II. mit der Südafrikanerin Charlene Wittstock hat Jan Kath den roten Teppich kreiert und produziert. Wie kommt ein Bochumer Junge, der abgewetzte Turnschuhe und zerrissene Jeans trägt, an diesen Auftrag?
"Das ist eine längere Geschichte", sagt er.
Grace Kellys folgenreicher Deutschlandbesuch
Die Kurzversion beginnt Mitte der siebziger Jahre mit einem Besuch von Grace Kelly in Deutschland. Die Frau von Fürst Rainier III. kauft Orientteppiche im Geschäft der aus Persien stammenden Familie Moghadam in Hanau. Die Première Dame Monacos ist offenbar begeistert - und da es im Fürstentum noch keine Teppich-Boutique gibt, lädt sie die Moghadams ein, dort ein Geschäft zu eröffnen. Noch heute zählt die Familie zu den Hoflieferanten. Auch der jüngste Spross, Kamyar Moghadam, mischt mit seinem Laden "Fashion for Floors" im Geschäft mit.
"Er ist ein guter Freund", sagt Jan Kath - und ein wichtiger Geschäftspartner. Kamyar Moghadam schenkt den Grimaldis zur Hochzeit sieben rote Teppiche, als Zeichen der Verbundenheit - für das Design ist Jan Kath verantwortlich.
"Ein roter Teppich ist ja eigentlich einfach nur ein roter Teppich", sagt Kath. Aber für die Fürstenhochzeit wurden die Stücke noch mit einer weißen Seidenbordüre aus Kaths Kollektion verziert. "Damit wollen wir die versammelten Königshäuser ein bisschen eifersüchtig machen."
Prunkstück dürfte dabei der 103 Meter lange Teppich sein, der von der Haustür der Braut zur Kirche führen soll. Daneben gibt es noch fünf sternförmig angeordnete Zubringer und einen halbrunden Teppich. Das genaue Design wird noch geheim gehalten, Diskretion gehört zum Geschäft.
Auf dem Weg an die Côte d'Azur
Der Auftrag ist für Jan Kath vor allem eine logistische Herausforderung. Gerade einmal acht Wochen hatte er für die Produktion. Die Teppiche wurden in Thailand getuftet, also semi-industriell gefertigt. Mit traditioneller Knüpftechnik per Hand hätte allein die Herstellung des längsten, mehr als 1,3 Tonnen schweren Exemplars mindestens drei Jahre in Anspruch genommen. Die Kisten mit den Teppichen landeten Ende vergangener Woche in Düsseldorf. Weiter ging es per Lkw an die Côte d'Azur.
Ab Donnerstag ist Jan Kath vor Ort, um die Verlegung der Teppiche zu überwachen. Dass das Fürstenpaar und dessen Gäste über seine Werke schreiten werden, macht ihn nicht nervös. Er arbeitet für viele namhafte Kunden, arabische Königshäuser, bedeutende Pariser Modelabel, Prominente wie Rupert Murdoch. Albert und er haben sich schon mal in einer Bar in Monaco getroffen. "Aber wegen der riesigen öffentlichen Aufmerksamkeit ist es natürlich schon ein spezieller Auftrag", sagt Jan Kath.
Kaths Weg scheint früh vorgezeichnet, er stammt in dritter Generation aus einer Teppichhändler-Familie. Nach einer kaufmännischen Ausbildung im elterlichen Betrieb packt Jan Kath seinen Rucksack und reist als 20-Jähriger durch Asien - bis ihm in Nepal das Geld ausgeht. In Katmandu springt er als Qualitätskontrolleur in der Teppichproduktion von Geschäftsfreunden seiner Eltern ein. Später übernimmt er die Produktion, entwirft erste eigene Kreationen, reist häufig in die Mongolei, wo er seine Frau kennenlernt und das erste seiner beiden Kinder geboren wird.
Kreativzentrale in Bochum
Irgendwann geht es zurück nach Deutschland, zurück nach Bochum. "Natürlich gibt es geilere Städte, in denen man leben kann", sagt Jan Kath, "aber zum Arbeiten ist es perfekt - zentral in Europa gelegen, es gibt wenig Ablenkung."
Aus der ehemaligen Halle der Bochumer Maschinenfabrik hat er ein rund tausend Quadratmeter großes Loft gemacht. Es ist Ausstellungsraum und Arbeitsfläche zugleich. Er lebt in unmittelbarer Nähe, von seinem Wohnzimmer kann er durch eine Glasscheibe in die Halle schauen. Er sieht dann schwebende weiße Wände, die von alten Stahlträgern und Lastkränen baumeln - und auf diesen Wänden Orientteppiche aus seinen Kollektionen: handgeknüpft, die meisten drei mal zweieinhalb Meter groß.
Jan Kaths Entwürfe sind preisgekrönt, mittlerweile arbeiten die Eltern in seinem Betrieb mit. Er spielt mit dem "Reiz des Fehlerhaften", verändert traditionelle Muster so, dass die Teppiche wie von Säure oder Motten zerfressen aussehen. Als Inspirationsquelle dient ihm dabei auch das industrielle Erbe des Ruhrgebiets, etwa vor sich hin rostende Öltanks an der Hattinger Henrichshütte. "Ohne jetzt unbescheiden klingen zu wollen", sagt er, "aber wir gehören weltweit zu den Top Drei der Branche."
Dabei setzt Jan Kath "kompromisslos auf Qualität". Als Materialien verwendet er hauptsächlich tibetische Hochlandwolle, Seide und Fasern von im Himalaya geernteten Brennnesseln. Das hat seinen Preis: Der Quadratmeter in Standardqualität, das sind 100 Knoten pro Quadratinch (2,54 mal 2,54 Zentimeter), kostet rund 1200 Euro, ein Teppich in Standardgröße zwischen 8000 und 10.000 Euro - so viel wie ein Kleinwagen.
In der Bochumer Kreativabteilung sind mittlerweile 22 Menschen beschäftigt, knapp 3000 Arbeiter knüpfen für ihn in Nepal, Marokko und Thailand. Wichtig ist ihm der Hinweis auf die Mitgliedschaft in der Organisation Step, die sich für faire Arbeits- und Lebensbedingen sowie gegen Kinderarbeit einsetzt.
Kath ist nicht nur in diesen Tagen viel unterwegs. Sein Monatsrhythmus sieht meist so aus: eine Woche Bochum, eine Woche Asien, eine Woche Bochum, eine Woche USA. Am Samstag wird er zu den Gästen der Fürstenhochzeit in Monaco gehören. "Grundsätzlich ist das aber nicht so meine Society", sagt Jan Kath, "ich bin eher auf dem Boden geblieben - hoffentlich."