Minderheiten: Saras Fest - DER SPIEGEL
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Minderheiten Saras Fest

Aus allen Himmelsrichtungen pilgern Tausende Roma jeden Mai in ein kleines Städtchen der französischen Camargue. Sie feiern die heilige Sara, ihre Schutzpatronin. Und sich selbst.
Von Judith Reker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Sara aus dem Grabgewölbe heraufkommt, dann wechseln Aggregatzustände. Dann lösen Menschen sich in Tränen auf, und Hoffnungen werden zu Stoff. Dann ist der 24. Mai in Saintes-Maries-de-la-mer. Die Augen der Gläubigen in der Wallfahrtskirche sind auf Sara gerichtet, die Schutzpatronin der Roma. Niemand achtet auf Zézé Baptiste und drei weitere Männer in schlichten weißen Kutten. Ihre Füße tasten sich Stufe für Stufe nach oben, auf den Schultern heben sie Sara aus der Krypta hinauf in den Kirchenchor. Schweißtropfen sammeln sich in den Poren von Zézés Gesicht. Unter buschigen Augenbrauen verbirgt der 62-Jährige einen heftigen Schmerz in seiner Schulter. Doch das Tragen anderen zu überlassen: undenkbar. Seit er 17 ist, schultert er die Statue. Vor ihm sein Vater, davor dessen Vater. Seit im Jahr 1935 Roma zum ersten Mal erlaubt wurde, den Kirchenchor zu betreten, trägt Familie Baptiste an jedem 24. Mai die heilige Sara hinauf und von dort in einer feierlichen Prozession zum Meer.

Mit Sara und Zézé Baptiste steigt auch der Geruch Tausender geschmolzener Kerzen aus dem Grabgewölbe. Er schiebt die Luft zum Atmen beiseite, treibt sich stechend in Lungen und Gemüter. Tränen fließen, Leiber drängen zu der Statue. Schmal wie eine Mädchenhand ist ihr schwarzes Gesicht. Kinder werden aus der Menge gehoben, schweben vor Saras Kopf, pressen andächtig ihre offenen Lippen auf das dunkle Holz. Einzelne Gestalten treten hervor. In den Händen halten sie Mäntelchen, in die sie ihre Gebete gewebt haben. Sie legen sie behutsam um die Schultern der Statue. Himmelblaues Polyester, spiegelnde Pailletten auf rotem Tüll - immerfort schichten sie Mantel auf Mantel, bis der kleine Kopf in Farben und Texturen versinkt. Der Königin neue Kleider sind die Hoffnungen der Roma.

Vom Rand des Kirchplatzes verfolgt Mace Taxco, wie der Bischof von Aix-en-Provence und die Gläubigen aus der Wallfahrtskirche treten. Mit schwarzem Barett auf pechschwarzem Haar, einem Gesicht wie gemeißelt und seinem hohen Wuchs ragt er aus der Menge der Schaulustigen. Für einen Platz in der Kirche kam er zu spät, und so wartet er zwischen dem Absperrgitter und einem Waffelstand darauf, dass die Prozession beginnt. Von den 10000 Roma, die hierher gekommen sind, hat Taxco vielleicht den längsten Weg zurückgelegt, um Sara zu sehen. 6000 Meilen und 37 Jahre weit ist er gereist, aus Mexico City und seiner Jugend. Als er 17 war, hielten seine mexikanisch-amerikanischen Adoptiveltern die Zeit für gekommen, dass er "die Wahrheit" erführe: Er sei das Kind mexikanischer Roma, ein "gitano". Seither spürt er dieser Wahrheit nach, was es heißt, ein Rom zu sein.

Die Legende von der schwarzen Sara hat er noch im selben Jahr erfahren, eine Geschichte, die Roma in der christlichen Welt von Generation zu Generation tragen. Sara, erzählen sie sich, war eine hochrangige Frau in der Camargue, eine "Königin des Ortes", wie ein Volkslied sagt. Vor allem war sie eine von ihnen. Zu ihrer Lebzeit wurden auf der anderen Seite des Mittelmeers die ersten Christen verfolgt. Eine Gruppe flüchtete sich in einer Barke ohne Steuer, ohne Segel aufs offene Meer. Zu den Flüchtlingen gehörten Maria Jakobea und Maria Salomea, die Saintes-Maries den Namen gaben.

Trotz Stürmen und tobender See erreichten sie das andere Ufer, die Küste der Camargue. Die Dame Sara stieg ins Wasser, nahm die erschöpften Frauen aus dem Boot und den Glauben an Gott und seinen Sohn an. So, heißt es bei den Roma, kam das Christentum in die Region.

Inzwischen haben sich die Pilger auf dem Kirchplatz gesammelt. Acht Schimmel führen den Zug an, auf ihren Rücken Rinderhirten, schwitzende Reiter in schwarzem Kord. Die harten breiten Hufe der Camargue-Pferde, wie geschaffen für die schlüpfrigen Sümpfe der Region, beginnen durch die Gassen des Städtchens zu klappern. Seit Mace Taxco von Sara gehört hat, zieht es ihn nach Saintes-Maries. Er hat lange auf die Reise gespart. In jungen Jahren als Seemann, heute als Butler eines reichen Ehepaars an der amerikanischen Westküste. Es gehört zu seinem Beruf, Gefühle für sich zu behalten. Aber als der Mexikaner sich in die Prozession einreiht, zu deren Eröffnung er nach 37 Jahren Warten zu spät kam, weint er.

Die Gassen von Saintes-Maries sind eng im Mai. Aus dem beschaulichen 2500-Seelen-Städtchen ist ein Schmelztiegel der Völker mit mehr als 50000 Besuchern geworden. Die Nerven der Einwohner liegen blank. Doppelt verriegelte Läden. Einheiten der Gendarmerie Nationale. Die Polizeibrigade in ständiger Einsatzbereitschaft. Wer es sich leisten kann, schließt zu und verreist. "Die Hölle!", sagen Einwohner. Roma sagen: "Das Paradies!" Kalkweiße Puppenstubenhäuser rahmen die Gassen. Restaurants neben Cafés neben Bars. Auf großen Tafeln steht "Steak vom Stier" und "Muscheln". Der Weinladen ist vergittert. Schreiende Kinder kleckern mit Waffelsirup. Frauen in gepunkteten Flamenco-Kleidern flanieren, im zurückgebundenen Haar stecken Sonnenblumen. Mädchen in Begleitung ihrer Mütter schauen uninteressiert, wenn sie sehnsüchtige Blicke von Jungen auffangen.

Zwei dunkle Greisinnen in ausgetretenen Schlappen wollen einer blonden Frau, die sie um zwei Köpfe überragt, blecherne Kettenanhänger verkaufen. Die eingestanzte Sara bringe Glück. Die Angesprochene lehnt ab und weist auf das handgroße Kreuz, das sie bereits an einer Kette trägt. Der Querbalken des Kreuzes drückt links und rechts tiefe Dellen in die üppigen Brüste.

Von den Gassen gelangt die Prozession zum Stadtrand. Man riecht die Küste, obwohl der Mistral von Norden weht. Fahrende Händler haben Straßen in Fußpfade verwandelt. Preise werden mit Ausdauer gedrückt und getrieben, Preise für Kingsize-Matratzen, hautfarbene Spitzenbüstenhalter, abwaschbare Tischdecken mit Flamenco-Motiven.

Wenn die großen Campingplätze am Stadtrand gefüllt sind, werden auch die Straßen zu Stellplätzen. Überall wehen bunte Wimpel an Wäscheleinen. Hundewelpen sind im Schatten von Bäumen angebunden. In den umliegenden Camargue-Teichen stehen Flamingos wie Himbeerschaum am Stiel.

Am Tag übertönen Hits von Snoop Doggy Dog und Jennifer Lopez die leisen Saiteninstrumente. Teenager mit Ghettoblastern schlendern zum Strand, zwischen den Gerüchen von gegrilltem Fleisch und Gambas und dem Klappern von Geschirr. Die Abende gehören den Stimmen und der Musik. Hier spielen Kontrabass und Geige ein klagendes Lied, dort hebt eine dunkle weiche Frauenstimme an zu einer schwermütigen Melodie. Man hält Ausschau nach dem Mann, der Frau fürs Leben, im Kreis der Familien, die sich kennen und besuchen. Irgendwo ertönt Rumba. In trunkenem Tanztaumel schleudert ein Mann eine Frau so ausgelassen, dass sie den Boden unter den Füßen verliert. Wie ein Eislaufpaar wirbeln sie, in existenzieller Umarmung.

Die weißen Camargue-Pferde und hinter ihnen die singenden Pilger müssen nur noch über einen Steinwall, dann sehen sie das Meer. 100 Meter Strand, die Letzten machen noch unsichere Schritte, als unter ihren Füßen Teer zu feinem Sand wechselt, während die Schweife der Pferde schon das Wasser peitschen.

Knietief steigen die Menschen in die See, Röcke wölben sich wie bunte Quallen auf der Wasserfläche. Hände tauchen in aufgewühltes Wasser. Zeichnen Kreuze in die Luft. Heben sich zur Statue. Zézé Baptistes Frau Chopi hat sich unter die Träger der heiligen Sara gemischt. Sie steht hinter ihrem Mann und versucht mit kleinen Händen, ein wenig Last von Zézés schmerzender Schulter zu nehmen. Immer wieder ruft der Chor: "Vive Sainte-Sara!"

Der Bischof segnet das Meer, weil es gut war zu den hilflosen Marien in der Barke. Er segnet die Menge. Die Menschen sind mit den Gedanken und Blicken im Himmel, sie schluchzen und murmeln. Etwas fährt in eine Tochter von Zézé Baptiste. Sie schüttelt sich weinend, verliert den Halt. Ihre Schwestern eilen herbei, stützen sie, schreien, stoßen mit Ellbogen einen Weg frei aus dem Wasser. Bald lösen sich einzelne aus der Menge, dann folgt die ganze Schar der Pilger. Ihre Kleider und Wangen tropfen.

Mace Taxco kauft sich am nächsten Tag Sara-Figuren in unterschiedlichen Größen, wie Matrjoschkas. Er will sie zu Hause aufstellen, auf einem eigenen Altar. Sara, sagt er, hat ihn der Wahrheit seiner Herkunft näher gebracht.