Mitte und Macht
Schneeregen fällt auf die 2200 Quadratmeter Glasdach über dem DaimlerChrysler-Atrium am Potsdamer Platz. Im Trockenen hocken die Genossen wie Schäfchen so brav und spitzen die Ohren. Der Kanzler spricht. Es geht um die Mitte, das heißt: um die Wurscht.
Links von der Bühne haben die Leute der »Kampa« eine Ecke abgezäunt, damit die Fotografen freies Schussfeld haben auf das Wahlplakat: »In Deutschland ist die Mitte rot«. Davor bleckt Franz Müntefering die Zähne, man sieht ihm die Hoffnung an, dass der Slogan sich erfüllen möge und niemand an die PDS denkt dabei.
An der Bühne sammelt sich Parteiprominenz aus Deutschlandfunk und Phoenix-Fernsehen. Wolfgang Thierse senkt den Bart zu den Ohren Peter Strucks. Der Hamburger SPD-Chef Olaf Scholz streicht durch leere Stuhlreihen, Holger Börner, das hessische Denkmal, grüßt nach hier und da seine steinalten Bekannten. Börner, zum Beispiel: Ist der Mitte? War er's je? Damals, die Dachlatten-Geschichte: War das links? Oder rechts? Oder Mitte?
Der Kanzler sticht seitwärts in den Saal, zügig, wach, aufgeräumt, die Augen auf Weitwinkel gestellt, der Anzug grau, die Haare frische Kastanie. »Guten Morgen«, »Guten Morgen«, »Guten Morgen«; jetzt sitzen in der ersten Reihe, von rechts: Schröder, Müntefering, Thierse.
Und auf geht's in die Mitte. »Münte« zuerst, er spult ab, was seinem Referenten auf die Schnelle eingefallen ist: Potsdamer Platz ist gleich »Mitte« Berlins, Deutschland 1945 war »ohne Mitte«, CDU/CSU sind »nicht Mitte«, dagegen ist die SPD voll und ganz »Mitte«. In Sachen Gesellschaft sagt Müntefering: »Es dominiert der Eindruck der Normalität, des ganz und gar Unspektakulären.« Das gilt auch für seinen Vortrag. Aber was bedeutet es sonst? Im Rückraum sitzen unbekannte Genossen mit verschränkten Armen, und ihre Gesichter sagen: So ein Scheiß.
Es merkelt in der Halle. Von Mund zu Mund geht der Satz der CDU-Parteivorsitzenden, geschrieben in der »FAZ«, frei nach Ernst Jandl: »Die Mitte ist rechts von links.« Oder war es umgekehrt? Stimmt nicht auch: links von rechts? Ist alles nur ein Wortspiel? Ein Rätsel? Ein Quiz? Der Kanzler hat Merkels Aufsatz gelesen. Nun stabreimt er zurück.
Die Mitte nennt er den Motor der Modernisierung, und Millionen Menschen machen dabei mit. Als müssten nach der Lösung der K-Frage nun alle deutschen M-Wörter in die Manege, wird aus Mitte und Mitbestimmung, Mittelstand und Marktwirtschaft ein rumpelnder Wahlkampftext. Für jeden etwas dabei; nur ein M-Wort fehlt: Machterhalt. Davon keine Rede.
Ernst spricht der Kanzler, die leichte Metallbrille wie einen Taktstock in der Rechten. Erzählt, wie immer in Wahljahren, aus seinem Leben. Berichtet, Textbaustein eins, von seiner Herkunft, der ärmlichen, und, Textbaustein zwei, wie er die Welt dann doch aus eigener Kraft eroberte. Ist das schon Mitte? Aus kleinen Verhältnissen zu kommen und trotzdem Karriere zu machen? Ist es Geduld mit Spucke? Oder einfach nur Glück?
Aufsteigertum, das war einmal ein abschätziges Wort. Schröder hat es zur Marke veredelt, und damit sein eigenes Leben zum Modellfall gemacht. Jeder soll und darf was werden, sagt Schröder, egal, woher er kommt. Hauptsache, er kann was. Und kann er nichts, hilft Politik der Mitte auch, denn sie geht so: Nicht links, nicht rechts, und keinen fallen lassen.
Wie das geht? Der Kanzler schwärmt. Am Schnittpunkt zwischen oben und unten, rechts und links, sozial und liberal, gestern und morgen - da irgendwo sieht er sie: die humane Gesellschaft, offen nach allen Seiten, bunt, ausgeglichen, ruhig, richtungslos, außer: vorwärts. Als Eintrittskarte reicht ein wenig Engagement, und vorn steht der Schaffner Schröder und lenkt mit ruhiger Hand. Super ist die Mitte.
Aber warum gehört sie nur der SPD? Und warum soll nur sie allein dort sitzen dürfen? Die Partei hat sich Gäste eingeladen, das Terrain zu vermessen. Die können fast alle nicht richtig mit der Mitte. Die Schriftstellerin Daniela Dahn hat in Lexika geschmökert und spottet nun fein. Mitte sei »die Quadratwurzel des Produkts aus zwei Zahlen«, ansonsten nicht viel.
Der Journalist Richard Herzinger hält die Mitte für eine »beliebige Floskel«, sie könne auch »ein Loch sein wie bei einem Abfluss«. Der Theologe Friedhelm Hengsbach findet Mitte »diffus und farblos«, der Politikberater und Publizist Warnfried Dettling immerhin verteidigt sie. Mitte, sagt er, beschreibe den Willen zum pragmatischen Management gesellschaftlichen Wandels. Sie sei nicht Zustand, nicht Ort, sondern Ziel.
Aber wieso ist dann Stoiber rechts? Und Gysi links? Und Westerwelle sonstwo? Was unterscheidet die Grundwerte der SPD - Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität - von den Grundwerten der CDU - Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit? Wie weit reicht Mitte? Von Heinrich Lummer bis Christian Ströbele? Von Glos bis Riester? Oder nur von Joschka bis Fischer?
Falsch geraten. »Ich nehme«, sagte der Kanzler, »den Begriff der Mitte auch ganz persönlich für mich in Anspruch.« Das ist es, natürlich. Gerhard Schröder ist die Mitte der Mitte. Das Wahlprogramm der SPD auf zwei Beinen. Eins links, eins rechts. ULLRICH FICHTNER